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„Unsere Aufgabe ist es, 350.000 Menschen eine Stimme zu geben“: So sieht der Chef der Konsuln auf Mallorca seinen Auftrag

Das Konsularkorps auf Mallorca umfasst 41 Diplomaten. Michel Magnier ist seit einem Jahr ihr Dekan und hat große Ziele. Ein Interview über seine Arbeit, die Integration von Ausländern und darüber, ob die Inseln ein Problem mit Zuwanderern haben

Michel Magnier ist seit 33 Jahren französischer Honorarkonsul und seit einem Jahr der Dekan des Konsularkorps auf der Insel.

Michel Magnier ist seit 33 Jahren französischer Honorarkonsul und seit einem Jahr der Dekan des Konsularkorps auf der Insel. / ANA B. MUÑOZ

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Johannes Krayer

Johannes Krayer

Vor dem Bürofenster von Michel Magnier im zentralen Carrer Caro von Palma weht eine große französische Flagge. Der Wind bewegt die Tricolore an diesem Dienstag (12.5.) schnell hin und her. Drinnen sitzt Anwalt Michel Magnier an seinem Schreibtisch und ist so ziemlich der genaue Gegenentwurf zu einem Fähnchen im Wind.

Der 61-Jährige mit französischem Vater und spanischer Mutter hat seit mittlerweile 33 Jahren das Honorarkonsulat von Frankreich auf Mallorca inne. Er ist damit der dienstälteste Konsul auf der Insel und hat sich in dieser Zeit beste Kontakte erarbeitet. Unter anderem deshalb wurde der Honorarkonsul Magnier vor genau einem Jahr zum Dekan der auf Mallorca ansässigen Konsulate gewählt – sozusagen der Chef oder Vordenker der 41 Berufs- und Honorarkonsuln auf der Insel.

Dass er dezidierte Ansichten hat und für seine Ziele kämpft, wird in dem einstündigen Gespräch mit ihm in seiner Anwaltskanzlei deutlich. Sie dient gleichzeitig als Konsulat.

Sie sind ehrgeizig in Ihr Mandat gestartet und sind sehr sichtbar in der Gesellschaft in Ihrer Rolle als Dekan des Konsularkorps.

Diese Aufgabe habe ich mir nicht selbst auferlegt. Das ist die Gesellschaft, die mir und uns Konsuln diese Aufgaben auferlegt. Auf den Balearen steigt die Zahl der nicht-spanischen Residenten immer weiter an. Momentan sind wir bei 32 Prozent, rund 350.000 Menschen. Unsere Aufgabe ist es, ihnen eine Stimme zu geben und ihr im öffentlichen Diskurs mehr Präsenz zu verschaffen. Wenn wir das nicht machen, besteht die Gefahr, dass Probleme bei der Integration und dem Zusammengehörigkeitsgefühl auf Mallorca auftreten. Es gibt schließlich in Spanien keine andere Region, in der der Prozentsatz an ausländischen Residenten so hoch ist.

Woran haben Sie in Ihrem ersten Jahr hauptsächlich gearbeitet?

Wir haben sieben Arbeitsgruppen, sogenannte Kommissionen, gebildet. Jede Kommission bearbeitet verschiedene Bereiche. Es gibt den Bereich Ausbildung und Weiterbildung, geleitet von der Schweiz. Den Bereich Sicherheit, den verantworten die USA. Dann gibt es Kultur, die Estland leitet, die Außenwirtschaftsdiplomatie, die Malta verantwortet. Um Tourismus kümmert sich Tschechien, das Thema konsularischer Beistand steht unter der Verantwortung von Marokko. Und Kommunikation und Protokoll leite ich selbst. Die anderen Länder können selbst entscheiden, in welche Kommission sie gehen, sie können in allen vertreten sein oder nur in einigen, je nach Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Das ist ein ordentlicher zusätzlicher Arbeitsaufwand für die Konsuln. Machen da alle mit?

Alle waren damit einverstanden, weil sie der Meinung waren, dass sie nur gewinnen konnten. Es ist sicher zusätzliche Arbeit, aber es funktioniert gut. Ich versuche, dass alle sich stark einbringen. Die allermeisten sehen das genauso. Ich hatte keinerlei Problem damit, einen Präsidenten für jede Kommission zu finden. Die Kommissionen treten regelmäßig zusammen und arbeiten intensiv. Die Konsuln nehmen diese Treffen wirklich sehr ernst.

Wer legt denn eigentlich fest, welche Länder auf Mallorca ein eigenes Konsulat bekommen?

Normalerweise ist das der Fall, wenn eine gewisse Notwendigkeit besteht, einer gewissen Anzahl an Landsleuten konsularischen Beistand anzubieten. Also, wenn es genügend Residenten oder Urlauber gibt. Für Frankreich ist beispielsweise das Kriterium, dass eine kritische Masse an französischen Staatsbürgern fest in der betreffenden Region lebt. Je mehr, desto besser. Wenn es dann zusätzlich noch viele Urlauber gibt, macht das die Sache nur noch dringender. Aber man geht zunächst von den Residenten aus.

Was machen diejenigen Ausländer, die kein Konsulat auf der Insel haben?

Es gibt zahlreiche Länder, die keinen Konsul haben. In diesen Fällen arbeiten wir mit Vereinigungen, die sich gegründet haben, um ihre Interessen zu vertreten und ihre Sorgen zu hören. Wir teilen dieselben Sorgen. Diese wollen wir sichtbar machen und an den Lösungen arbeiten.

Wofür machen Sie sich persönlich stark?

Ich trete zum Beispiel sehr für Außenwirtschaftsdiplomatie ein. Das rührt aus der Zeit des französischen Präsidenten Sarkozy her. Er gab uns Konsuln einmal mit auf den Weg, dass wir neben unserer normalen Arbeit auch Landsleute, die in anderen Ländern investieren wollen, dabei begleiten und ihnen dabei helfen sollen, dass die Investition zu einem guten Ende kommt. Schließlich kennen wir die Realität vor Ort und können Tipps geben. Ich weiß, an welchen Türen der Investor vorstellig werden muss, was er vermeiden sollte, ob es Subventionen gibt, ob die Geschäftsidee überhaupt zur Region passt. Oder ob er eventuell eine Aktivität anstrebt, die den Wertvorstellungen der Region widerspricht.

Es scheint zunächst einmal nicht, als sei das die vorrangige Aufgabe eines Konsulats.

Das sehe ich anders. Wir sind eine Anlaufstelle der französischen Verwaltung außerhalb der Grenzen. Viele Leute fragen mich, welche Herausforderungen es hier gibt. Sie wollen sich informieren, wie das Leben auf der Insel wirklich ist, bevor sie hier ein Unternehmen aufbauen oder investieren. Für mich beginnt Integration dort, wo die Leute sich dafür interessieren. Und ich sage ihnen dann ganz klar, wie es auf Mallorca aussieht. Franzosen, die hierherkommen wollen, sollen wissen, dass es auf der Insel ein Problem mit dem Wohnraum gibt, mit der Überfüllung, beim Thema Verkehr oder auch mit der Gentrifizierung. Ich erkläre ihnen auch die Spannungen zwischen Residenten und Besuchern und zwischen Residenten aus den verschiedenen Ländern.

Geben Sie auch Integrationsnachhilfe?

Ich finde, dass jeder, der hierherkommt, den ersten Schritt auf die Leute zumachen muss. Mallorquiner sind sehr gerne bereit, Menschen aus anderen Ländern oder Regionen bei sich aufzunehmen. Sie sind sehr gastfreundlich. Aber sie stehen nicht in der Verantwortung, den ersten Schritt zu machen. Diese Verantwortung haben die, die von woanders herkommen. Ich ermuntere die Leute ausdrücklich, diesen Schritt zu machen. Das beginnt selbstverständlich damit, die Sprache zu lernen, also Spanisch oder noch besser mallorquí, um zu verstehen, welche Probleme die Leute hier haben.

Wie klappt das aus Ihrer Sicht?

Die Franzosen machen das in meinen Augen sehr gut.

Besser als die Deutschen oder andere Nationen?

Dazu kann ich nichts sagen. Ich kann nur sagen, dass die Franzosen es häufig zu gut meinen mit der Integration. Es gibt auf Mallorca rund 15.000 französische Residenten, aber man sieht sie nicht. Sie integrieren sich perfekt, lernen mallorquí, viele sind mit Mallorquinerinnen oder Mallorquinern verheiratet. Damit ist ihre größte Tugend aber auch ihr größtes Manko. Denn diese 15.000 Personen sind im Straßenbild nahezu unsichtbar. Das will ich ein Stück weit ändern. Die französischen Residenten sollen sich einbringen und sich bekannt machen auf der Insel. Dann ist es für alle bereichernd.

Viele Auswanderer scheinen zu vergessen, dass sie den ersten Schritt machen und auf die Menschen in ihrer neuen Heimat zugehen müssen. Gerade Deutsche kommen in manchen Ecken der Insel ganz prächtig zurecht, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen.

Ich will mit dieser Haltung brechen. Ich will die Leute zusammenbringen. Ich will ihnen sagen: Schau her, das ist Tolo, das ist Hans. Der eine macht das und der andere jenes. Das sehe ich als meine Aufgabe als jemand, der ein großes Netzwerk auf der Insel hat. Und dann hat man diese Mauer eingerissen, und es kann eine Freundschaft entstehen. Diese Arbeit müssen wir Konsuln machen. Die Lateinamerikaner haben es in dieser Hinsicht einfacher, weil sie dieselbe Sprache sprechen und denselben kulturellen Hintergrund wie die Spanier haben.

Welche konkreten Pläne haben Sie, um die Menschen zusammenzubringen?

Am 18. Juni versammeln wir beispielsweise etwa 100 Unternehmer aus vielen verschiedenen Ländern und reden über ihre Sorgen und Herausforderungen. Und ich hoffe, dass auch mallorquinische und spanische Unternehmer zu dieser Veranstaltung kommen. Denn ich bin mir sicher, dass wir ähnliche Sorgen haben. Danach können wir Konsuln uns mit der Verwaltung treffen und darüber sprechen, was man tun kann. Es ist auch wichtig, dass die Gesellschaft auf den Balearen sieht, welchen Beitrag die ausländischen Unternehmer auf der Insel leisten. Sie zahlen hier ihre Steuern, sie stellen Leute von hier in ihren Betrieben ein. Oft sehen das die Einheimischen gar nicht.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Politik auf den Balearen?

Wir haben einen permanenten Dialog mit der Balearen-Regierung etabliert. Das ist einzigartig. Ich habe Ministerpräsidentin Marga Prohens gesagt, dass wir uns regelmäßig treffen müssen. Sie sah das auch so. Wir treffen uns deshalb jetzt alle zwei Monate mit verschiedenen Ministerien. Diese Treffen stehen normalerweise unter der Leitung der Präsidialamtsministerin Antònia Estarellas. Hinzu kommt, dass jede der sieben Kommissionen einen eigenen Ansprechpartner hat. Wir haben uns der Balearen-Regierung vorgestellt und wollen das mit dem Rathaus von Palma ebenfalls machen und mit der Vertretung der Zentralregierung. Das ist wichtig, dass hier eine Zusammenarbeit stattfindet. Zum Beispiel beim Thema Regularisierung der Nicht-EU-Ausländer, die die spanische Regierung vor Kurzem initiiert hat. Der Delegierte der Zentralregierung wollte uns erklären, wie das genau gehandhabt wird und hat mich angerufen, damit ich die Konsuln versammle. Wir haben uns auch schon mit der Statistikbehörde Ibestat getroffen, und auch mit dem Obersten Gerichtshof sowie der Privatwirtschaft, der Hoteliersvereinigung, der Arbeitgebervereinigung. Und die Zusammenarbeit funktioniert jetzt in beide Richtungen. Wir werden immer häufiger angerufen. Bisher lief das sehr individuell, jeder Konsul hat seine Interessen vertreten. Aber wir werden immer mehr als Einheit wahrgenommen.

Stoßen Sie mit der rechtsextremen Partei Vox auch auf Ablehnung oder Hindernisse?

Wir können keine politische Bewertung machen. Aber wir können die Probleme auf den Tisch legen. Die Politiker tun, was sie für richtig halten. Aber wir haben die Verpflichtung, zu überprüfen, dass die Entscheidungen und Beschlüsse im Einklang mit den von den Ländern unterschriebenen Verträgen stehen. Das ist ja kein luftleerer Raum. Vor allem die Bürger aus der EU haben einen ganz bestimmten Status. Das beinhaltet, dass es keinerlei Diskriminierung geben darf. Die Länder aus Südamerika haben einen anderen Status, und auch hier muss Spanien die Vorgaben einhalten. Häufig unternimmt die Verwaltung nicht die richtigen Schritte, weil sie die Vorgaben nicht kennt. Wenn sie nicht erfüllt werden, müssen wir das anzeigen. Auf diplomatischem Wege zwar, aber laut und deutlich anzeigen. Wir haben das Glück, dass viele Konsuln Juristen sind.

Sehen Sie ein Rassismusproblem auf Mallorca?

Nein, ich halte die balearische Bevölkerung keineswegs für rassistisch. Es gibt eine gemeinsame Sorge bei den Themen Wohnraum, Mobilität und Teuerung, aber die gibt es auch auf dem Festland. In dieser Debatte müssen wir gemeinsame Lösungen suchen. Wenn der Wohnraum ein Problem für Mallorquiner ist, dann ist er es auch für Franzosen oder Deutsche, die hier leben. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass die Probleme bei Residenten und Urlaubern bekannt sind. Auch, damit die Leute dann die richtigen Entscheidungen treffen können und wissen, welche Sensibilitäten die Menschen hier auf der Insel haben. Wir müssen Vorurteile abbauen.

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