Aus einem Zufall wurde Heimat: Ina Bergandes ungewöhnliche Mallorca-Geschichte
Mit nur 24 Jahren kam die Friseurmeisterin Ina Bergande nach Mallorca. Das ist 30 Jahre her, doch noch immer betreibt sie denselben Salon in Costa dels Pins. Das liegt nicht nur am schönen Ausblick

Ina Bergande hält seit 30 Jahren in ihrem Friseursalon Peluqueria Reflexión an der Costa dels Pins die Stellung. / Sophie Mono
Blaues Meer, malerische Buchten, Palmen: Der Ausblick aus dem Panoramafenster ihres Friseursalons ist für Ina Bergande bis heute beglückend. „Ja, den nehme ich noch immer wahr – und bin froh, dass ich hier bin“, sagt die Düsseldorferin. Dabei ist es schon 30 Jahre her, dass sie nach Mallorca kam und den alten Salon im Hotel Punta Rotja an der Costa dels Pins übernahm. Damals war sie 24, heute ist sie 55 – und hat mehr als ihr halbes Leben in dem gemütlichen Lokal verbracht. Dass sie nach so langer Zeit noch immer auf der Insel ist, liegt aber nicht vordergründig an der schönen Umgebung. „Das Wichtigste ist die Integration“, sagt sie. Und die ist ihr geglückt.
Dabei konnte Ina Bergande anfangs nicht einmal Spanisch. „Ein Bier bestellen und fragen, wo die Toilette ist, ging. Aber die Antwort habe ich dann schon nicht mehr verstanden“, erinnert sie sich und muss schmunzeln. Überhaupt sei sie damals ganz unbedarft auf die Insel gekommen. Große Auswanderungspläne gab es nicht. Durch Zufall knüpfte sie bei einem ihrer vielen Mallorca-Urlaube einen Kontakt zum Hotel und erfuhr, dass dort ein neuer Pächter für den Friseursalon gesucht wird.
„Mach das doch“
„Nur dadurch kam ich überhaupt auf die Idee, nach Mallorca zu ziehen“, erinnert sie sich. Ihre Ausbildung in einem Friseurbetrieb an der Düsseldorfer Königsallee hatte sie damals abgeschlossen, auch den Meisterbrief in der Tasche. „Ich war kinderlos, ungebunden, und viele in meinem Umfeld sagten: ‚Mach das doch.‘ Also machte ich“, sagt Ina Bergande. Ein paar Möbel und Habseligkeiten lagerte sie in Deutschland ein – wer wusste schon, wie lange sie es auf der Insel aushalten würde –, dann packte sie ihren Renault 5 voll bis obenhin und machte sich auf den Weg auf die Insel. Ohne zu wissen, für wie lange.
Bezahlen musste sie für die Übernahme des Salons damals nichts. „Allerdings war er ziemlich schrecklich eingerichtet“, erinnert sich die Deutsche. Schritt für Schritt tauschte sie die Stühle und Waschbecken aus, dekorierte um, brachte Stil in den Laden, baute sich einen treuen Kundenstamm auf, lernte Spanisch, schloss Freundschaften. „Das war mir immer wichtig. Dass ich mich hier nicht abschotte, sondern einbringe. Nicht neben, sondern mit den Menschen von hier lebe.“ Sprache sei dafür das A und O. „Zum Glück rede ich sowieso gerne. Und Marga war immer meine beste Lehrerin“, sagt Ina Bergande und wirft einer dunkelhaarigen Frau in ihrem Alter einen warmen Blick zu. Bereits seit 36 Jahren betreibt die Mallorquinerin die kleine Boutique direkt neben dem Friseursalon. Dass die vergangenen 30 Jahre die beiden Frauen zusammengeschweißt haben, ist unverkennbar. Ihr täglicher Plausch gehörte von Anfang an dazu.
„Es hätte auch alles anders kommen können. Aber nach ein paar Jahren war einfach klar, dass ich hierbleiben werde“, resümiert Ina Bergande. Wegen all der Menschen, die sie in ihr Herz schloss. Und auch wegen Lea. Fünf Jahre war Bergande bereits auf der Insel, als ihre Tochter zur Welt kam. „Den Vater, einen Mallorquiner, hatte ich schon kurz nach meiner Ankunft kennengelernt“, berichtet die Deutsche. „Das erleichterte die Integration zusätzlich.“ Trotz der Trennung, als die Tochter noch klein war. Immer mehr erweiterte sich ihr soziales Netz, heute zählen Deutsche, Mallorquiner, Festlandspanier und andere Zugezogene zu Ina Bergandes Freundeskreis. Und das sei auch gut so, findet sie. Denn nicht immer sei es einfach gewesen, als Alleinerziehende mit einem Kleinkind. „Aber durch Lea habe ich auch ein wenig Katalanisch gelernt.“ Besonders in ihrem Wohnort S’Illot sei sie mittlerweile verwurzelt. „Manche andere Deutsche dort grenzen sich komplett ab, das kann ich nicht verstehen“, sagt sie.
Nicht abhängen lassen
Ebenfalls hart war die Coronapandemie. „Ich habe in all den Jahrzehnten viele Hotelleitungen kommen und gehen sehen. Der damalige Direktor war mir sehr wohlgesonnen und verlangte während der Zeit des Lockdowns keine Miete von mir.“ Dieses Entgegenkommen rettete sie durch die Covid-Durststrecke – zusammen mit ihrem Ersparten. Auch den Wandel in der Branche erfuhr Bergande hautnah. „Mit Waschen, Föhnen, Legen ist heute nicht mehr viel. Die Gewohnheiten der Kunden haben sich sehr geändert. Als Friseurin muss ich immer am Ball bleiben.“ Ständig bildet sich Bergande weiter, verfestigt ihr Wissen über Strukturaufbau und Haarpflege, experimentiert mit den sozialen Netzwerken. „Man will ja nicht abgehängt werden.“
„Wenn ich zurückblicke auf all die Mallorca-Jahre würde ich nichts anders machen“, resümiert die Friseurmeisterin nachdenklich. „Doch, eine Sache“, fügt sie hinzu. „Hätte ich mir vor 20 Jahren einen eigenen Salon gekauft, wäre das eine gute Altersvorsorge gewesen.“ Aber bereuen tue sie nichts. Noch immer liebt sie die Insel und ihr Handwerk, vor allem wegen der Abwechslung. „Viele meiner Kunden sind Urlauber, für die ein Friseurbesuch bei mir über Generationen ein fester Bestandteil ihres Mallorca-Aufenthalts ist. Gleichzeitig bediene ich aber auch viele Einheimische und Zugezogene, es ist eine bunte Mischung.“
Promis unter der Haube
Nicht zu vergessen die spanische High Society, die in Costa dels Pins ihre Sommerresidenzen hat. Mehr als einmal wurde Ina Bergande erst nachher bewusst, dass sie soeben einen landesweit bekannten Promi frisiert hatte. „Aber Namen nenne ich nicht, da bin ich ganz diskret“, betont sie.
Dabei redet sie doch sonst so gerne. „Das gehört ja auch irgendwie zum Beruf dazu“, findet sie. Doch sie wisse sich zu bremsen, wenn sie merke, dass ihr Kunde es lieber still mag. Mitarbeiter hat sie nicht, Ina Bergande kann sich also stets selbst auf die Menschen einlassen, mit ihnen lachen, schweigen, plaudern oder auch mal weinen. „In all den Jahren erlebt man viele Dinge mit. Aus manchen Kunden sind Freunde geworden, die ich nicht mehr missen will“, sagt sie. Noch so ein Grund, der ihr zeigt, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat, damals vor 30 Jahren.
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