Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Auf Mallorca ausgegrenzt, rassistisch angegangen - und trotzdem schaut Rachida unter ihrem Kopftuch nach vorne

Vorurteile und rassistische Gedanken stecken in uns allen. Bei manchen wirken sie wie Scheuklappen. Das weiß Rachida Idfakir aus täglicher Erfahrung. Sie ist intelligent, hilfsbereit und offen – und dennoch sehen viele in der Auswanderin nur eine Fremde

Rachida Idfakir lebt seit 13 Jahren auf Mallorca. „Ich bin nicht dieselbe wie früher. Oder doch“, sagt sie.

Rachida Idfakir lebt seit 13 Jahren auf Mallorca. „Ich bin nicht dieselbe wie früher. Oder doch“, sagt sie. / privat

Folgen Sie uns bereits?Marken Sie uns als bevorzugte Medien
Hinzufügen zu Google
Sophie Mono

Sophie Mono

Am Strand erntet sie missbilligende Blicke. Im Hausflur wenden sich Nachbarn ab. Auf dem Spielplatz zischen Eltern herabwürdigende Sprüche. Und an ihrem Arbeitsplatz wird sie diskriminiert. Für Rachida Idfakir ist Rassismus kein theoretisches Konstrukt, sondern Alltag. Sie ist offen, zuverlässig, hilfsbereit. Doch was bedeutet das schon?

Ihr Kopftuch sorgt bei vielen für Blockaden im Kopf: Muslimin gleich fremd gleich schlecht. Eine Gedankenkette, so primitiv wie gefährlich. Und auf Mallorca in allen gesellschaftlichen Schichten verbreitet. Los moros nennt man Rachida Idfakir und ihre Glaubensgenossen. Dabei ist der eigentlich wertneutrale Ausdruck für Moslems für viele Insulaner gleichbedeutend mit einem Schimpfwort.

Acht Schwestern, drei Brüder

Freitagvormittag (29.5.), MZ-Interview in einem Café gegenüber der Grundschule von Cala Ratjada. Während ihre beiden Kinder sich drüben, in den Klassenräumen, auf das inselweite Singen der Mallorca-Hymne „La Balanguera“ vorbereiten, erzählt Rachida Idfakir an einem Tisch in einer ruhigen Ecke des Schankraums von ihrem Leben. Von ihrer Kindheit in einem Dorf im ländlichen Marokko. Acht Schwestern, drei Brüder, Schulbildung nur bis zur sechsten Klasse. Liebevolle Eltern.

Auch von ihrer Auswanderung vor knapp 13 Jahren berichtet die 38-Jährige. Vom ersten Jahr, als sie noch kein Wort Spanisch sprach und außer ihrem Mann niemanden kannte. Von den vielen Tränen. Wegen der Ignoranz vieler Mitmenschen, der Missverständnisse, der Distanz. Von ihrer Entwicklung: Spanisch sprechen und schreiben lernen, den Führerschein machen, Kontakte knüpfen. Von den Glücksmomenten. Jenen, in denen Menschen sich plötzlich doch öffnen, die Scheuklappen abnehmen. Von der Geburt ihrer zwei Kinder. Dem Schock, als sich herausstellte, dass ihr Sohn eine geistige Behinderung hat. Von ihrem Wunsch, arbeiten zu gehen – trotz der Vorbehalte ihres Mannes.

Sie muss sich doppelt rechtfertigen

Rachida Idfakir erzählt auch von der Zufriedenheit, die sie fühlt, wenn sie sieht, dass es ihren Kindern gut geht. Von den kleinen, aber spürbaren materiellen Fortschritten. Von der Verbundenheit zu ihrem Mann, die heute größer denn je ist, seit auch er merkt, wie gut es ihr tut, zu arbeiten und voranzukommen. Trotz des Knochenjobs als Zimmermädchen – und trotz des allgegenwärtigen Rassismus, der sie umgibt.

Rachida Idfakirs Blick ist fest, ohne hart zu sein, während sie von all dem spricht. Ihre Wortwahl ist klar, aber nicht verbittert. Eine starke Frau, könnte man sagen, wäre dieser Begriff nicht viel zu abgenutzt. Doch wie anders als stark bezeichnet man jemanden, der sich permanent dafür rechtfertigen muss, im Sommer im Meer zu baden – und es trotzdem tut?

Doppelt rechtfertigen: Vor der breiten Masse glotzender Strandbesucher, die ihre Schwimmverhüllung teils missbilligen. Und vor den eigenen Landsleuten, die es oft als skandalös empfinden, dass sie als Muslimin diesen Schritt in der Öffentlichkeit tut. „Ich erfrische mich gerne. Und ich mag meine Verhüllung. Beides lasse ich mir nicht verbieten“, sagt Rachida Idfakir.

Mit oder ohne Kopftuch - immer ist es falsch?

Intelligent, warmherzig, ehrlich, unabhängig. Aber auch: verletzlich, reflektiert, realistisch. All das ist Rachida Idfakir. Und ja: auch muslimisch. Fünf Mal am Tag betet sie, sie isst kein Schweinefleisch, fastet, wenn Ramadan ist. Ihre Kinder zwingt sie zu nichts davon. „Sie wachsen hier auf. Sie gehen ihren eigenen Weg. Worauf es ankommt, ist, ein gutes Herz zu haben, anderen zu helfen, ehrlich zu sein. Das bedeutet es für mich, ein guter Moslem zu sein – ein guter Mensch.“

Rückblick, sieben Jahre zuvor: Vorstellungsgespräch im Hotel. „Mit Kopftuch darfst du hier nicht arbeiten, das stört die Gäste“, sagt die damalige Gouvernante. „Ohne Kopftuch darfst du nicht arbeiten, dann bist du keine richtige Muslimin“, sagten andere Marokkanerinnen im Ort, als sie es dennoch tat.

Ortswechsel, Spielplatz Cala Ratjada: „Dein Sohn stört meine Kinder. Typisch moros, könnt eure Kinder nicht mal richtig erziehen“, pöbelt ein Mann. „Mein Sohn ist behindert“, sagt Rachida Idfakir – doch niemand hört zu.

"Ich bin weiterhin nett zu den anderen, grüße, helfe"

Einmal im Jahr Urlaub in Marokko, das reicht. Einmal im Jahr eintauchen in ihr altes Leben, das Rachida Idfakir hinter sich gelassen hat. „Ich bin nicht dieselbe wie früher“, sagt sie, am Cafétisch gegenüber der Grundschule. „Oder doch. Mein Herz ist immer noch dasselbe, aber ich bin reifer geworden. Und stärker.“

Über den Dingen stehen. Vorurteile und Diskriminierung auf der Insel nicht an sich heranlassen. Sich davon frei machen, was andere Leute denken. Stück für Stück, Jahr für Jahr gelingt es ihr besser. Mit innerer Abgrenzung statt äußerer Abschottung. „Ich bin weiterhin nett zu den anderen, grüße, helfe. Manche sagen, das sei dumm. Aber so will ich sein, nicht anders.“

Und manchmal, gar nicht so selten, ändere genau das die anderen. Mache sie offen für die Rachida unter dem Kopftuch. Bei manchen sei das nicht nötig. „Es gibt gute Menschen, überall.“ Solche, die sofort mehr in ihr sehen als eine Fremde. Xisco zum Beispiel. Ein ehemaliger Lehrer ihres Sohnes, Urmallorquiner. Ein Freund, von Anfang an.

Weiter wachsen, reifen. Studieren, im Hotel aufsteigen, eine eigene Wohnung kaufen. Zukunftsträume. „Ich will noch viel erreichen. Für mich und meine Familie“, sagt Rachida Idfakir. Auf Mallorca – ihrem Zuhause.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents