Fertigessen aus dem Supermarkt: Sind die Küchen in unseren Wohnungen bald überflüssig?
Der Markt für Fertiggerichte boomt. Immer mehr Supermärkte setzen auf den Komfort einer warmen Mahlzeit aus dem Regal. Der Chef von Mercadona sieht gar das Ende der privaten Küche nahen. Für andere käme das einer Katastrophe gleich

Mittagessen ist fertig: So präsentiert Mercadona in Sa Pobla einen Teil seiner Ready-To-Eat-Gerichte. | FOTOS: NELE BENDGENS
Die schöne neue Welt der Kulinarik befindet sich ganz in der Nähe der Kassen. Hinter einer Glasvitrine, aber auch in Kühlregalen liegen verschiedene Fertiggerichte. Abgepackt in Plastik oder in Papptellern mit Plastikschale. 40 verschiedene Gerichte sind es. Paella, Kartoffeltortilla, Schinkenkroketten, Linsensuppe. Aber auch Salate, Burger, Chicken Teriyaki und Sushi. Spanische Klassiker und internationale Trendküche. Ausgewählt von den Experten für Kundenwünsche von Mercadona. Spaniens größte Supermarktkette ist zwar nicht der Erfinder, aber doch einer der größten Vorreiter eines Trends, der sich möglicherweise in eine Revolution verwandeln könnte. Zumindest, wenn es nach den Vorstellungen von Mercadona geht. Der Trend lässt sich folgendermaßen beschreiben: Warum selbst kochen, wenn das auch Mercadona für mich machen kann?
Der Supermarktkette ist es ernst damit. Bei der Jahreshauptversammlung im März präsentierte Unternehmensgründer Juan Roig die Bilanzen und ließ sich zu einer Vorhersage hinreißen, die seither für viele Diskussionen gesorgt hat: „Mitte des 21. Jahrhunderts werden die Küchen aus den Privathaushalten verschwunden sein.“ Ersetzt werden die Küchen, das ist der logische Schluss, durch das Angebot in der Vitrine und in den Kühlregalen. Die 40 Ready-To-Eat-Gerichte sind so gesehen der neue Kanon der spanischen Kulinarik.
Damit diese Zukunftsvision wahr wird, investiert Mercadona kräftig. Ortstermin in der neuen Filiale in Sa Pobla, die am Montag (24.11.) erstmals eröffnete. Ein brandneuer Supermarkt auf 1.400 Quadratmetern. Sieben Millionen Euro hat sich der Konzern aus Valencia den Bau kosten lassen. Es gab schon einen Mercadona in Sa Pobla. Aber der genügte nicht mehr den Ansprüchen. Anders gesagt: Es gab keine Möglichkeit, eine Abteilung für Fertiggerichte einzubauen, so wie man es in so vielen anderen Filialen der Insel, auf dem Festland und in Portugal gemacht hat. Auf den Balearen haben jetzt 43 der 47 Filialen eine eigene „Küche“. Spanienweit bieten rund 1.400 Filialen den Service. In Portugal alle.
Paula Serra ist die Kommunikationschefin Mercadonas für die Regionen Balearen und Murcia und ist an diesem Montag extra eingeflogen, um bei der Eröffnung dabei zu sein. Sie versichert, dass sie auch selbst gerne zu den Gerichten aus der Ready-To-Eat-Abteilung greift. Immerhin schmeckten diese „wie zu Hause“.
Dass ihr Arbeitgeber immer mehr auf Essen aus der Vitrine setzt, liegt auch daran, dass es für immer weniger Menschen ein „wie zu Hause“ gibt. Veränderte Familienkonstellationen und die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt gelten als Hauptgründe, warum immer weniger Menschen Zeit zum Kochen haben. Oder sich zumindest die Zeit nehmen.
Konkurrenz für die Menús del día
Wobei außer Haus zu essen nicht ungewöhnlich ist für Spanier. Dass Bars und Restaurants sogenannte „Menús del día“ anbieten, ist hier Tradition. Bislang beinhalteten sie zwei Gerichte, Nachtisch und Getränke. 14,20 Euro zahlt man laut dem Branchenverband „Hostelería de España“ dafür durchschnittlich. Vor drei Jahren waren es noch 12,80 Euro. Auf Mallorca und den Nachbarinseln sind es 2025 im Schnitt 16 Euro. Es ist die teuerste Region des Landes. Den Lokalen brechen die Kunden weg, manche gehen schon dazu über, nur noch einen plato del día, einen Mittagsteller, anzubieten. Alfonso Robledo, Vizevorsitzender des Gastronomenverbands „Restauración-CAEB“ machte kürzlich im Gespräch mit der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca“ einen Schuldigen aus: die Fertiggerichte aus den Supermärkten.
Bei Mercadona kostet eine Portion eines warmen Fertiggerichts schon ab vier Euro. Da kann kein Restaurant mithalten. Zumal die Supermarktkette mittlerweile in vielen Filialen, auch in Sa Pobla, eine eigene Ecke mit Mikrowellen und Tischen anbietet, wo man sich in Ruhe hinsetzen und das Essen im Zweifel nachwärmen kann. Und an diesem Montagnachmittag in Sa Pobla sitzen hier nicht nur Arbeiter, die sich nach der Schicht schnell ein spätes Mittagessen geholt haben. Eine Familie mit Kindern. Zwei Frauen mittleren Alters. Eine Gruppe Jungs, bestimmt keine zwölf Jahre alt. Restaurantbesuch im Supermarkt. Wenn’s im Möbelhaus klappt, warum dann nicht auch hier?
2018 habe Mercadona erstmals in einer Filiale im Raum Valencia eine Theke mit Ready-To-Eat-Gerichten angeboten, erklärt Paula Serra. Das kam gut an. Daraufhin habe man das Angebot ausgeweitet. Die Zulieferer liefern das quasi fertige Gericht. Eigens geschulte Mitarbeiter bereiten es in den Supermärkten zu Ende. Es ist nur ein Teil ihres Arbeitsalltags. Niemand widmet sich ganztägig der Zubereitung. Morgens wird „gekocht“, zu Beginn der Nachmittagsschicht ein zweites Mal.
Dass Fertiggerichte im Trend liegen, belegen auch Zahlen des spanischen Landwirtschaftsministeriums. Demnach ist der Konsum in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 5,8 Prozent gestiegen. Wobei dies auch die gekühlten oder gefrorenen Fertiggerichte beinhaltet, die es schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Formen in Supermärkten zu kaufen gibt. Doch bedeutet dies nun, dass die Küchen aus den Haushalten verschwinden werden, wie der Mercadona-Boss Roig orakelt?
Das mediterrane Lebensgefühl
Joana Vilanova betreibt die Firma „Estils i Formes“. Das vor 41 Jahren in Pollença gegründete Familienunternehmen ist auf den Entwurf und Einbau von Küchen und Bädern spezialisiert. Mittlerweile gibt es auch eine Filiale in Palma. Zu den Kunden gehören sowohl einheimische Familien als auch ausländische Zweithausbesitzer. „Gerade die jungen Leute legen sehr viel Wert auf eine große und gute Küche“, erklärt sie. Zumal die Küchen heutzutage die Möglichkeit böten, auch ohne große Kochkenntnisse ein passables Gericht zuzubereiten. Einfach am Bildschirm am Ofen einstellen, dass man etwa Lachs zubereiten möchte. Und das Gerät selbst machen lassen.
Es wird niemanden überraschen, dass Vilanova nicht an ein Ende der Küche in Privathäusern glaubt. Dass Küchen in Zukunft nur den Reichen vorbehalten sein werden und ärmere Haushalte ohne auskommen müssen, hält sie ebenfalls für unwahrscheinlich. Dies sei kulturell in Spanien nicht vermittelbar, so Vilanova. „Wir leben am Mittelmeer. Für uns war die Küche schon immer ein Ort, an dem wir uns versammelt haben. Hier wurde nicht nur gekocht und gegessen. Die Kinder haben hier Hausaufgaben gemacht. Hier kam die Familie zusammen.“ Die Bedeutung des gemeinsamen Essens werde man nicht so schnell aus den Menschen herausbekommen.
Sorgen macht Vilanova zudem der ganze Müll, der durch die Fertiggerichte entsteht. „Das lässt sich doch gar nicht vereinbaren mit einer Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle spielt.“
Das moderne Wohnen
Wohnungen ganz ohne Küchen hält auch Peter Germann für unwahrscheinlich. Er ist Repräsentant des Immobilienunternehmens Domus Vivendi auf Mallorca, das Angebote für „modernes, bezahlbares Wohnen“ erarbeitet. In Palma etwa gibt es die Wohnanlage „Mío“ im Carrer Aragó. Hier wohnen jene, die weniger Wert auf große Wohnungen legen, sondern eher auf eine moderne Ausstattung und eine gute Anbindung. Und die tendenziell alleine wohnen. Digitale Nomaden zum Beispiel. Berufspendler. Aber auch Senioren, die nach Mallorca ausgewandert sind und lieber Anschluss suchen, als auf einer riesigen Finca zu versauern.
Neben 36 komplett ausgestatteten Kleinwohnungen bietet Domus Vivendi hier auch 148 sogenannte Micro-Apartments. Sie verfügen zwar über ein Einbaumöbel mit einer kleinen „Pantryküche“, allerdings nur mit Mikrowelle und Waschbecken. Richtig gekocht werden kann aber in den Gemeinschaftsbereichen, die jeweils vier bis sechs Micro-Apartments zur Verfügung stehen. „Keiner unserer Mieter stellt sich jeden Abend in die Küche und kocht ein Sechs-Gänge-Menü“, sagt Germann. Die Gemeinschaftsküche werde eher punktuell genutzt und sei auch ein Ort der Zusammenkunft. „Die Architektur fördert die Kommunikation.“
Gesetzlich vorgeschrieben
Dass die Mieter der Micro-Apartments Zugang zu einer Küche haben, sei nicht nur dem Wohnkonzept geschuldet, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben. „Ohne dass eine Küche vorhanden ist und diese den Vorschriften entspricht, wird keine Wohnung von den Behörden abgenommen.“ Dennoch räumt Peter Germann ein, dass die Küche für viele der Mieter eher nachrangig bei der Entscheidung für ein Leben in der Mío-Anlage gewesen sei. „Entscheidender sind etwa der Pool und der Fitnessbereich.“
Unmittelbar bevor steht das Ende der Privatküche also nicht. Dennoch ist in Teilen von Politik und Gesellschaft die Sorge groß, dass Juan Roig vielleicht doch recht haben könnte mit seiner Vorhersage. Ernährungsexperten im Agrarministerium warnen, dass nicht nur die als besonders gesund geltende mediterrane Küche durch Fertigprodukte zurückgedrängt wird. Sondern auch die wichtige soziale Komponente, das gemeinsame Essen, der Austausch mit anderen Menschen.
Mikel López Iturriaga, einer der bekanntesten Food-Journalisten Spaniens, sieht gar „eine Katastrophe“ auf die Gesellschaft zukommen, sollte Roigs Vorhersage eintreffen. Im Podcast „Sabor a queer“ erklärte er im Sommer: „Wir würden einen bedeutenden Teil unseres gastronomischen Erbes verlieren, also unserer Kultur. Und unser Leben würde deutlich schlechter sein.“ Das Fertigessen sei eine Mogelpackung: „Es wird als Akt der Freiheit verkauft, aber tatsächlich verlieren wir dadurch effektiv die Freiheit zu entscheiden, wie wir was essen und wie es zubereitet wird.“
Noch nicht auf der Höhe der Zeit
Tatsächlich ist die Vielfalt bei den Gerichten an der Mercadona-Vitrine nur auf den ersten Blick gegeben. Schaut man genauer hin, stellt man schnell fest, dass es kaum vegetarische Gerichte gibt, vegane überhaupt keine.
Paula Serra erklärt, man arbeite daran. „In den vergangenen drei bis vier Jahren haben wir ein erhöhtes Interesse an vegetarischen und veganen Gerichten festgestellt.“ Derzeit sei man damit beschäftigt, die Rezepturen gemäß dem Anspruch von Mercadona zu entwickeln, nach dem die Gerichte nicht nur gesund, sondern auch lecker sein sollen. Die richtige Formel zu finden, dauere eben manchmal ein wenig, erklärt die Kommunikationschefin.
Doch auch etwas anderes überrascht: Ausgerechnet in Spanien, wo der Stolz auf regionale Gerichte so groß ist, bietet Mercadona landesweit weitgehend ein Standardangebot. „Es gibt einige wenige Unterschiede“, erklärt Paula Serra. „In Valencia wird die Paella nur mit Fleisch zubereitet. Für die Balearen haben unsere Spezialisten festgestellt, dass die Leute hier eher die gemischte Variante mit Meeresfrüchten bevorzugen.“ Darüber hinaus gebe es in manchen Regionen Sondergerichte, etwa in Kastilien-La Mancha, wo das beliebte Gericht migas in den Vitrinen liegt.
Das war es dann aber auch. Und das soll sich offenbar auch erst mal nicht ändern. Dass es in naher Zukunft in Sa Pobla mallorquinische Klassiker wie tumbet oder frit bei Mercadona zu kaufen gibt, ist laut Paula Serra doch eher unwahrscheinlich.
Allein schon das dürfte ein Grund sein, warum Food-Journalist Mikel López Iturriaga im Podcast zu drastischen Formulierungen greift: „Wir müssen als Gesellschaft auf die Barrikaden gehen, damit uns die Küchen nicht weggenommen werden.“ Es dürfe nicht sein, dass wir unsere Ernährung ganz der Industrie anvertrauten. Wobei auch er in Bezug auf die Fertiggerichte zugibt: „Das Ärgerliche ist, dass die Gerichte ja häufig sehr lecker schmecken.“
Abonnieren, um zu lesen
- Kind auf Mallorca totgefahren: Neue Einzelheiten zum Unfall bekannt
- Spanien bekommt jetzt auch ein 'Deutschlandticket
- Spanische Weihnachtslotterie auf Mallorca: Diese Nummer wird den Gordo gewinnen
- Kampf gegen die illegale Ferienvermietung: Saftige Millionenstrafe für Airbnb
- Messerangriff in Latino-Bar auf Mallorca – Polizei ermittelt
- Tumulte im Flugzeug, Abflug abgebrochen: Neun Passagiere am Flughafen Mallorca festgenommen
- Teures Busfahren: Palma schafft vergünstigte Mehrfahrtenkarten für Nichtresidenten ab
- Esther Schweins entschlüsselt bei Lesung auf Mallorca die ewige Liebe
