„Verbesserungspotenzial“ beim Schulessen in Deutschland: Regeln, Preise und Unterschiede zu Mallorca
Auf Mallorca gibt es fürs Essen in den Schulkantinen strenge Vorgaben, die jetzt noch einmal verschärft wurden. Wie steht es ums Schulessen in Deutschland? Fragen an die Verantwortliche auf Bundesebene

Wiebke Kottenkamp, Leiterin des Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung / Masa Yuasa
Auf Mallorca gelten in puncto Schulessen strenge Regeln, die von der spanischen Zentralregierung und der balearischen Landesregierung vorgegeben werden. Doch wie sieht es in Deutschland aus? Wiebke Kottenkamp ist Leiterin des Bundeszentrums Kita- und Schulverpflegung in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Die MZ-Fragen beantwortete sie schriftlich per Mail.
Wie sehen die Vorgaben für Schulessen in Deutschland aus?
In Deutschland liegt die Verantwortung zur Organisation der Schulverpflegung auf Landesebene in den Händen der Schulträger. Diese gestalten das Verpflegungsangebot im Rahmen von bundes- bzw. landesrechtlichen Regelungen und Vorgaben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat im Auftrag des Bundes den Qualitätsstandard für die Verpflegung in Schulen entwickelt. Der Qualitätsstandard gibt eine wichtige Orientierung auf wissenschaftlicher Basis und wird auf Bundesebene empfohlen. Im Fokus der Empfehlungen steht eine abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl, die den Kindern und Jugendlichen eine große Geschmacksvielfalt ermöglichen soll. Der Standard bietet den verantwortlichen Akteuren Verlässlichkeit in Bezug auf eine bedarfsgerechte Nährstoff- und Energieversorgung. In der aktuellen Fassung sind zahlreiche Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigt. So beschreibt der Standard unter anderem Anforderungen an pflanzenbetontes (ovo-lacto-vegetarisches) Schulessen oder stellt Möglichkeiten für eine abfallarme Schulverpflegung vor. In fünf Bundesländern ist die Umsetzung des DGE Qualitätsstandards inzwischen verpflichtend (Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland, Thüringen) - dies ist in den jeweiligen landeseigenen Schulgesetzen verankert. Als Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung ist unser Ziel, den DGE Qualitätsstandard flächendeckend und bundesweit zu etablieren. Gesundes, gutes Schulessen darf nicht nur am Engagement Einzelner hängen, sondern muss strukturell verankert sein!
Wie kommen Schulen ohne eigene Schulküche in Deutschland an ihr Essen?
Schulträger von öffentlichen Schulen in Deutschland sind an das öffentliche Vergaberecht gebunden und müssen Schulverpflegung öffentlich ausschreiben. Wir sehen, dass der Beschaffungsprozess häufig unterschätzt wird. Hier ist spezifisches Fachwissen auch auf Seiten der Schulträger nötig: von gesundheitsförderlicher Kinderernährung bis zur vergaberechtlichen Berücksichtigung von Qualitäts- und Nachhaltigkeitsaspekten. Die Qualität der gesamten Verpflegungsleistung wird mit der Vergabe definiert. Salopp gesagt: Was in der Ausschreibung nicht gefordert wird, wird später auch nicht geliefert. Deswegen bieten wir als Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung eigens Fortbildungen für die Beschaffung von Kita- und Schulverpflegung an. Wichtig ist hierbei: Der Preis allein macht kein gutes Angebot, wenn es um die Beschaffung von Schulessen geht. Ob Schulessen am Ende zu einem positiven Erlebnis für Kinder und Jugendliche wird, hängt neben den eigentlichen Mahlzeiten von vielen weiteren Faktoren stark ab, zum Beispiel ob Kinder selbst wählen oder Feedback geben können, Zeit haben, in Ruhe zu essen, und ob der Ort altersgerecht gestaltet ist und Spaß macht. Die Mensagestaltung ist also enorm wichtig. Hierzulande gibt es diesbezüglich vielerorts noch Verbesserungspotenzial.
Wie gestalten sich die Preise fürs Schulessen? Gibt es ein Limit wie auf den Balearen?
Die Verantwortung der Preisgestaltung für das Schulessen liegt grundsätzlich bei dem Schulträger (Kommune), sprich der ausschreibenden Stelle. Der Mahlzeitenpreis lässt sich in Wareneinstandskosten (Kosten für die Lebensmittel), Investitionskosten für Bau und Ausstattung der Schulküche, Personalkosten, Betriebs- und Verwaltungskosten unterteilen. Je nachdem, welches Verpflegungssystem zum Einsatz kommt, fallen diese Kosten sowohl beim produzierenden Speisenanbieter als auch in der Schule bzw. beim Schulträger in unterschiedlicher Höhe anteilig an. Die Beiträge der Eltern für ein Schulmittagessen sind jeweils sehr unterschiedlich: Beispielsweise haben Kinder und Jugendliche, deren Eltern soziale Leistungen wie Bürgergeld, Sozialhilfe oder Asylbewerberleistungen erhalten, Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen, Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Das ermöglicht Kindern und Jugendlichen soziale und kulturelle Teilhabe und mehr Bildungschancen. Auch die Kosten für das Mittagessen in Kita oder Schule werden übernommen. Unabhängig davon bieten Kommunen auch durch die Festsetzung von Maximalpreisen für das Mittagessen und durch eine definierte Sozialstaffel, dass die Elternbeiträge gerecht gestaltet bleiben und somit allen Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe ermöglicht. Generell gilt: Je mehr Kinder essen, desto wirtschaftlicher ist es für die Caterer bzw. und desto günstiger und besser ist das Speisenangebot.
Wagen Sie einen Vergleich zu Spanien?
Wer den ganzen Tag in der Schule verbringt und lernt, sollte auch gut verpflegt sein. Insbesondere in Hinblick auf den anstehenden Ganztag in Grundschulen ist es wichtig, dass die Verpflegung fest im Schulkonzept verankert ist. Schulessen kann nur dann seine Wirkung voll entfalten, wenn Kinder und Jugendliche gut und gerne in der Schule essen. Dafür ist es wichtig, dass ihre Wünsche und Bedarfe einbezogen werden, beispielsweise durch Zufriedenheits- und Akzeptanzbefragungen. Es braucht ein attraktives, ausgewogenes Speisenangebot, das schmeckt! Wird konsequent am Geschmack der Kinder „vorbeigekocht“, landet das Essen im Müll. Daher braucht es ausreichend qualifiziertes Personal in den Einrichtungen, die wieder mehr Handwerk in die Küchen bringen und das gemeinsame Essen immer auch als gelebte Ernährungsbildung verstehen. Letzten Endes ist es eine Frage der Haltung: Erkennt die Schule das große Potenzial des gemeinsamen Essens im Hinblick auf Gesundheit, sozialer Gemeinschaft und Bildung? Oder wird Schulessen als lästige Zusatzaufgabe schnell „abgehakt“, dass alle nachmittags schneller nachhause können? Wir können hierzulande sicherlich noch aus dem europäischen Ausland lernen, welchen Stellenwert gesundes, gutes Essen einnehmen sollte.
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