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Was macht Friedrich Merz falsch? Das sagt seine Biografin

Jutta Falke-Ischinger hat ein Buch über den Bundeskanzler geschrieben und ist mit ihm obendrein befreundet. Mit der MZ sprach die Mallorca-Residenting darüber, woran es in Berlin hakt, wie es ist, Frau eines Top-Diplomaten zu sein und was Manacor Berlin voraus hat

Kommt ebenso wie der Kanzler aus dem Sauerland: Jutta Falke-Ischinger.

Kommt ebenso wie der Kanzler aus dem Sauerland: Jutta Falke-Ischinger. / Nele Bendgens

Alexandra Bosse

Alexandra Bosse

Nur wenige kennen Bundeskanzler Friedrich Merz so gut und aus so vielen unterschiedlichen Zusammenhängen wie die Autorin und Journalistin Jutta Falke-Ischinger. Die 62-Jährige hat mit einem Kollegen die erste Biografie über den CDU-Chef und Bundeskanzler veröffentlicht und ist obendrein mit ihm befreundet. Falke-Ischinger lebt mit ihrem Mann, dem Diplomaten und Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger auf einer Finca mit „wilden Hühnern“ zwischen Manacor und Felanitx. Hier findet sie Ruhe, um zu schreiben. Wir trafen sie zum Gespräch im Hotel Portitxol in Palma.

Friedrich Merz ist seit sieben Monaten im Amt, es läuft nicht gut. Was macht er falsch?

Ich denke, die Ursache für dieses Störgefühl liegt einerseits am Zustand des Landes, der Regierungskonstellation und auch an der Figur Merz selbst. In Deutschland herrscht ein riesiger Reformstau. Den aufzulösen, kostet per se Kraft. Zweitens ist es schwierig, die politischen Ansätze von Union und SPD zu einer Regierung aus einem Guss zusammenzufassen. Man hat den Eindruck, dass aus dieser Koalition kaum mehr herauskommt als der kleinste gemeinsame Nenner und das angesichts einer Lage, in der beherzte Reformen notwendig wären. Bei vielen Themen merkt man außerdem, dass dem Kanzler und der Mehrheit seiner Minister Regierungserfahrung fehlt. Das wurde jetzt auch beim Rentenstreit offensichtlich. Da lag das Problem im CDU geführten Kanzleramt, wo man den Entwurf aus dem Hause Bärbel Bas (SPD) durchgewunken hat, ohne auf die Kritik aus den eigenen Reihen einzugehen. Zudem hat Merz an fast keiner Stelle im Kabinett Leute, die erfahrener sind als er selbst. So fehlen versierte Strippenzieher, die zum Beispiel in Staatskanzleien jahrelang nichts anderes gemacht haben, als zwischen Bund, Ländern, Partei- und Regierungsinteressen zu vermitteln. Und die dabei integrativ und loyal vorgehen.

Sie schrieben in der „taz“, dass Merz immer dachte, er könne es besser. Ist das Problem auch Arroganz?

Dieses Gefühl, es besser als seine Vorgänger zu können, hat ihn immer angetrieben. Das stimmt. Als Arroganz würde ich das nicht bezeichnen. Das Problem liegt woanders. Der Kanzler ist ein begabter Redner, auch ist seine Tonlage im neuen Amt versöhnlicher geworden. Sein rhetorisches Talent ist zwar seine größte Stärke, aber zugleich auch seine größte Schwäche. So kommen ihm immer wieder flotte, aber unbedachte Äußerungen über die Lippen, die polarisierend wirken.

"Sein rhetorisches Talent ist zwar seine größte Stärke, aber zugleich auch seine größte Schwäche."

Wie etwa seine Aussage zu Migration und Stadtbild gezeigt hat.

Ja, das war unglücklich und unnötig. Die sich anschließende Empörungsspirale stand allerdings in keinem Verhältnis mehr zu seiner Äußerung. Merz wurde wegen Volksverhetzung angezeigt, und dann gab es Kampagnen wie „Töchter gegen Merz“ etc. Jeder hat seinen Brei dazugegeben. Diejenigen, die ihm zustimmten, und die, die ohnehin Vorurteile haben gegen einen Politiker, der mit dem Privatflieger unterwegs ist und nicht gerade woke daherkommt.

Woher kennen Sie Friedrich Merz eigentlich?

Ich komme genau wie er aus dem Sauerland. Merz ging in meiner Heimat, auch bei meinem Onkel, einem der größten Arbeitgeber der Region, ein und aus. Wir haben uns dann später im politischen Betrieb wiedergetroffen, bei einem Stammtisch mit Journalisten und Politikern aus dem Sauerland. Das ist schon relativ lange her, danach haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt, mal in Washington, mal in Deutschland. Ich kenne auch seine Frau Charlotte gut. Für die Recherche für die Biografie habe ich viel mit ihr geredet.

Was ist sie für ein Mensch?

Sie ist klasse, hat einen trockenen Humor und macht als Richterin ihr eigenes Ding. Ich bat sie beispielsweise einmal darum, mir ein paar nette Geschichten von Friedrich zu erzählen, da doch seine persönlichen Sympathiewerte nicht so gut seien. Sie ist natürlich total solidarisch mit ihrem Mann. Doch da entgegnete sie sinngemäß: Wenn das so sei, da könne sie auch nichts dran ändern. Das sei seine Sache. Punkt.

Mich haben allerdings viele Leute davor gewarnt, dieses Buch zu schreiben. Die gute Beziehung zu ihm wäre dann wohl bald Vergangenheit. Darauf konnte ich aber keine Rücksicht nehmen. Mir war egal, ob er dann sauer ist.

Konnten Sie als Biografin Abstand wahren?

Ich kenne ihn gut, wir duzen uns. Mich haben allerdings viele Leute davor gewarnt, dieses Buch zu schreiben. Die gute Beziehung zu ihm wäre dann wohl bald Vergangenheit. Darauf konnte ich aber keine Rücksicht nehmen. Mir war egal, ob er dann sauer ist. Anfangs gestaltete sich die Arbeit an dem Buch tatsächlich schwierig, weil der viel beschäftigte CDU-Chef (da war er ja noch nicht Kanzler) auf Mails nicht reagierte und ich auch über sein Büro keine Termine bekam. Die persönliche Bekanntschaft schien nichts wert zu sein. Irgendwann schrieb ich ihm dann, dass wir das Buch, das ja schließlich keine Auftragsarbeit war, natürlich auch ohne seinen Input fertigstellen könnten, sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste … Darauf meldete er sich prompt.

Friedrich Merz: Die Biographie, von Jutta Falke-Ischinger (Autor) und Daniel Goffart (Autor)

Friedrich Merz: Die Biographie, von Jutta Falke-Ischinger (Autor) und Daniel Goffart (Autor) / LM Verlag

Wie kamen Sie zum Politikjournalismus?

Das war Zufall. Bei der Wiedervereinigung haben sie mich als junge Journalistin immer in den Osten geschickt, um Reportagen zu schreiben. Etwa über das berüchtigte Chemiedreieck Leuna-Buna-Bitterfeld. Ich habe auch Gespräche mit Stasi-Opfern und Dissidenten geführt. So bin ich immer mehr hineingerutscht in die Politik, obwohl ich eigentlich mehr mit der Kultur liebäugelte. 1998 kam der Umzug von Bonn nach Berlin. Ich leitete das Berliner Hauptstadt-Büro des „Rheinischen Merkurs“. Es war wahnsinnig spannend, sich ein paar Jahre nach der Einheit in diesem Goldrausch-Feeling durch Berlin zu bewegen. Zu Beginn schrieb ich viel über die Grünen, weil das kein anderer machen wollte. Der „Rheinische Merkur“ war eine konservative Zeitung und die älteren Männer dort beschäftigten sich eher mit den Regierungsparteien.

Dort haben Sie auch Ihren Mann, den Diplomaten Wolfgang Ischinger getroffen.

Ja, wir haben uns über die typische „Journalistin trifft Entscheidungsträger“-Situation kennengelernt. 2001 ist Wolfgang als Botschafter nach Washington versetzt worden, und ich bin mitgegangen. Wir waren noch nicht verheiratet und wurden gewarnt: Das sei ein bisschen tricky im prüden Amerika, man würde mich da gar nicht akzeptieren. Das war aber nicht so, denn diese sogenannten „Wives-Clubs“ sind rein an Macht interessiert und sie wollten „Germany“ als Mitglied, egal ob mit Trauschein oder ohne. Diese Clubs sind ansonsten nach heutigen deutschen Maßstäben völlig antiquiert. Sobald der Mann das Amt verliert, wird die Frau sofort hinausgekickt, egal, ob sie selbst eine wichtige Position innehat. Die Legitimation erfolgte über den Ehemann, den Funktionsträger. Als wir noch nicht verheiratet waren, stand auf meinem Namensschild lustigerweise immer Mrs. Jutta Falke, Germany. Nach der Hochzeit 2002 war ich nur noch Mrs. Wolfgang Ischinger, Germany. Man verschwand quasi hinter dem Namen des Mannes.

Wie war es, als zuvor erfolgreiche Journalistin plötzlich Botschaftergattin zu sein?

Anfangs habe ich gedacht, mich kann nichts erschüttern, denn ich habe schon alles erlebt. Das Gefühl hielt aber nur etwa vier Wochen vor. Du wirst quasi unsichtbar, während dein Mann als „Your Excellency“ hofiert wird. Dabei habe ich immer weitergeschrieben, teilweise unter anderem Namen, wenn es sehr politische Texte waren. Sonst wäre es schwierig geworden. Wenn du als Journalistin mit einem Botschafter verheiratet bist, dann kannst du nur verlieren. Wenn du super informiert bist, sagen alle: „Na klar, die kriegt Insiderinformationen.“ Weißt du aber mal nicht so gut Bescheid, heißt es: „Was schreibt denn die da für naives Zeug?“ Daher habe ich probiert, auch über andere Themen zu schreiben, mehr kultureller Art , beispielsweise über die Kriegsfilm-Industrie aus Hollywood, den Wiederaufbau in New York nach 9/11 oder auch mal eine Reisereportage für die „Washington Post“. Wir waren damals mit unserer noch nicht einjährigen Tochter und dem Hund unterwegs im Wohnmobil und fuhren von Washington bis nach Kanada – und wieder zurück. Ein großer Spaß!

Welche Rolle spielt eine Botschaftergattin?

Zunächst einmal kommt man in der Hierarchie der Botschaft nicht einmal auf der Telefonliste vor. Ich weiß noch, wie einmal Feueralarm in der Botschaft war und ich als Einzige mit gepacktem Koffer draußen stand. Alle anderen hatten übers Intranet Bescheid bekommen, dass es ein Probealarm war. Als Ehefrau hast du keine offizielle Rolle, aber alle haben hohe Erwartungen an dich. Letztendlich stehst du nicht auf der Gehaltsliste, aber es wird erwartet, dass du sämtliche Aufgaben unentgeltlich erledigst, große Delegationen bewirtest, Schirmherrschaften übernimmst, 24/7 für Deutschland wirbst. Das Ganze für ein Schulterklopfen. Die Ehepartner im britischen Foreign Service beispielsweise erhielten schon vor Jahren eine vergleichsweise üppige finanzielle Entschädigung.

Wer kann schon von sich sagen, dass sie mal in Trumps Bett gelegen hat?

Bereuten Sie, im Schatten stehen zu müssen?

Nein, so etwas kann man nicht bereuen. Es war ja eine spannende Zeit, die den Horizont erweitert hat. Wer kann schon von sich sagen, dass sie mal in Trumps Bett gelegen hat? (lacht) In unserer Zeit in Washington waren wir einmal beim International Red Cross Ball in Mar-a-Lago eingeladen. Donald Trump, 2005 nur ein flashy businessman, war da, glaube ich, ein knappes Jahr mit Melania verheiratet und ließ Botschafter-Paare mit seinem Privatjet in Washington abholen und nach Florida einfliegen. Er hatte ein großes Bett im Flugzeug. Ich habe zum Spaß Probe gelegen – zum Glück war Trump ja auf diesem Flug nicht dabei. All die Erlebnisse in den USA und anschließend in London habe ich in meinem Buch „Wo bitte geht’s zur Queen?“ verarbeitet, einer Mischung aus Anekdoten und politischer Analyse.

Woran schreiben Sie momentan?

Neben PR-Beratung und journalistischen Texten arbeite ich derzeit an einem Roman. Den hatte ich bereits vor der Merz-Biografie begonnen. Es ist ein Thriller. In England haben wir damals einen Giftmord an einem russischen Ex-Agenten quasi aus nächster Nähe mitbekommen, das kommt indirekt in dem Roman auch vor. Ich schreibe größtenteils auf Mallorca, weil ich hier im Vergleich zu dem hektischen Leben in Berlin zur Ruhe komme. In einer Studie habe ich gerade gelesen, dass sich 78 Prozent der Menschen in Berlin und Brandenburg gestresst fühlen. Das ist der höchste Wert in ganz Deutschland. Für mich hat Berlin immer weniger Charme, es herrscht so eine aggressive Stimmung. Städte wie New York oder London haben ihren Rhythmus, aber Berlin zerfällt zusehends. Das ist schade, die Stadt hätte so viele Chancen.

Sie ziehen Manacor Berlin vor?

Ja, ich bin ein Riesenfan von Manacor und Umgebung geworden. Es ist auf den ersten Blick nicht gerade die schönste Stadt auf Mallorca, aber ich liebe sie, besonders die Altstadt rund um die Kathedrale und die Fußgängerzone. Es ist immer sehr authentisch, es ist immer etwas los, man kriegt alles, was man braucht. Alle sind außerdem sehr freundlich. Ich bin ein Kind vom Lande, deswegen wohne ich gerne ein wenig abseits. Viele zieht es ja nach Palma, aber ich bin sehr zufrieden im Inselosten, der ist nicht so überlaufen.

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