"Mr. Tagesschau" Jan Hofer auf Mallorca: „Ich bin nicht hierher gekommen, um ein deutsches Dasein zu fristen"
Der ehemalige "Tagesschau"-Spreceher Jan Hofer im Gespräch über das Nachrichtengeschäft im Wandel, persönliches Glück auf Social Media und Deutsche auf Mallorca

Pragmatischer Optimist, Technikfreak und Nachrichtenmensch durch und durch: Jan Hofer in Palma. / Nele Bendgens
"Chuck Norris ist tot". Jan Hofer unterbricht unvermittelt das Gespräch und liest eine Push-Meldung auf seinem Handy vor. Es wird nicht die letzte sein, die ihn im Laufe der kommenden zweieinhalb Stunden erreicht. Der 76-jährige ehemalige Chefsprecher der „Tagesschau“ ist ein Nachrichtenmensch durch und durch. Auch auf Mallorca, wo seine Frau Phong Lan Hofer und ihr gemeinsamer zehnjähriger Sohn seit über vier Jahren fest leben, während Jan Hofer noch ein wenig pendelt.
Krieg in Nahost. Sind Sie froh, diese Nachrichten nicht mehr vorlesen zu müssen?
Nun, es gab immer wieder intensive Zeiten, wo man wirklich angespannt war und den Sender nicht mehr verlassen hat, weil man dachte, jetzt passiert irgend etwas ganz Wichtiges, und du musst einfach da sein. Die Irak-Kriege, die Wiedervereinigung, 9/1 1 … Ja, ich bin froh, dass ich aus dem täglichen Geschäft raus bin.
Den Push-Meldungen nach zu urteilen, verfolgen Sie das Geschehen trotzdem.
Das bleibt einfach drin. Das Erste, was ich morgens mache, ist, die Nachrichten zu checken. Ich bin entsetzt darüber, was gerade für unglaubliche Dinge geschehen.
"Deswegen ist für mich die „Tagesschau“ so wichtig, weil da Klicks keine Rolle spielen. Da gibt es Nachrichten."
Es macht teilweise richtig Angst.
Ja, auch was die Wertung betrifft. Ich lese zum Beispiel in einer großen deutschen Boulevardzeitung, dass der Krieg gar keine Rolle mehr spielt – sehr wahrscheinlich, weil die Klicks nicht mehr entsprechend sind. Deswegen ist für mich die „Tagesschau“ so wichtig, weil da Klicks keine Rolle spielen. Da gibt es Nachrichten.
Wie sieht Ihr Plädoyer für die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aus?
Die journalistischen Standards sind auch bei den Privatsendern hoch, ich habe ja auch ein paar Jahre bei RTL gearbeitet. Was bei der ARD und den Öffentlich-Rechtlichen einfach besser ist, sind die Informationsquellen, die wir zur Verfügung haben. Wir haben auf der ganzen Welt Korrespondenten. Das sind eben nicht Leute, die mal kurz eingeflogen werden. Sie sind verwurzelt in den jeweiligen Gesellschaften, haben ihre Gesprächspartner und können zwischen den Zeilen lesen, das halte ich für sehr wichtig.
"Bei uns gab’s früher den Spruch, der Journalist sei schön fleißig, aber nicht länger als 1:30. 1:30 ist heute eine Länge, die ist so irre lang, da hört keiner mehr zu."
Die Einschaltquoten sinken trotzdem.
Aber die „Tagesschau“ ist immer auf Platz 1, immer. Ich gucke jeden Tag auf die Quote. Natürlich ist die Konkurrenz größer geworden, heute haben Sie neben den Streamingdiensten jede Menge Sender zur freien Auswahl, was ich ja gut finde. Dass sich die „Tagesschau“ dagegen behauptet, ist für mich ein großes Zeichen von Qualität.
Dennoch: Viele Menschen informieren sich nur noch in den sozialen Medien.
Ja, aber die „Tagesschau“ hat ebenso wie „heute“ und andere Redaktionen relativ schnell begriffen, um was es geht. Ich war der Erste, der Nachrichten in 90 Sekunden gemacht hat. Da hat man gesagt: Das geht nicht. Du kannst doch nicht die ganze Nachrichtensendung in 90 Sekunden machen. Doch, das geht. Heute ist das Standard, ganz normal. Wir können in 90 Sekunden nicht die Welt erklären, aber wir können die wichtigsten Dinge so weitergeben, dass man sich zumindest dafür interessiert.
Nehmen wir dann im Endeffekt nur noch Schlagzeilen wahr?
Das hat etwas mit dem komplett veränderten Seh-, Lese- und Hörverhalten zu tun. Bei uns gab’s früher den Spruch, der Journalist sei schön fleißig, aber nicht länger als 1:30. 1:30 ist heute eine Länge, die ist so irre lang, da hört keiner mehr zu. Wenn Sie sich mit Social Media beschäftigen, dann wissen Sie: Wenn Sie nicht innerhalb von zwei Sekunden das Ding an sich gerissen haben, schalten die Leute weg. Da wartet keiner 30 Sekunden, bis man mit einer Aussage kommt. Zack, die muss kommen.
Meine Frau sagt immer: „Das gibt’s ja gar nicht. Warum fällt dir etwas ein, was anderen nicht einfällt? Warum ist das so?“ Tja, weiß ich auch nicht.
Macht Ihnen das keine Sorgen?
Alles, was man nicht verhindern kann, muss man meiner Ansicht nach wahrnehmen und damit umzugehen lernen. Die Menschheit konnte auch das Auto nicht verhindern. Glauben Sie mir, der Pferdebesitzer fand das damals auch nicht lustig.
Hier geht es um die öffentliche Meinung. Was, wenn sich ein Teil davon von seriösen journalistischen Nachrichtenquellen abkoppelt?
Schauen Sie sich mal an, wie unglaublich hoch die Einschaltquoten der seriösen Nachrichtenmedien sind, wenn irgendetwas auf der Welt passiert, ob das jetzt der Krieg im Iran ist oder eine Regionalwahl. Da kommen die Leute, weil sie informiert werden wollen. Sie wissen: Hier muss ich mir keinen Quatsch anhören. Überhaupt hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie solche Möglichkeiten gegeben, sich zu informieren. Dass das Tür und Tor für Fake News öffnet, ist klar, aber sie können, wenn sie wollen, auch herausfinden, ob es stimmt. Sie müssen nur wollen. Das ist das Problem. Manche Menschen wollen das nicht, und Sie können sie nicht bekehren. Das ist einfach so. Aber die große Masse ist noch sehr interessiert.

Jan Hofer beim MZ-Fotoshooting in Palma. / Nele Bendgens / Nele Bendgens
Sie sind ein optimistischer Mensch.
Ja, think positive. Wenn meine Mutter in den Nachkriegswirren nicht positiv gestimmt gewesen wäre, wäre ich heute nicht auf der Welt.
Sie planen für 2027 eine Tournee. Worum geht es darin?
Wir sind gerade in der Vorbereitung, da geht’s genau um diese Themen. Zuvor erscheint auch noch ein Buch. Es wird eine bunte Geschichte um die Macht der Nachrichten, bei der Tournee dann auch multimedial aufbereitet. Wohin steuern wir eigentlich? Wenn mir jemand sagt, Fernsehen ist tot, sage ich: Wenn man Fernsehen als den Ausspielweg betrachtet, dann ja. Aber ob ich etwas in einem normalen Fernsehgerät, auf YouTube oder Instagram oder im Streamingdienst sehe, ist eigentlich wurscht. Fernsehen ist nicht das, wo ich es sehe, sondern was ich sehe.
Sie haben große Freude an Social Media.
Ich bin ein Mensch, der sich mehr für die Zukunft interessiert als für die Vergangenheit. Ich glaube, dass man Fortschritt nicht aufhalten kann, und ich würde lieber mitgestalten, als nur zuzuschauen.
Wobei es in Ihren Social-Media-Beiträgen nicht um das Weltgeschehen, sondern um Ihr privates Glück geht.
Um das Weltgeschehen zu kommentieren, habe ich gar nicht mehr die Hintergrundinformationen. Für mich sind das Unterhaltungsvideos.
Sie entwickeln die Videos ganz alleine?
Nein, nein, also mein Content Manager ist meine Frau (lacht). Und ich habe natürlich ein Management, das mich unterstützt. Aber mir fällt immer etwas für ein Video ein. Meine Frau sagt immer: „Das gibt’s ja gar nicht. Warum fällt dir etwas ein, was anderen nicht einfällt? Warum ist das so?“ Tja, weiß ich auch nicht.
Wie wird man so ein glücklicher Mensch wie Jan Hofer?
Ich glaube, das ist angeboren. Ich habe drei Brüder, die jünger sind als ich, die sind alle nicht so. Die sind auch nicht unglücklich, aber so unbeschwert wie ich sind die nicht. Natürlich mache auch ich mir meine Gedanken. Es scheint nicht immer die Sonne. Aber wenn ich mir mein Leben so angucke, haben die sonnigen Tage überwogen. Ich habe mich zum Beispiel in meinem ganzen Leben noch nie beworben, es gab immer jemanden, der mich gefragt hat, ob ich das nicht machen wollte. Aber ich habe auch immer etwas dafür getan. Work-Life-Balance war für mich ein Fremdwort. Das hole ich jetzt nach (lacht).
Dabei sind Sie immer noch aktiv.
Ja, aber ich will ja nicht alt werden. Man wird alt, wenn man nicht aktiv ist.
Spielt es eine Rolle, dass es nach so vielen Jahren Fernsehen schwerfällt, keine öffentliche Person mehr zu sein?
Nee. Da wäre ich in Deutschland geblieben. Hier werde ich manchmal auch erkannt, aber doch bei Weitem nicht in dem Maße. Hier bin ich eine relativ anonyme Figur. Das gefällt mir sehr gut.
Sie gehen also nicht auf Tournee, um zu signalisieren: Es gibt Jan Hofer noch?
Nein, ich habe auch den jungen Kollegen, die zur „Tagesschau“ kamen und die ich teilweise ausgebildet habe, gesagt: Wenn Ihr diesen Beruf für euer Ego braucht, dann ist das ein Problem.
"Man spricht Deutsch, geht immer in dieselben Restaurants, bleibt unter sich. Und dann sind da die Glücksritter: Hüte dich vor Sturm und Wind – und den Deutschen, die im Ausland sind. "
Kommen wir zu Mallorca. Sie sagten einmal, dass Sie sich hier vor 40 Jahren eine Ferienwohnung zugelegt haben, um Abstand vom Weltgeschehen zu bekommen. Erklärt das vielleicht auch die große Verbundenheit vieler Deutscher mit Mallorca?
Es gab für mich einige Orte, die ich mir gerne angesehen hätte, aber keinen einzigen, der so gut zu erreichen ist. Das ist für mich aus rein logistischen Gründen der Hauptgrund gewesen. Ich wäre lieber nach Italien gegangen.
Meine Frage zielte eher darauf ab, wie wir die große deutsche Mallorca-Begeisterung interpretieren können.
Ich glaube, die hat ein bisschen damit zu tun, dass man hier Deutsch spricht, vermeintlich zumindest, denn das stimmt ja nicht, wie man schnell feststellt, und dass man sich hier bewegen kann wie zu Hause.
"Also, warum soll ich hier weggehen? Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt wie hier. Das hat auch mit meiner Familie und der guten Hausgemeinschaft zu tun. Und es hat sicherlich mit der Zeit zu tun, die ich jetzt habe und früher nicht hatte."
Es gibt ein Instagram-Reel von Ihnen, da fahren Sie mit Ihrem Cabrio über die Insel, und es ist alles wunderbar. Ist das gut für die Insel, wenn so bekannte Menschen wie Jan Hofer vorführen, wie herrlich es hier ist?
(Seufzt.) Gab’s das nicht über Saint-Tropez, über Ibiza, überall? Das kann man ja nicht verhindern. Aber es war gar nicht meine Intention, die Insel zu verherrlichen. Ich bin ein Technikfreak: Ich habe die Drohne hinter mir herfliegen lassen, und das waren einfach unglaublich schöne Bilder, die ich zeigen wollte. Die Strecke habe ich lange gesucht, die findet sich nicht so einfach, und ich habe nicht gesagt, wo sie ist, denn diese ganzen Geheimtipps gehen mir ziemlich auf den Senkel. Andererseits: Glauben Sie, dieses Video würde noch etwas an den 14 Millionen Urlaubern auf dieser Insel ändern? Sie ist doch sowieso dicht.
Wie hat sich die deutsche Community auf Mallorca Ihrer Wahrnehmung nach in diesen 40 Jahren geändert?
Sie hat sich nicht geändert. Null. Die Gesichter haben sich geändert, die Menschen sind alle gleich. Man spricht Deutsch, geht immer in dieselben Restaurants, bleibt unter sich. Und dann sind da die Glücksritter: Hüte dich vor Sturm und Wind – und den Deutschen, die im Ausland sind. Und auch die schicken Leute haben sich nicht geändert, allenfalls ist vielleicht ein bisschen mehr Geld da, und die Jacke ist ein bisschen größer geworden.
"Das Erste, was ich jeden Dienstagmorgen mache, ist die Emaya-Seite aufzurufen, um zu gucken, wie hoch die Wasserstände in den Stauseen sind. Und ich weiß, dieses Jahr kommen wir gut über den Sommer."
Man sieht Sie eher selten auf gesellschaftlichen Events hier. Wie kommt’s?
Ich habe, als wir hierherzogen, als Bedingung gemacht, dass wir uns in die spanische Gesellschaft integrieren, soweit das möglich ist, und ich glaube, dass uns das als Familie gut gelungen ist. Mein Sohn hat spanische Freunde, ganz normale spanische Familien. Meine Frau hat spanische Bekanntschaften und Freunde, und deutsche natürlich auch. Ich bin noch ein bisschen viel unterwegs, dass ich das so wahrnehmen könnte, aber auch ich habe hier durchaus spanische Bekannte, die mir etwas wert sind. Ich bin nicht hierher gekommen, um ein deutsches Dasein zu fristen. Das ist nicht Sinn der Sache.
Können Sie sich vorstellen, hier sozusagen bis ans Lebensende zu leben?
Ja. Meine Frau möchte das. Sie will hier nicht mehr weg.
Und Sie?
Ich habe mit meiner Frau mal eine Ehekrise hervorgerufen, weil ich auf den Gedanken kam, vor den Problemen dieser Insel ein bisschen zu flüchten und aufs spanische Festland zu ziehen. Da gibt es ja auch schöne Ecken. Da gab es große Proteste, das kommt überhaupt nicht infrage. Also, warum soll ich hier weggehen? Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt wie hier. Das hat auch mit meiner Familie und der guten Hausgemeinschaft zu tun. Und es hat sicherlich mit der Zeit zu tun, die ich jetzt habe und früher nicht hatte. Das Erste, was ich jeden Dienstagmorgen mache, ist die Emaya-Seite aufzurufen, um zu gucken, wie hoch die Wasserstände in den Stauseen sind. Und ich weiß, dieses Jahr kommen wir gut über den Sommer.
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