Für manch einen Mallorca-Urlauber beschränken sich die gelebten Sommertraditionen auf tägliche Strandbesuche und den Konsum erfrischender Getränke. Doch für die Mallorquiner bedeuteten und bedeuten diese Monate im Kalenderjahr vieles mehr: Vor allem ist es die Zeit der Dorffeste und der emsigen Aktivität in der Landwirtschaft. Wer mehr über die zum Teil vergessenen Bräuche, Riten und Gewohnheiten der Insulaner zur heißen Jahreszeit erfahren will, sollte im neu erschienenen zweiten Band des Calendari Folklòric von Rafel Ginard (Saïm Edicions, 35 Euro) schmökern.

Das prächtig gestaltete Buch ist ein Werk der Fundació Mallorca Literària, die damit wertvolle Aufzeichnungen des Mönchs und Folkloristen Pare Rafel Ginard (1899–1976) unters Volk bringen möchte: „Er zog in den frühen 1950er-Jahren von Dorf zu Dorf, um Zeitzeugnisse zu sammeln. Die Menschen erzählten ihm von jedem Aspekt ihres Lebens. Dazu gehörten Informationen über die Familie, die Arbeit auf dem Feld, die Gastronomie und Volkskultur aller Art: Liedgut, Rätsel und Witze“, erklärt Victòria Parra Moyà, die literarische Projekte der Stiftung koordiniert. „Er schrieb all das deswegen nieder, weil er beobachtete, dass die Gesellschaft sich wandelte und dass das ländliche Mallorca im Begriff war, sich zu modernisieren.“

Liebevolle Illustrationen von Toni Galmés

Das Brauchtum, das Ginard mit seinen Notizen vor dem Verschwinden zu bewahren gesucht hatte, regt nun in der Publikation der Fundaciò Literària moderne Leser zum Nachdenken an: „Wir möchten Ihnen das Mallorca aus jener Zeit zeigen und feststellen, was fortbesteht, was sich verändert hat und was verloren gegangen ist.“

Dabei sind die 95 begleitenden Illustrationen von Toni Galmés fast genauso wichtig wie der Text: „Er ist wie eine Brücke zwischen Vergangenheit, also den Texten, und der Gegenwart, seinen zeitgemäßen Zeichnungen“, so Parra. „Wenn es etwa um bestimmte Arbeitsprozesse auf dem Land geht, die Menschen von heute nicht mehr kennen und von denen sie keine konkrete Vorstellung haben, kann der Zeichner das auf originelle Art und Weise veranschaulichen.“

Während im ersten Band zum Herbst die Farbe Rot die schwarz-weißen Illustrationen ergänzte, wählte der Zeichner für den Sommer ein sonniges Gelb, für den Frühling soll frisches Grün folgen. Das Deckblatt ziert stets derselbe Zweig eines Baumes in der jeweiligen Jahreszeit.

Sommerfeste und Feldarbeit

Ein elementarer Bestandteil des Folklore-Kalenders sind die unzähligen Sommerfeste zu Ehren von Heiligen, die in den verschiedenen Dörfern in diesen Wochen zelebriert werden. Die Abfolge der Festlichkeiten beginnt am 2. Juli und endet am 31. August. „Besonders bedeutend sind zum Beispiel Sant Joan, Santa Praxedis, Sant Bernat, Santa Margalida oder Sant Llorenç“, so die Literaturbeauftragte. Letzterer macht sich besonders durch den alljährlichen Sternschnuppenschauer der Perseiden bemerkbar, die auch „Tränen des Laurentius“ genannt werden. Die Menschen treffen sich in dieser Zeit, um den Sternenhimmel anzuschauen.

Traditionell: Die Feier Moros y cristianos in Pollença.

Traditionell: Die Feier Moros y cristianos in Pollença. Grafik: Toni Galmés

Weniger romantisch, dafür umso wilder geht es bei der Piratenschlacht „Moros y cristianos“ in Pollença zu, bei der heute noch mit Begeisterung die Geschichte nachgestellt wird. „Das ist ein sehr charakteristisches Fest und noch heute für die Einwohner von großer Bedeutung“, erklärt Parra.

Neben der Erklärung der Bräuche zu bestimmten Feiertagen gibt es noch viele weitere Themen aus dem täglichen Leben der Inselbewohner, denen Rafel Ginard seine Aufmerksamkeit widmete. So etwa die vielen Früchte des Sommers und wie man sie auf Mallorca verarbeitete. „Im Sommer zeigen sich die Felder in ihrer ganzen Pracht“, sagt Parra. Da die Menschen damals aber noch keine Kühlschränke hatten, war eine wichtige Frage, wie man diese Fülle der Gaben ihrer Natur am besten konservierte. Feigen und Aprikosen ließen sich hervorragend unter der heißen Sonne trocknen – eine ganz typische Arbeit im Sommer, ebenso wie die Ernte von Mandeln oder den Früchten des Johannisbrotbaums.

Zum Feigentrocknen braucht es Sonne...

Zum Feigentrocknen braucht es Sonne... Grafik: Toni Galmés

Verlorene Traditionen

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Dem Bereich der Landwirtschaft sind wohl die meisten Traditionen zuzuordnen, die heute verschwunden sind: „Feste kommen natürlich nie aus der Mode. Es sind viele Bräuche des Landlebens, die verloren gingen“, sagt Parra. Ein Paradebeispiel ist das Liedgut der Bauern, die bei der Feldarbeit sangen, um die harte Schufterei in der Hitze erträglicher zu machen, und das so selbstverständlich war wie das täglich Brot. „Jede Tätigkeit hatte ihre eigene Melodie und ihre Liedtexte. Es mag noch einige Zeitzeugen geben, die sich daran erinnern, aber heute wird in der Landwirtschaft nicht mehr gesungen“, sagt Parra bedauernd.

Damit andere Traditionen aktiv weiter gepflegt werden, organisiert die Stiftung ergänzend zum Buch eine Reihe von Veranstaltungen. Bei der nächsten am 10. September lädt sie zu einem Besuch der Finca Son Mut Nou, bei der verschiedene Feigensorten der Insel probiert werden dürfen (Infos und Anmeldung unter mallorcaliteraria.cat).