Die eindrucksvollste Tradition der Osterwoche, auf Spanisch Semana Santa, sind auch auf Mallorca die Prozessionen. Büßer schreiten dabei von Trommelwirbel und Musik begleitet durch die Straßen von Palma, Inca, Manacor und weiteren Orten Mallorcas. Unter einer dieser Büßerkutten wird dann auch Marisa Pérez sein. Die Präsidentin der „Bruderschaft Nuestro Padre Jesús del Buen Perdón y Nuestra Señora de la Angustia“ ist Sprecherin der Bruderschaften Palmas.

Wie kommt man dazu, Büßerin bei einer Bruderschaft zu sein?

Ich bin Büßerin von Geburt an. Meine Familie in Córdoba war in Bruderschaften, mein Bruder war costalero (Träger der Heiligenstandbilder, Anm. der Red.). In Andalusien ist die Tradition stark verwurzelt, ich habe die Prozessionen von klein auf intensiv erlebt. Als ich mit Anfang 20 nach Palma kam, bin ich der Bruderschaft beigetreten. 

Geben Sie diese Tradition auch an die nächste Generation weiter?

Natürlich. Mein Mann ist ebenso in der Bruderschaft, und unser zwölfjähriger Sohn ist von Geburt an dabei. Er läuft jedes Jahr mit uns mit. Es macht mich stolz und glücklich zu sehen, dass er es fühlt wie ich.

Was bedeuten die Umzüge für Sie?

Für mich bedeutet es, die Gefühle, die ich aufgrund von Jesus’ Tod und Wiederauferstehung in mir trage, zu zeigen. Diesen intensiven Glauben, diese Hingabe. Die Prozessionen sind ein öffentlicher Ausdruck meines Glaubens. Außerdem werde ich in diesem Jahr durch mein Mitlaufen bei dem Umzug wie viele andere auch ein Versprechen einlösen.

Welches Versprechen?

Es ging um ein gesundheitliches Thema. Ich habe gebetet und Gott versprochen, dieses Jahr barfuß bei den beiden Prozessionen an Gründonnerstag und Karfreitag mitzulaufen. Meine Bitten wurden erhört und somit löse ich mein Versprechen ein und bedanke mich dadurch. Andere Büßer laufen beispielsweise mit Ketten die Umzüge mit.

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Von außen betrachtet eher bedrohlich - Büßer der Bruderschaft des Crist de la Sang in Palma. DPA vía Europa Press

Sind Sie schon oft barfuß mitgelaufen?

Nein, ich habe in der Vergangenheit mitunter das Versprechen eingelöst, ganz normal bei der Prozession mitzulaufen. Oder an einzelnen Tagen ein Schweigegelübde abgegeben. Aber es ist das erste Mal, dass ich versprochen habe, barfuß mitzulaufen.

Die Prozessionen müssen sicherlich sehr emotional für Sie sein.

Während der Umzüge versuchen wir, uns in das Leiden, den Tod und das Begräbnis von Jesus hineinzuversetzen. Es ist natürlich kein Vergleich zu dem, was er durchstehen musste, aber wir versuchen so gut es geht, es mitzuerleben. Das ist traurig und quälend. Auf der anderen Seite geht es an Ostern um die Wiederauferstehung von Jesus und das Wissen darum, dass er zurück ins Leben gekommen ist. Dadurch ist auch Freude und Hoffnung dabei. Es sind viele Emotionen auf einmal. Ich fühle mich bei der Prozession meinem Gott näher, fühle mich auf eine gewisse Weise innerlich aufgeräumt.

Bei den Umzügen geht es auch um Buße. Fühlen Sie sich danach reiner? Von den Sünden des ganzen Jahres befreit?

Nein, ich fühle mich nicht befreit. Es ist der Höhepunkt von dem, was ich das ganze Jahr über erlebt habe. Aber in einer Bruderschaft bin ich nicht nur an Ostern, sondern an 365 Tagen im Jahr. Eine Bruderschaft lebt von ihrer Arbeit über das ganze Jahr hinweg, nicht von dem, was einmal im Jahr von ihr zu sehen ist.

Was macht die Bruderschaft den Rest des Jahres?

Während der Pandemie ist unser Zusammenleben als Bruderschaft eingeschränkt gewesen, aber selbst in dieser Zeit haben wir es geschafft, Spenden zu sammeln und Bedürftigen zu helfen. Wir sammeln Lebensmittel für Caritas, verteilen Spielzeuge an Kinder von mittellosen Eltern und haben Hilfsgüter an die Ukraine gesendet. Außerdem gibt es einmal die Woche die Möglichkeit, sich in der Kirche zu treffen. Die meisten gehen auch unter dem Jahr regelmäßig zu unseren Heiligenstatuen, um ihren Glauben und ihren Respekt zu zeigen. Ich gehe mehrmals die Woche dafür in die Kirche, bete und spreche innerlich mit ihnen. 

Die Corona-Pandemie hat nicht nur das Zusammenleben erschwert, sondern auch die Prozessionen ausfallen lassen.

Dass die Umzüge ausgefallen sind, war für uns sehr traurig, aber wir haben die Situation verstanden. Trotzdem haben wir nicht aufgehört, davon zu träumen. Dieses Jahr wird das sehr emotional. 

Osterumzüge sind auch eine touristische Attraktion. Stört es Sie, wenn Menschen kommen, die Ihren Glauben nicht verstehen?

Das stört uns nicht. Im Gegenteil, es ist ja auch ein kulturelles Ereignis. Und etwas sehr Besonderes. Wir verstehen, dass Menschen einfach neugierig sind. Gerade wenn sie aus einem anderen Land kommen, mag es für befremdlich wirken. Auch das ist verständlich. 

Wollen Sie auch bei den Zuschauern bestimmte Emotionen auslösen?

Nein, wir laufen für uns. Bei den Zuschauern gibt es welche, die die Tradition verstehen. Die nachvollziehen können, wie wir uns in dem Moment fühlen und auch mitfühlen. Aber eben auch solche, die es nicht verstehen und nur zuschauen. Für uns sind die Prozessionen etwas anderes, sie sind Buße, etwas sehr Ernsthaftes.