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Mallorca Zeitung

Auf Sand gebaut: Siedlung an der Playa de Muro auf Mallorca will, dass alles so bleibt, wie es ist

Das Flair der Siedlung Casetes des Capellans an der Playa de Muro ist einzigartig – und zieht viele Ausflügler an. Doch die Küstenbehörde macht Anwohnern und Gastronomen das Leben schwer

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Die Idylle erhalten: Die Siedlung Ses Casetes des Capellans an der Playa de Muro fürchtet um ihre Existenz Nele Bendgens

Wer keinen Sand mag, der sollte Casetes des Capellans auf Mallorca meiden. Hier bestehen die Wege aus Sand, der Parkplatz ist ein Sandplatz, die zahlreichen kleinen Bungalows sind auf Sand errichtet. Und wer in den drei Strandlokalen der Dünensiedlung einkehrt, der konnte bisher Speis und Trank genießen, und gleichzeitig den hellen Pudersand unter den nackten Füßen spüren.

Für viele Urlauber und Einheimische, die Natur statt Asphalt mögen, ist das Kleinod am östlichen Ende der Playa de Muro ein beliebtes Ausflugsziel. Doch ein bürokratischer Streit mit der Küstenbehörde macht der Siedlung zu schaffen – und die Lokale leiden schon jetzt unter dem rechtlichen Wirrwarr.

Carlos Ramis fürchtet um seinen Familienbetrieb "Ponderosa Beach" Nele Bendgens

Als Carlos Ramis’ Tante vor 60 Jahren den Strandbesuchern in Capellans aus dem neu errichteten Häuschen ihrer Eltern heraus die ersten Wasserflaschen verkaufte, ahnte sie kaum, dass sich aus ihrer Verkaufsidee ein Familienunternehmen mausern würde, das bis heute inselweit bekannt ist. Das Ponderosa Beach zieht Besucher von nah und fern an. Kein Wunder: Die Lage direkt am Zugang zum schmalen, aber kilometerweiten Strand, der von der Dünensiedlung aus in westlicher Richtung unbebaut daliegt, ist ausgezeichnet. Wer nach vorne blickt, sieht das türkisfarbene Meer nur einen Steinwurf entfernt, und wer nach unten schaut, ja, der sieht eben Sand.

„Wegen diesem Erlebnis kamen die Leute. Das war unser Konzept. Und jetzt ist es obsolet“, sagt Ramis. Tatsächlich zieht das Ponderosa Beach schon am frühen Vormittag Besucher an – und nicht wenige wenden sich enttäuscht ab. „Krass, die haben ja wirklich keine Tische mehr draußen“, sagt eine junge Deutsche zu ihrer Freundin. „Schade.“

Die 25 Außentische und 100 Stühle müssen Ramis und sein Team in diesem Sommer im Abstellraum lassen. Nur die acht Tische im Inneren und die Theke darf er noch bewirtschaften. „Aber das ist natürlich längst nicht so attraktiv. Wer hierherkommt, will nicht drinnen sitzen“, spricht Ramis das Offensichtliche aus. Die Hälfte seiner 35 Mitarbeiter musste er bereits entlassen. „Und wenn es so bleiben sollte, und wir nach dieser Saison sehen, dass es gar nicht läuft, dann werden wir ganz schließen müssen.“

Drei Lokale betroffen

Und das alles nur wegen einer fehlenden Genehmigung, die die zentralspanische Küstenbehörde dem Ponderosa Beach normalerweise alle vier Jahre erneuert, diesmal aber nicht. Betroffen sind neben Ponderosa Beach noch zwei weitere Strandlokale in Capellans: den ebenfalls seit Jahrzehnten existierenden Familienbetriebe Olimpia Oma&Opa und Can Gavella. Auch hier müssen die Tische drin bleiben.

Der Grund: Die sogenannte Demarkationslinie, die die Grenze zwischen dem von der Küstenbehörde überwachten Küstenstreifen und dem Gebiet der Gemeinde Muro festlegt, verläuft genau an den Außenterrassen der Lokale. Aus Umweltschutzgründen zögert die Behörde in Madrid nun, die Lizenz zur Außenbewirtschaftung wie bisher zu erneuern. „Dabei sind unsere Lokale deutlich älter als die 1989 gezogene Linie“, so Carlos Ramis.

„Und der kommerzielle Verleih von Strandliegen und Sonnenschirmen darf bis direkt zum Ufer bestehen bleiben. Das verstehen unsere Kunden nicht, und wir auch nicht“, beschwert sich auch Francisco Lora, Geschäftsführer im Olimpia Oma&Opa. Auch er musste bereits die Hälfte der Mitarbeiter entlassen, ebenso wie Jaime Perelló vom Can Gavella. „Einige von ihnen haben ewig für uns gearbeitet. Wir sind verzweifelt, wir haben 60 bis 70 Prozent weniger Einnahmen, unsere Bewirtung hat nichts mehr mit dem zu tun, was sie einmal war“, so Perelló.

Während sich die deutschen Urlauberinnen mit enttäuschten Gesichtern vom Ponderosa Beach abwenden, und sich stattdessen am Strand niederlassen, um ihre mitgebrachten Brötchen zu verspeisen, genießt Margarita Serra die laue Brise auf der Veranda vor ihrem kleinen Bungalow. Der steht direkt neben dem Ponderosa Beach – und liegt ebenfalls vor der Demarkationslinie. Genau wie 21 weiteren Häuschen in Capellans droht ihm der Abriss.

„Mein Vater baute das Haus 1966, als ich 16 Jahre alt war“, erinnert sich Serra. Sie stammt aus Muro, so wie alle anderen Besitzer der Häuschen in Capellans auch. Nur wer in Muro gemeldet ist, darf in der Siedlung ein Haus besitzen– auch wenn eine caseta verkauft wird, muss der neue Besitzer im Rathaus von Muro gemeldet sein. So war es schon in den 60er-Jahren, als die murers damit begannen, sich Sommerhütten in den Dünen zuzulegen.

Zahlreiche Urlauber kommen in der Hoffnung nach Capellans, im Außenbereich von einem der Strandlokale die Seele baumeln lassen zu können – und werden neuerdings enttäuscht. | FOTO: NELE BENDGENS Sophie Mono

Gemütlich und einladend

Und so ist es bis heute. Damals habe es nur einen Brunnen gegeben, „und um unsere Lebensmittel zu kühlen, kam regelmäßig ein Lastwagen mit großen Eisblöcken vorbei“, berichtet Serra. Etwa sechs Monate im Jahr verbringt sie in der Siedlung. Eng aneinandergeschmiegt, sind die Häuschen weder prunkvoll noch luxuriös, wirken dafür aber gemütlich und einladend.

„Es wäre einfach nur schade, wenn das hier vorbei sein sollte. Es hängen viele Erinnerungen daran. Aber sollten sie das Haus wirklich abreißen, dann habe ich ja wenigstens noch meine Bleibe in Muro“, sagt Serra. Anders als die Nachbarn zwei Häuser weiter. „Die wohnen dauerhaft hier und sind auch betroffen. Für sie muss es besonders schlimm sein.“ Man fühle sich machtlos. „Hoffentlich können die Anwälte etwas erreichen“, sagt die Rentnerin.

Auch die Gastronomen hoffen auf die Anwälte. Sie alle haben sich zusammengetan, um das bürokratische Knäuel zu ihren Gunsten zu entwirren. Die Gastwirte, die Bewohner und auch das Rathaus von Muro. Der Zusammenhalt ist greifbar – nicht zuletzt, weil man sich seit Jahrzehnten kennt und auch viele der Angestellten in den Lokalen aus der Gemeinde stammen.

„Von den 22 betroffenen Häuschen werden sechs ganzjährig bewohnt. Natürlich können die Bewohner momentan nicht ruhig schlafen“, sagt Antonio Cladera. Er ist der Vorsitzende der 140 Bungalows umfassenden Siedlergemeinschaft und wohnt selbst seit 25 Jahren in Capellans. Er dient als Sprachrohr zwischen den Bewohnern und der Gemeinde – und ist momentan wohl oder übel auch mit den Anwälten in ständigem Kontakt.

„Obwohl ich die Unruhe der Menschen verstehe, bin ich selbst eigentlich sehr gelassen“, sagt Cladera. „Die Küstenbehörde kann uns hier gar nichts vorschreiben oder gar abreißen, dazu hat sie nicht das Recht.“ Alle Bauten in Capellans seien ein bien comunal, also eine spezielle Art von Gemeindeeigentum, das es in dieser Form nur selten in Spanien gebe. „Und so nah an der Küste gibt es das spanienweit nur hier.“ Letztlich handele es sich bei dem aktuellen Streit nur um ein bürokratisches Missverständnis, dessen Umstände zweifelsfrei geklärt werden müssten.

Die Außenbewirtung im Can Gavella ist tabu, der Liegenverleih direkt am Strand hingegen erlaubt. Nele Bendgens

„Wenn sie uns tatsächlich die 22 Häuser nehmen sollten, dann werden in den kommenden Jahren wohl auch die anderen Häuser hier dran sein, bis die Siedlung gar nicht mehr existiert. Aber das wird nicht geschehen“, glaubt auch Joan Tortell, ein rüstiger Rentner, der lange als Claderas Vorgänger fungierte. „Ich lebe seit mehr als 40 Jahren hier, und immer wieder hat die Küstenbehörde versucht, uns einzuschüchtern. Passiert ist nie etwas.“

Weder Tortell noch Cladera sind gut auf die balearische Landesregierung zu sprechen. „Die Küstenbehörde untersteht zwar der Zentralregierung, aber die angebliche Landschaftsschutzpolitik auf den Inseln wird doch von der Linksregierung hier vorangetrieben“, kritisiert Tortell. „Warum haben sie es auf unsere kleine Siedlung abgesehen und nicht auf die Betonklötze nebenan in Can Picafort?“, fragt er. Immerhin: „Zum Glück sind wir hier alle vereint im Kampf gegen die dort oben.“

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