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Mallorca Zeitung

Von Klassik bis Partyhits: Das ist der Sound des Sommers auf Mallorca

Folkmusik von der Insel und spanische Hits auf den Fiestas, Cover-Songs in Hotels, Klassik an historischen Orten und deutsche Gassenhauer an der Playa – im Sommer ist viel Musik. Diese Menschen sorgen dafür

Der Sound des Sommers auf Mallorca hat viele Gesichter MZ

Unter Vertrag von Hotel zu Hotel

Àngela Aso gibt bei ihren Auftritten alles, um die Zuhörer mitzureißen privat

Schwarze Haare, blaue Augen, schlanke Figur – Àngela Aso ist ebenso attraktiv wie energiegeladen, wenn sie auf der Bühne steht. „Dann schlüpfe ich in eine Rolle. Beim Theaterspielen, aber auch als Sängerin“, sagt sie. Aso ist freischaffende Künstlerin, der Sommer ist ihr Metier. Von Juni bis September hat sie fast täglich Auftritte. In Hotels singt die 24-jährige Deutsch-Mallorquinerin zusammen mit einem Gitarristen. Summer Wine nennt sich das Duo und gibt überwiegend englische Cover-Songs zum besten. Die Planung und Bezahlung läuft über die Firma Trui, die auch bestimmt, wann und wo die beiden auftreten. „Da kann es sein, dass ich von mir zu Hause in Cala Ratjada in ein Hotel in Port d’Andratx geschickt werde. Und natürlich behalten sie einen Teil der Gage ein. Trotzdem ist es einfacher für uns, alles die Firma regeln zu lassen, als selbst mit den Hotels zu verhandeln“, sagt Aso. Die Hotels seien eine Welt für sich. Jedes Mal stoße man auf neues Publikum. „Manchmal ignorieren uns die Gäste, unterhalten sich, während wir auftreten. Das hasse ich, aber da muss man drüberstehen“, sagt Aso. Sie ist extrovertiert, steht gern im Rampenlicht, ist aber auch professionell und nimmt nichts persönlich.

An den Wochenenden steht Àngela Aso oft mit der Band Ves-hi tu bei einer der zahlreichen Dorffiestas auf der Bühne. Bei den sogenannten verbenas kommen alte und junge Mallorquiner zusammen. „Da muss man den richtigen Mix finden, um alle mitzureißen.“ Spanische, mallorquinische und ein paar englischsprachige Evergreens überzeugen die Massen meist. Wenn die Menge tobt, ist Aso zufrieden. „Nur Sommerhits aus dem vergangenen Jahr kommen gar nicht an.

Geprobt wird im Winter, wenn kaum Auftritte anstehen. Dann ist auch Zeit zum Durchatmen – zumindest musikalisch. „Fast alle Bandmitglieder verdienen nicht allein mit der Musik ihr Geld, dabei wäre das durchaus möglich“, so Aso. Auch sie ist nicht nur Vollblutkünstlerin, sondern auch passionierte Grundschullehrerin. „Ich will beides. Aber wer es drauf anlegt und im Sommer zwei, drei Auftritte täglich annimmt, verdient genug, um über den Winter zu kommen.“ Lust auf eigene Songs? Auf Plattenverträge und große Auftritte außerhalb der Verbenas- und Urlauberwelt? „Irgendwann vielleicht. Gerade bin ich zufrieden, wie es jetzt ist.“

Vier Stunden lang Gas geben

DJ Chris Deluxe vor dem Mega Park Nele Bendgens

15 Uhr, Balneario 5, Christian Moeller ist heiser. Der Megapark-DJ hat gerade seine Schicht beendet. „Meine Stimme ist zwar immer rau, aber heute ist es schon extrem“, sagt der 40-Jährige. Chris Deluxe, wie er sich hinter dem Drehteller nennt, ist für die Frühschicht von 11 bis 15 Uhr im deutschen Tanztempel zuständig. Das klingt erst einmal nach einem entspannten Arbeitstag. „In der Zeit muss ich aber permanent Gas geben“, sagt er. Das heißt, ins Mikro schreien, das Partyvolk animieren und vor allem die richtigen Lieder auflegen, die die Masse zum Kochen bringen. In erster Linie ist das vor allem der Skandal-Hit „Layla“. „Ich finde das Lied zwar gut, mittlerweile hängt es mir aber zu den Ohren raus“, sagt Moeller.

Privat hört der Norddeutsche aus Malchin Rock und Radiosongs. „Ein bisschen von allem, ich muss schließlich auf dem Laufenden bleiben.“ Vor 13 Jahren hat er einen Freund in Cala Millor besucht. Es gefiel ihm so gut, dass er auf die Insel zog. Drei Jahre später heuerte er beim Megapark an. „Im Lauf der Zeit ist die Musik schneller geworden. Früher haben die Leute noch geschunkelt. Heute strecken alle nur noch die Hände nach oben“, sagt er. „Manche Leute stellen sich den Wecker, um Vormittags pünktlich da zu sein, wenn der Megapark aufsperrt“, sagt Moeller. Um 10 Uhr gehen die Türen auf. Bis die Beschallung um 11 Uhr losgeht, ist der Laden schon entsprechend voll. „Mein größter Konkurrent ist der Strand“, sagt der 40-Jährige. „Wenn es regnet, ist die Bude besonders voll. Was sollen die Leute auch sonst groß machen?“ Zwei Mal die Woche legt Chris Deluxe zudem im Bierbrunnen in Cala Ratjada auf, ein weiteres Mal im Krümels Stadl. „Früher habe ich die Après-Ski-Saison im Winter noch mitgenommen. Heute bin ich froh, wenn ich mich mal ausruhen kann.“

Für jede Party zu haben

José Artero von der Partyband The Hawaiians sorgt für Stimmung The Hawaiians

„Musik, bei der sich die Leute schämen, zuzugeben, dass sie sie mögen, bei der aber alle Leute abfeiern.“ So beschreibt Sänger José Artero den Musikstil der Hawaiians. Die Band, die alte Hits von Britney Spears, Backstreet Boys oder David Bisbal covert, gehört zu den besten Partybands der Insel und ist auf jeder zweiten Fiesta anzutreffen. „Freie Tage? Was ist das? Im Sommer treten wir praktisch jeden Abend auf“, sagt der 29-Jährige. Neben Artero bilden San Caldentey (26) und Dani Amengual (35) das hawaiianische Trio.

Sänger Artero und Schlagzeuger Amengual hatten bereits früher die Punkrock-Band Limber gegründet, die spanienweit und sogar in Japan auf Tournee ging. „Um Geld zu verdienen, wollte ich in einer klassischen Coverband spielen, die in Hotels auftritt“, sagt Amengual. Das waren zunächst die Dealers. Als der Erfolg ausblieb – „die Musik war stinklangweilig, Beatles, Queen und das übliche Zeug“, sagt Gitarrist Caldentey –, musste in neuer Besetzung ein anderes Konzept her. „Die Dealers spielten mit schwarzen Hemden und roter Fliege. Das war bei der Hitze unerträglich“, sagt Artero. „Wir fragten in den Hotels, ob es ihnen etwas ausmachen würde, wenn wir luftige Hawaiihemden anziehen.“ Kein Einspruch, die Hawaiians waren geboren. Auch musikalisch: „Wir stecken die alten Hits in den Mixer und tun unsere Gewürze dazu“, sagt Artero. „Wir machen Musik, die wir geil finden. Der Spaß überträgt sich.“

Mittlerweile kann die Band davon gut leben. Auch wenn Sänger Artero nebenbei sein Glück als Schauspieler sucht und seine Bandkollegen eine Karriere als Programmierer anstreben. Viel Zeit bleibt dafür im Sommer nicht. „Wir haben mehrere Agenturen, die uns die Auftritte organisieren. In Hotels, auf privaten Feiern, auf verbenas“, sagt Amengual. Je nach Auftritt geben die Hawaiians dem Publikum, was es will. „Bei Privatfeiern geben wir vorab eine Liste mit Liedern raus, die wir spielen können. Bei den verbenas haben wir freie Wahl. Da drehen wir dann richtig auf.“

Jahrhunderte alte Tradition

José Àngel Cifre von den Xeremiers in Pollença privat

Wenn José Àngel Cifre und seine Truppe loslegen, dann klingt es wie typische Mittelaltermusik – und genau genommen ist es das ja auch. Die Xeremiers Orats de Pollença spielen auf Instrumenten, die so oder so ähnlich schon viele Jahrhunderte lang Tradition auf Mallorca haben: Die xeremia ist eine Art Dudelsack, die flaviol eine schmale Flöte, der tambor eine kleine Handtrommel.

„Wir haben das ganze Jahr über Auftritte, aber natürlich auch im Sommer bei den Fiestas“, berichtet Cifre. Der 58-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern der Xeremiers in Pollença. Seit dem Jahr 2001 spielen dort gut ein Dutzend Erwachsene und mittlerweile auch mehrere Jugendliche zusammen auf den alten Instrumenten. „Einige sind tatsächlich historisch, die meisten benutzen aber neu gefertigte Stücke.“

Es komme nur selten vor, dass die Xeremiers als eigenständiger Akt auf der Bühne stehen. „Meist spielen wir auf der Straße und sind Teil der Fiesta“, sagt Cifre. „Oft treffen wir uns auch mit Gruppen aus anderen Orten und spielen bei ihnen oder bei uns.“ Und immer ohne Partituren. „Wir machen alles übers Gehör. Es ist auch ein Gefühl, das man da wiedergibt. Und eine tiefe Verbundenheit zur Insel.

Kunst und Kultur

Will mit seiner Musik die Welt verbessern: Alfredo Oyaguez privat

Alfredo Oyaguez organisiert seit 20 Jahren auf Mallorca die Klassik-Reihe „Festival Internacional de Música de Deià“ und sitzt dabei nicht selten auch selbst am Klavier. Davor war er einer der geladenen Künstler, die sich vom früheren Organisator Patrick Meadows nach Mallorca locken ließen, um in traumhafter Atmosphäre zunächst ausschließlich in Son Marroig Klavier zu spielen. Oyaguez und Meadows verstanden sich so gut, dass der US-Amerikaner dem Madrilenen das Festival eines Tages komplett anvertraute.

Seither sorgt Oyaguez mit einem kleinen, „aber extrem wertvollen“ Team für schöne Töne im Sommer. Die Musik ist für Oyaguez Herzensangelegenheit. „Meine Mutter wollte schon Musikerin werden, aber das hat nicht geklappt. Und so habe ich ihre Rolle übernommen.“ Sein Bruder sei Maler geworden – ursprünglich der Wunschberuf seines Vaters. „Wir sind ein wenig die Manifestationen der Hobbys und auch des Frustes unserer Eltern, aber auf positive Art und Weise.“ Herumgekommen ist der 54-Jährige in seinem Musikerleben viel. Nach seinem Abschluss am Konservatorium verbrachte er 14 Jahre in Polen, Tschechien, den USA, Dänemark und Portugal.

Er habe es sich zur Mission gemacht, Kunst und Kultur zu vermitteln, das wiederholt Oyaguez viermal. „Leider gibt es in Spanien kaum noch Musikunterricht in der Schule. Uns Musikern fällt deswegen die Aufgabe zu, die Musik am Leben zu halten.“ Es sei das Fehlen von Kunst und Kultur sei, das Kriege und Auseinandersetzungen auf der Welt begünstige. Kurzum: Es gehe ihm darum, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, sagt Oyaguez – eine Aussage, die wohl auch alle seine Musikerkollegen unterschreiben würden.

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