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"Angst bei jedem Regen": So kämpft ein Wiener um seine Finca im Überflutungsgebiet in Manacor auf Mallorca

Erst nach der Kaufunterzeichnung erfuhr ein Ehepaar, dass das Haus gefährdet ist. Die Behörden reagieren nur langsam

Thomas Fichtenbaum an einem Nachbargrundstück kanalaufwärts. Hier ist die schützende Ufermauer seit Monaten zerstört. Nele Bendgens

Es riecht nach Feuchtigkeit, ein wenig modrig, unangenehm, dabei scheint die warme Sonne vom wolkenlosen Himmel. Am Ufer des Torrent de na Borges ist es matschig, niedergedrückte Pflanzen zeugen davon, dass hier vor Kurzem Wassermassen durchgerast sind. Von einem Abschnitt der Mauer, die den schmalen Sturzbach seitlich absichern soll, sind nur noch Trümmer übrig.

Auch sie erinnern an die Nacht auf den 7. Oktober, als Thomas und Gabriele Fichtenbaum aus ihrem Haus bei Manacor auf Mallorca evakuiert werden mussten. Kein schönes Erlebnis für die Österreicher. „Aber ich bin fast froh, dass es so weit gekommen ist. Vielleicht bewegt sich jetzt endlich mal etwas“, sagt Thomas Fichtenbaum und deutet auf die Trümmer am Kanal.

Thomas Fichtenbaum am 7. Oktober bei der Begutachten der jüngsten Schäden . | F.: SANSÓ

Knapp sechs Jahre ist es her, dass der Wiener mit seiner Frau entschied, den Ruhestand auf Mallorca zu verbringen und im Umland von Manacor ein frei stehendes Haus mit ansehnlichem Grundstück erwarb. Ebenfalls knapp sechs Jahre ist es her, dass die Fichtenbaums erfuhren, dass es sich dabei um Überflutungsgebiet handelt – den Kaufvertrag hatten sie da allerdings schon unterschrieben. Kurz nach ihrem Einzug erlebten sie zum ersten Mal, wie Wassermassen nach einem Unwetter ihren Garten sowie die gesamte untere Etage des Hauses unter Wasser setzten. „Das war eine böse Überraschung. Keiner hatte uns davor gewarnt“, sagt Fichtenbaum.

Selbst einen Damm gebaut

Der 65-Jährige ist ein Machertyp, arbeitete Jahrzehnte bei der Wiener Polizei, scheut nicht davor anzupacken. Und so begann er gleich nach dem Umzug, sein neu erworbenes Grundstück gegen das Wasser zu schützen, das den angrenzenden torrent im Herbst und Frühling regelmäßig über die Ufer treten lässt. Er baute einen kleinen Damm, verstärkte den Kanal auf Höhe seines Gartens mit einer betonierten Schutzmauer, errichtete im Erdgeschoss Podeste, damit die dort gelagerten Haushalts- und Gartengeräte nicht bei jedem Hochwasser nass werden. 10.000 Euro habe er locker dafür investieren müssen, und jede Menge Arbeit. „Das wäre ja in Ordnung, wenn damit das Problem gelöst wäre“, seufzt Thomas Fichtenbaum.

Eine Weile schien das sogar so zu sein. Statt bis in den Garten und ins Haus, flossen die Wassermassen am neuen Schutzdamm entlang. Bis im April dieses Jahres gleich mehrmals landunter angesagt war. „Dabei brach dann auch die Ufermauer hier“, sagt Fichtenbaum und deutet wieder auf die Trümmer an dem Abschnitt des Sturzbachs, der nicht an sein Grundstück, sondern mehrere Parzellen weiter kanalaufwärts an das eines Nachbarn angrenzt. Das Bachbett ist hier sehr schmal, verläuft zuvor in einer Kurve. „Sobald es stark regnet, tritt das Wasser jetzt hier über die Ufer“, sagt Fichtenbaum. „Es flutet die Grundstücke meiner Nachbarn, kommt dann seitlich auf unser Haus zu und umgeht so alle meine Schutzmaßnahmen.“

Ungewissheit statt Ruhe

So war es im April, und so war es auch jetzt wieder, als es am 6. Oktober gegen 22.30 Uhr zu regnen begann. „Wir sahen es schon kommen, wir machten die ganze Nacht kein Auge zu“, berichtet der Wiener. Stattdessen beobachtete er mit seiner Frau aus den Wohnräumen im ersten Stock, wie die Wiesen, die Terrassen und die Zimmer unten geflutet wurden.

Um 0.30 Uhr, nachdem bereits gut 250 Liter pro Quadratmeter niedergegangen waren, erreichte das Wasser das Erdgeschoss der Fichtenbaums, um 3.30 Uhr leiteten die Rettungskräfte die Evakuierung der Österreicher und dreier Nachbarsfamilien ein. Sie wurden in ein Sportzentrum in der Gegend gebracht und versorgt. „Mir war schon mulmig dabei“, sagt Gabriele Fichtenbaum. Kein Wunder: Sie ist wegen einer Operation aktuell an den Rollstuhl gefesselt und wenig mobil.

Sorge um das Grundstück

„Es war korrekt, dass sie den Notfall ausgerufen haben und folgerichtig, dass sie uns dann laut Protokoll herausgeholt haben. Dabei hatte ich in keinem Moment Angst, dass uns im ersten Stock etwas passieren könnte, die Mauern hier sind stark“, so Fichtenbaum. Vielmehr als die Sorge um Leib und Leben plagte ihn während der Stunden der Evakuierung die Sorge, was er bei der Rückkehr auf sein Grundstück vorfinden würde.

Als es um 8 Uhr morgens so weit war, sah er das Ausmaß der Zerstörung: Knapp ein Dutzend Hühner in erhöhten Verschlägen waren ertrunken, sämtliche unten befindliche Garten- und Haushaltsgeräte trotz der Podestlösungen zerstört – das Wasser hatte einen Meter hoch in den Räumen gestanden.

Vielleicht, so Fichtenbaum, musste es einmal so arg kommen, damit sich etwas bessert. Erstmals soll es für die betroffenen Anwohner nun eine finanzielle Direkthilfe geben. Zudem dürfte die Versicherung für einen Teil der Schäden aufkommen. Doch das sei nur ein Nebenaspekt. „Wir wollen nicht weiter in dieser Ungewissheit leben. Wir sind hergezogen, weil wir Ruhe suchten. Jetzt müssen wir bei jedem Regen wieder Angst haben“, sagt Fichtenbaum. Seine Forderungen: Der Sturzbach müsse an vielen Stellen verbreitert, die Ufermauer am Nachbargrundstück wiederaufgebaut und verstärkt werden. „Bei dem Unwetter Anfang Oktober wurde sie noch weiter zerstört, nun sind wir noch schutzloser.“

Bisher nichts repariert

Bei einem Termin im Rathaus Anfang der Woche klagte Fichtenbaum sein Leid Bürgermeister Miquel Oliver – und hofft, dass die Stadtverwaltung nun Druck beim für die torrents zuständigen Inselrat macht. Ein offenes Ohr habe man im Rathaus gehabt, praktische Initiative seitens der Behörden seien aber noch nicht ergriffen worden.

„Die Tage und Wochen vergehen, aber bisher wurden nur die Trümmer aus dem torrent geholt und nichts repariert. Dabei kann es jederzeit wieder regnen“, so Fichtenbaum. Das Ehepaar will zurück in die Heimat und Mallorca verlassen, das ist mittlerweile fast entschieden. Doch so leicht ist es nicht. „Wir bekommen das Haus so nicht verkauft. Eine Immobilie im Überflutungsgebiet, die will doch selbst geschenkt keiner haben.“ Dieses Detail den Kaufinteressenten zu verschweigen, bringe er aber nicht übers Herz.

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