Mallorca Zeitung

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Deutsche Großindustrielle machen sich in einem kleinen Ort auf Mallorca breit

Mitglieder großer Unternehmensdynastien liefern sich im Südosten der Insel schon fast einen Wettstreit um die größten Anwesen. Das stößt nicht nur auf Sympathie

Blick vom Santuari de la Consolació auf die Südostküste von Mallorca. Nele Bendgens

Der Landstrich zwischen Felanitx und Santanyí liegt auf den ersten Blick friedlich da, vor allem jetzt im Januar. Die ersten Mandelbäume strecken ihre Blüten in die Sonne, Schafe weiden auf ausgedehnten Grundstücken, einige wenige Radfahrer sind auf ruhigen Nebenstraßen unterwegs. Typische Mallorca-Idylle eben, wenngleich derzeit von der Trockenheit gezeichnet. In einem der hier gelegenen Dörfer aber rumort es unüberhörbar.

Etliche Gesprächspartner, vor allem Einheimische, machen sich Sorgen darüber, wohin sich der Ort und die sie umgebende Landschaft in jüngster Zeit entwickelt. Ein Großteil dieses Wandels geht auf wohlhabende oder auch steinreiche Deutsche zurück. Sie drücken dem Erscheinungsbild des Ortes immer mehr ihren Stempel auf – mit groß angelegten Grundstückskäufen und teils riesigen Anwesen.

Das Phänomen ist nicht neu: Das Dorf liegt nicht weit von dem sogenannten Hamburger Hügel im benachbarten Cas Concos. Dort, in der sanften Hügellandschaft, haben sich schon vor Jahrzehnten zahlreiche deutsche Unternehmer, viele von ihnen aus der Hansestadt, einen Mallorca-Wohnsitz gegönnt, zumeist ohne ihren Reichtum großartig zur Schau zu stellen.

Auf einem Dorffest in Santanyí. DM

Bitte keine Namen

Anders – zumindest in den Augen der Gesprächspartner – ist das nun in dieser Gegend. Dort investieren gerade zwei deutsche Industrielle im großen Stil in ihre Anwesen. Ihre Namen und Unternehmen sind Dorfgespräch, gegenüber der Presse aber werden sie nur hinter vorgehaltener Hand genannt. Die MZ hat einen der beiden kontaktiert, um mehr über die Investition zu erfahren und als Antwort nur ein Abmahnschreiben eines Anwalts erhalten. Um die privaten Rückzugsorte und die Sicherheit der Familien nicht zu gefährden, verzichten wir auf Namensnennungen und genaue Ortsangaben.

Nennen wir den einen Unternehmer A., den anderen Unternehmer B. „Sie scheinen regelrecht in einem Wettstreit zu sein, wer mehr Land kauft und das größere Haus hat“, sagt ein einheimischer Anwohner. Es gibt auch noch weitere wohlhabende deutsche Unternehmer in der Gegend. So groß auftrumpfen wie diese beiden aber tut keiner von ihnen.

Besonders deutliche Spuren hinterlassen derzeit Unternehmer A. und seine Familie. Jeder, der in der Umgebung lebt und von der MZ darauf angesprochen wird, bestätigt das sofort. „Vor einiger Zeit sind sie mit einem Cabrio aus einem engen Weg auf die Straße eingefahren, auf der ich unterwegs war. Unmittelbar danach bog noch der Wagen eines Leibwächters auf die kleine Straße ein“, erzählt eine deutsche Anwohnerin. „Ich musste voll in die Eisen steigen, damit es nicht zum Unfall kam.“ Es ist nur eine von vielen Anekdoten im Ort.

Das Grundstück von Unternehmer B. scheint etwas diskreter, das von A. liegt exponiert und gut einsehbar. Beim MZ-Besuch vor Ort steht gerade das Tor der Finca sperrangelweit offen, allem Anschein nach wird gerade der parkartige Garten angelegt, Mitarbeiter einer Gartenbaufirma sind auf dem Grundstück zugange. Das Haus befindet sich noch im Bau. Errichtet ist es in der typisch mallorquinischen Natursteinbauweise. Es wirkt ein wenig wie eine Burg.

„A. war in den Weihnachtsferien da“, berichtet ein anderer Anwohner aus dem Ort, ein Mallorquiner, den wir Manolo nennen. Er weiß bestens Bescheid über alles, was im Dorf vor sich geht, und will reden. Manolo arbeitet im Rathaus von Santanyí und hat sich Pläne von der Umgebung des Anwesens besorgt.

Was nun? ANEI oder ARIP?

Seiner Meinung nach ist das, was A. gemacht hat, nicht komplett legal. „Das Gebiet, in dem sein Haus steht, ist ein geschützter Raum, ein ANEI (Naturraum von besonderem Interesse, Anm. d. Red.)“, sagt er. Ein offizielles Karten-Tool der Landesregierung weist das Grundstück allerdings als ARIP aus, als ländliches Gebiet von landschaftlichem Interesse. Dort darf gebaut werden, sofern das Grundstück mindestens 50.000 Quadratmeter groß ist.

Ein befreundeter Architekt habe ihm vorhergesagt, dass dieses Haus keine Chance habe, bei der Bauabnahme durchzukommen, sagt ein anderer Anwohner des Dorfes, nennen wir ihn Tomeu. „Aber siehe da, es hat doch geklappt.“ Freunde von ihm hätten vor einiger Zeit um Akteneinsicht bei der Gemeinde gebeten. Im Rathaus habe man sie schroff abgewiesen.

Aus dem Rathaus in Santanyí klingt das etwas anders. Zum einen, so ein Sprecher, seien im ländlichen Raum der Inselrat und die Umweltabteilung der Balearen-Regierung für die Gutachten zuständig, die eine Baugenehmigung erst ermöglichen, nicht die Gemeinde. Und zum anderen seien Bauanträge von Privatleuten üblicherweise nicht öffentlich einsehbar. Der Sprecher des Rathauses geht mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ davon aus, dass die Anwesen von A. und B. legal errichtet werden.

Ein zum Verkauf stehendes Dorfhaus. Nele Bendgens

Viel Land lag brach

Wie im Dorf zu vernehmen ist, hat A. zunächst zahlreiche kleine Parzellen zusammengekauft und zu dem erforderlichen mindestens 50.000 Quadratmeter großen Landgut zusammengefasst. „Dass dabei alle Eigentümer der Parzellen gefragt wurden, ob sie wirklich verkaufen wollten, kann ich mir nicht vorstellen. Er soll teilweise Grundstücke einfach in sein Land mit eingeschlossen haben, ohne sie zu erwerben“, sagt der Rathausmitarbeiter. Die Grundstücke seien allerdings quasi wertlos, wie er zugibt. Bauen dürfe man da ohnehin nichts, also wehre sich niemand. Hinzu komme, dass bei manchen Parzellen tatsächlich fraglich war, wem sie überhaupt gehörten.

„Die Anwohner wurden unter Druck gesetzt, damit sie ihre Parzellen an den Deutschen verkaufen“, meint Tomeu. Verantwortlich dafür soll ein Immobilienbüro aus Santanyí sein, das bei den Eigentümern der Grundstücke mit Verträgen erschien, die nur noch unterschrieben werden mussten. Der Rest werde von einem Anwalt abgewickelt. Der Makler war für die MZ bis Redaktionsschluss nicht zu sprechen.

Während der Bauarbeiten fotografierte die inzwischen aufgelöste Umweltschutzorganisation Terraferida die Erdbewegungen, die für das Anwesen nötig waren. Die Bilder machten die Runde, der Eingriff in die Landschaft war enorm. Terraferida zeigte die Bauarbeiten im Juni 2020 bei der zuständigen Agencia de Defènsa del Territori (ADT) an. Seither haben die Umweltschützer in dieser Angelegenheit nichts mehr von der Behörde gehört. Die ADT lässt auch eine Anfrage der MZ bis Redaktionsschluss unbeantwortet und antwortet später, dass man sich mit dem Inselrat in Verbindung setzen müsse.

Für Aufsehen im Ort sorgen auch die Gartenarbeiten. Eines Tages kam eine ganze Karawane an Lastwagen an, die mit Bäumen, Pflanzen und Möbeln beladen waren. Da die großen Fahrzeuge nicht den engen Weg zum Anwesen passieren konnten, habe man auf dem Fußballplatz des Dorfes gehalten und die Ladung auf kleinere Fahrzeuge gehievt, die dann den Weg zum Anwesen bewältigten. Um den Garten erst einmal anzulegen, habe A. jegliche Vegetation dem Erdboden gleichgemacht, wie Manolo berichtet.

Eines von vielen Baufahrzeugen in einer Ortsdurchfahrt. Nele Bendgens

Wege gesperrt

Und noch etwas anderes regt Anwohner wie Tomeu und Manolo auf: Die neuen Großgrundbesitzer hielten sich nicht an ungeschriebene Gesetze, die freilich auch anderswo auf Mallorca für Streit sorgen. „Sie errichten Barrieren auf Wegen, die die Menschen hier seit jeher genutzt haben. Man konnte hier immer fremde Grundstücke betreten, etwa auf der Suche nach Schnecken oder Spargel.“ Durch die Zäune gehe auch ein Stück Kultur verloren.

Das Dorf ist klein, die Informationen werden über Buschfunk weitergegeben. Die Anwohner stört auch, dass A. einen Brunnen gebohrt haben soll, der das öffentliche Wassernetz anzapft. „Wir befinden uns hier in einer Gegend, die sicherlich in wenigen Jahrzehnten zur Wüste wird. Und da kommt einer und baut sich einen völlig unnötigen, riesigen Garten um sein Haus, der rund um die Uhr gewässert wird“, sagt Manolo. In Sachen Brunnen weiß Manolo auch über Unternehmer B. etwas zu erzählen: Der habe vor einiger Zeit versucht, einen öffentlichen Brunnen einfach in sein Grundstück zu integrieren. Das sei ihm aber nicht gelungen.

Der immense Wasserverbrauch der großen Anwesen sei so oder so ein Problem. Manolo will gesehen haben, wie A. im Sommer den Pool mehrfach geleert und wieder gefüllt hat. Er fragte beim Wasserversorger nach und sei dort wie beim Rathaus auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. „Man hat das Gefühl, diese Leute können hier machen, worauf sie gerade Lust haben. Wenn unsereins nur eine Mauer versetzt, bekommt er schon eine Strafe aufgebrummt“, ärgert sich Manolo über die aus seiner Sicht ungleiche Behandlung seitens der Behörden.

Ähnlich äußert sich auch der José, Wirt in einer Bar. Er will zwar nicht gegen die Deutschen im Ort wettern. „Das sind Leute wie du und ich auch. Ihnen gefällt es hier, und sie haben in die Gegend investiert“, sagt José zunächst. Der ein oder andere habe sicher auch schon bei ihm in der Bar gesessen, ohne dass José gewusst habe, dass er möglicherweise einen Milliardär bewirte. „Das Einzige, was problematisch ist, ist der Wasserverbrauch in den Gärten. Es braucht es aus meiner Sicht keine aufwendigen Pflanzungen von Arten, die teilweise gar nicht auf Mallorca heimisch sind.“

"Felanitx denjenigen, die dort wohnen". Ein Graffiti in Felanitx. Ajuntament de Felanitx

Kolonnen von Luxuswagen

Auch das Auftreten der reichen Deutschen, die teilweise mit Kolonnen von Luxusautos umherfahren, verärgert viele Gesprächspartner. „Das ist hier eine Gegend, in der einfache Menschen wohnen. So eine Angeberei kommt hier sehr schlecht an“, sagt eine langjährige deutsche Anwohnerin. Es sei richtig, dass man als Europäer hier Eigentum erwerben kann, meint Tomeu. „Aber wenn man mich fragt, werde ich immer eher meine Insel verteidigen als das Recht auf Freizügigkeit.“

Die Identität des Dorfes und der Insel drohe verloren zu gehen, so die Befürchtung. „Schauen Sie sich Santanyí an. Das ist für mich München. Hier im Dorf hingegen gibt es noch Einheimische“, sagt Tomeu. Er betont mehrfach im Gespräch, dass er kein Problem mit den Deutschen im Allgemeinen habe. „Es gibt einige Familien, die seit Jahren hier wohnen und sich ins Dorfleben integriert haben. Die haben wir gern hier. Aber diese anderen Leute verleihen den Deutschen einen schlechten Ruf.“

Auch im Ort selbst wird an zahlreichen Häusern gewerkelt, andere wurden abgerissen und werden gerade neu aufgebaut. Auf der Ortsdurchfahrt herrscht trotz Nebensaison viel Verkehr, zahlreiche Baufahrzeuge und Lkw sind unterwegs.

Seit 20 Jahren habe kein Einheimischer mehr im Ort eine Garage, geschweige denn ein Haus gebaut, es sei einfach nicht mehr bezahlbar, sagt Manolo. „Und wir würden uns ja auch nicht so beklagen, wenn die reichen Ausländer zumindest ein wenig Interesse an der Insel und ihren Menschen zeigen würden.“ Oder noch besser: Statt zu versuchen, die öffentliche Wasserversorgung für ihre Zwecke zu nutzen, sei es ja auch möglich, alte und heruntergekommene Brunnen wiederherzurichten und so der Allgemeinheit etwas zurückzugeben.

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