Mallorca Zeitung

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Direkt zum Gefühl: Wie Kunsttherapie auf Mallorca innere Baustellen heilt

Jeder Mensch hat innere Baustellen. Doch es gibt Alternativen zur klassischen Psychotherapie. Drei Kunsttherapeuten auf Mallorca erklären, wie kreatives Schaffen den Weg ins Unterbewusstsein öffnet – und warum das so guttut

Güimel Saulek bietet Kunsttherapie-Workshops mit Blick auf Strand und Meer in Cala Ratjada auf Mallorca an. Nele Bendgens

Manchmal braucht es nur eine bestimmte Bemerkung ihrer Mutter, und die sonst so gelassene Anna B. geht an die Decke, spürt einen Zorn, den sie kaum benennen kann. In anderen Momenten ist sie tieftraurig, hat das Gefühl, dass viele Dinge in ihrer Familie unausgesprochen bleiben. Lange Zeit schob die 60-Jährige ihre Emotionen beiseite. Dann versuchte sie, den inneren Baustellen mit verschiedenen Therapien auf den Grund zu gehen. „Nichts hat mir so sehr geholfen wie die Kunsttherapie“, sagt die deutsche Mallorca-Residentin.

Passt der grüne Knopf zu meinem Kunstwerk? Oder besser die rote Schnur? Oder soll ich es doch lieber mit Acrylfarbe versuchen? „Am Anfang jeder Sitzung, wenn wir uns Material aussuchen, bestimmt der Kopf immer noch mit“, berichtet Anna B. Aber je länger sie sich im Therapie-Workshop kreativ betätige, desto mehr schaffe sie es, sich auf ihre Intuition zu verlassen, und sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen. „Nachher weiß ich teilweise gar nicht mehr, warum ich dieses oder jenes Material benutzt habe. Aber ich spüre eine riesige Erleichterung, weil die Emotionen endlich einmal herauskommen können.“

Gegen die inneren Widerstände

Die Deutsche Cris Pink bietet Gruppen-Workshops für Kunsttherapie auf ganz Mallorca an

Die Deutsche Cris Pink bietet Gruppen-Workshops für Kunsttherapie auf ganz Mallorca an privat

Das Innere nach außen kehren, den bisher nicht greifbaren Gefühlen – die nie zum Ausdruck kommen konnten, aber doch immer da waren – eine konkrete Form geben: Genau darum geht es in der Kunsttherapie. „Die Kunst ist in dem Zusammenhang nur das Werkzeug, um an die Gefühle heranzukommen, die unser Bewusstsein unterdrückt. Durch kreatives Arbeiten werden innere Widerstände abgebaut und der freie Verlauf emotionaler Befindlichkeit gefördert. Über den Bilderfluss der Psyche wird eine Möglichkeit geschaffen, Spannungen abzuladen und Dinge zu verarbeiten, die nie verarbeitet wurden, aber noch in uns sind“, erklärt Kunsttherapeutin Cris Pink. Die 68-jährige Künstlerin schloss 2014 ihre Kunsttherapie-Ausbildung ab. Seitdem bietet die Wahlmallorquinerin aus Koblenz die Therapieform auf der Insel an und hat viel Erfahrung gesammelt – sowohl mit Menschen, die diagnostizierte psychische Störungen haben, als auch mit solchen wie Anna B., die zwar nicht psychisch krank sind, aber dennoch innere Baustellen haben.

„Wir alle haben Themen, die in uns arbeiten, seien es Traumata von früher oder aktuelle Konflikte mit Mitmenschen. Nicht immer können wir uns in unserem Alltag damit angemessen auseinandersetzen. Die Kunsttherapie kann dafür sorgen, dass es uns besser geht“, erklärt Güimel Saulek. Die 33-jährige Argentinierin, die Kommunikations- und Industriedesign studierte, hat erst vor Kurzem ihre Weiterbildung zur Kunsttherapeutin abgeschlossen und will nun verstärkt entsprechende Workshops anbieten.

Keine Begabung nötig

„Es ist oft schwer, in Worte zu fassen, was in einem vorgeht. Die Kunst hilft, sich selbst auszudrücken und die Dinge herauszulassen“, sagt auch Saulek. Das gelinge prinzipiell bei jedem. „Es gibt natürlich Menschen, die setzen auf andere Methoden, um ihr Inneres zu reflektieren und ihre Themen aufzuarbeiten. Aber der therapeutische Erfolg einer Kunsttherapie hat nichts mit Vorkenntnissen oder Begabungen zu tun.“ Es gehe auch nicht darum, ein schönes Kunstwerk zu erschaffen, sondern um die heilsame Wirkung des Prozesses. „Abgesehen davon ist jeder kreativ, wenn man ihm geeigneten Raum gibt“, glaubt Güimel Saulek.

„Wir sind in der Regel viel zu verkopft, und das blockiert uns manchmal. Um an die Gefühle heranzukommen, ist es deshalb wichtig, den Kopf in den Beobachtermodus zu schalten. Die Kunst dient als Fahrzeug unserer Emotionen“, bestätigt Manuel Santiago Ruiz. Auch der 49-jährige Lehrer und Waldorfpädagoge hat einen Master in „Arte Terapia“ gemacht. Er rät den Teilnehmern, sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, wo bei ihnen der Schuh drückt. „Es ist wie bei einer Einkaufsliste. Wenn man in etwa weiß, was man braucht, geht es schneller“, findet er.

Geschichten, Meditation, Yoga

Cris Pink dagegen will nicht, dass die Teilnehmer vorher über ein konkretes Anliegen nachdenken. Vielmehr setzt sie auf tabula rasa. „Ich gebe durch meine Einleitung ein Thema und ein Objekt vor, alles andere ergibt sich dann“, sagt sie. Meist erzählt sie zunächst eine Geschichte, um die Aufmerksamkeit der Teilnehmer „weg von sich selbst und hin zu einer imaginären Plattform“ zu bringen. Dort sei es am einfachsten, durch die bereitliegenden Materialien ihr Unterbewusstsein anzutriggern.

Um in einen Zustand zu kommen, in dem das rationale Denken weniger Gewicht bekommt, arbeitet jeder Therapeut mit eigenen Methoden. Manuel Santiago leitet selbst eine Art Meditation an, Güimel Saulek kooperiert mit einer Yogalehrerin. Dann beginnt der kreative Schaffensprozess und die Teilnehmer wählen möglichst intuitiv ihre Materialien aus, mit denen sie dann arbeiten. „Ich bin selbst immer wieder überrascht, wie schnell und klar tief liegende Dinge da zum Vorschein kommen“, so Cris Pink. Besonders viel Wert legt sie auf eine anschließende Gruppen- Besprechung der Werke. Wobei die Teilnehmer nicht unbedingt viel reden müssen. „Durch behutsame Fragen bringe ich sie zur Eigenerkenntnis. Oft wird gar nicht ausgesprochen, was genau dem Teilnehmer passiert ist. Die Schmerzen dahinter erkenne ich trotzdem und versuche, Linderung aufzuzeigen.“

Weinen erlaubt, Reden nicht zwingend nötig

Manuel Santiago Ruiz in seinem Atelier auf Mallorca privat

Während Cris Pink auf die heilsame Interaktion in Gruppensitzungen setzt, und meist in Zyklen von drei bis vier aufeinander aufbauenden Sitzungen arbeitet, gibt Manuel Santiago auch Einzeltherapien. „Manche Dinge kann man nur im privaten Raum bearbeiten“, findet er. In seinem Atelier können sich die Teilnehmer austoben, geschützt vor der Öffentlichkeit.

„Manchmal weinen die Teilnehmer, und das ist vollkommen in Ordnung“, sagt Güimel Saulek. Sie bietet die Gruppensitzungen im Sommer auf der Aussichtsterrasse eines Restaurants an – mit inspirierendem Blick auf Strand und Meer, dafür aber weniger abgeschirmt. „Wichtig ist, dass sich alle sicher fühlen und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird“, sagt Saulek. Dann könne der Workshop nicht nur innerlich reinigend wirken, sondern auch zu mehr Selbstwertgefühl verhelfen – und letztlich auch schwerere psychosomatische Krankheiten verhindern.

Durchbruch nach langer Zeit

Anna B. hat den Eindruck, in den vergangenen Jahren durch die Kunsttherapie deutlich weiter gekommen zu sein. „Es geht nicht Knall auf Fall, es ist eine Entwicklung. Aber letztens habe ich zum ersten Mal in 45 Jahren meiner Mutter in Ruhe einige Dinge gesagt, die gesagt werden mussten. Und ich merke, wie gut es mir tut.“

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