Mallorca Zeitung

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Mallorcas Satire-Influencer Toni Horrach: Späße über die, die nicht dazugehören

Der Historiker und Influencer Toni Horrach thematisiert in den sozialen Netzwerken das ursprüngliche Mallorca sowie die Menschen, die damit nichts anfangen können. Es ist ein genauso spöttischer wie präziser Blick aus dem tiefsten Inselinnern, bei dem jeder sein Fett wegbekommt

Influencer Toni Horrach. Silis Campins

Wer ab und an die Quizsendung „Jo en sé + que tu“ (Ich weiß mehr als du) im Regionalsender IB3 schaut, kennt Toni Horrach. Der 25-Jährige aus Campanet hält mit seinen beiden Mitspielern seit Monaten die Stellung. Das Team, das Songtexte mallorquinischer Bands genauso beherrscht wie Fakten aus der Inselgeschichte, flimmert als beständiger Wochengewinner fast täglich über die Mattscheibe. Bekannt ist der studierte Historiker mit einem Master in „Ethik und Demokratie“ aber vor allem für seine Satire in den sozialen Netzwerken, wo er mit breitem mallorquinischem Akzent die Eigenheiten des ursprünglichen Mallorcas aufs Korn nimmt, aber mindestens ebenso den Rest der Insel, der mit dieser Mallorca profunda nichts anfangen kann. Außerhalb des authentischen Kerns unterscheidet Horrach zwei soziale Gruppen, die cayetanos – Snobs, die vom Mallorquinischen nichts wissen wollen – sowie die killos – so etwas wie urbane Proleten, die im Spanischen eher abfällig chonis genannt würden.

Historiker und Influencer in einer Person?

Alles begann, als ich zusammen mit Joan Mateu Horrach einen Podcast aufnahm. Wir nennen uns Cas Horrach (Zu Hause bei den Horrachs), sind aber trotz desselben Nachnamens nicht verwandt. Wir luden kreative junge Leute ein, ein paar Politiker. Es war alles sehr locker und spontan, so wie man mit Freunden in der Bar spricht. Dann ging ich für meinen Master nach Valencia, Joan Mateu studierte in Norwegen. Zurück auf Mallorca, machte ich mir einen Account auf Tiktok und veröffentlichte kurze Sketche, so etwas funktioniert am besten.

Und machten Satire über alles und jeden, die Zahl der Follower stieg ...

Jeder interpretiert Videos, wie er will, aber viele Menschen scheinen zu glauben, dass ihre Sichtweise die einzig korrekte ist. Die Reaktionen waren immens. Viele kritisieren die Hater im Netz. Aber wenn man beleidigt wird, gehen die Videos viral, und die Zahl der Follower steigt weiter. Ich stoße gerne Debatten an oder quetsche delikate Themen aus.

Das ursprüngliche Mallorca vermitteln

Was wollen Sie erreichen?

Ich versuche, den eigentümlichen Charakter des ursprünglichen Mallorcas in den sozialen Netzwerken zu vermitteln und unsere Sicht der Welt mit ganz anderen Blickwinkeln zu vergleichen. Ich übertreibe die Eigentümlichkeiten und Besonderheiten und passe die Charaktere an dieses Setting an: Wie würde ein cayetano im ursprünglichen Mallorca leben?

Was macht Ihrer Ansicht nach eigentlich das ursprüngliche Mallorca aus?

Es ist das Mallorca, das noch unberührt ist von der Globalisierung. Das hat eine gute und eine komische Seite. Ich stehe für beide ein, auch wenn viele das nicht verstehen oder sehen wollen. Es ist Humor und Kritik.

Wobei Sie selbst  diesem  Kollektiv angehören ...

Ich bin auf der Wellenlänge des ursprünglichen Mallorca, aber ich sehe einige Dinge auch kritisch, etwa das Hochhalten des bäuerlichen Charakters. Ich mache mich gerne über die Schlauberger lustig, die auf dem Land „arbeiten“ und von den Subventionen der Landesregierung leben. Ich möchte ein präzises Bild von dem zeichnen, das mir ins Auge sticht. Wir alle haben eine lächerliche Seite, und es gibt zwei Herangehensmöglichkeiten – sie zu akzeptieren und stolz darauf zu sein oder sich zu schämen und sich davon zu distanzieren. Richtigerweise sollte man beides tun.

Überwiegt Stolz oder Scham?

Ich will uns zeigen, ohne Klischees zu bedienen oder mich darüber lustig zu machen, dass wir Mallorquiner kein richtiges Spanisch können, dass wir immer però (aber) am Ende von jedem Satz sagen. Das ist nichts Neues. Es mag lustig sein, ich suche aber Präzision. Mallorquiner zu sein, reduziert sich nicht auf die Begrüßung „Uep, com anam?“. Es bedeutet auch, auf dem Dorfplatz zu sitzen, einem absurden Gespräch von zwei Originalen aus dem Dorf zuzuhören und plötzlich zu sagen: Lass uns mal nach Alcanada schauen. Das sind Dinge, mit denen sich viele Menschen aus Palma nicht identifizieren können.

Killos und cayetanos

Ihre Alter egos, das sind die killos und die cayetanos. Wie würden Sie einen killo definieren?

Das ist jemand, der einem Kollektiv im Umkreis von Palma oder an der Küste angehört. Er hat sehr wenig Bezug zum ursprünglichen Mallorca, und wenn er es versucht, macht er sich damit nicht beliebt. Es gibt auch killos in Inca, aber es ist mehr ein urbanes Phänomen. Und sie sind nicht vom Aussterben bedroht. Sie entwickeln sich weiter und passen sich an.

Und ein cayetano?

Das ist eine konservative Person, ein Snob. Obwohl er auf der Insel geboren ist, hat er ebenfalls sehr wenig Bezug zum ursprünglichen Mallorca. Die cayetanos beschweren sich über Immigranten, benehmen sich aber wie Madrilenen, die nicht wissen, was jenseits von Palmas Ringautobahn passiert. Sie würden niemals einen mallorquinischen Staatsbürgerschaftstest bestehen. Aber am Balearen-Tag posten sie ein Foto von der Platja d’es Trenc.

Sie leihen beiden Charakteren Ihre Stimme?

Ich gehöre dem Kollektiv des ursprünglichen Mallorcas an und mache Satire über diejenigen, die nicht dazugehören. Die cayetanos und die killos bekommen gar nicht mit, dass sie in meinen Videos gemeint sind. Denn sie sind der Meinung: Mallorca, das sind Sonnenuntergänge, teurer Hippiekram, die Fira de April im Gewerbegebiet Son Rossinyol. Es ist ein Kulturschock, der mich in den Bann zieht.

Sie kritisieren auch das Image der Dörfer, von denen Sie einige am liebsten von der Karte wischen würden.

Das würde ich nicht tun. Denn alle haben einen gewissen Charme. Aber ohne Frage gibt es schönere Orte und hässlichere Orte.

Und dazu gehört stets Manacor?

Wenn ich Manacor als hässlich beschreibe, erzähle ich niemandem etwas Neues. Ich sage, was jeder denkt. Auch Inca tut mir leid. Aber auch ein hässlicher Ort kann cool sein, das Zuhause von guten Menschen sein und ein tolles Fest veranstalten.

Sie sparen auch Politiker nicht aus ...

Ich veröffentliche, was ich denke, und teile dabei nach allen Seiten aus.

Warum hasst Jorge Campos Mallorca so sehr?

Mit wem träfen Sie sich gerne auf einen Kaffee?

Mit Jorge Campos, ohne Zweifel (Politiker der Rechtspartei Vox, Anm. der Red.). Ich würde gerne wissen, warum er die Mallorquiner so sehr hasst, und ihn auffordern, sieben Dörfer auf Mallorca aufzuzählen, abgesehen von Calvià. Ich glaube, er benutzt Katalonien, um diesen Hass zu maskieren, das ist ein Sündenbock.

Wie würden Sie die politische Rechte beschreiben, zu der Jorge Campos gehört?

Das sind zwei Typen; der eine lebt seit 40 Jahren hier und sagt „auf Spanisch“, wenn man ihn auf Katalanisch anspricht. Das ist so eine Art kosmopolitischer Kolonialist, Menschen, die das Mallorquinische von Herzen hassen, und da sie bleiben wollen, versuchen sie, Mallorca in einen Ableger von Murcia zu verwandeln. Der andere Typ, das ist ein mürrischer Bewohner vom Dorf, der gerade so Spanisch beherrscht. Beide sind Symbiose und Gegenspieler, der Kosmopolit und die Reminiszenz der Franco-Zeit.

Sie thematisieren auch typische mallorquinische Objekte, und damit sind nicht die Flammenstoffe gemeint ...

Das sind Dinge, die Opa zu Hause hatte. Etwa die Umzäunung für die Hühner, die aus sieben verschiedenen Gittern besteht und trotzdem eine Einheit bildet. Ein Kunstwerk, ähnlich wie die Wellblech-Abdeckungen.

Verlust der Lebensqualität durch den Tourismus

Was denken Sie über den Tourismus?

Es sind zu viele. Und Menschen von außerhalb sollten keine Immobilie hier kaufen können. Weder bei diesem Thema noch bei den Mieten sollte es Spekulation geben. Es heißt immer, wir leben vom Tourismus. Aber letztendlich verlieren wir an Lebensqualität.

Wie wäre ein ideales Mallorca?

Eine Insel, auf der die Menschen unabhängig von ihrer Herkunft die mallorquinische Kultur wertschätzen. Ein Ort, wo die Unterschiede respektiert werden, weder aus einer kolonialen noch aus einer herablassenden Perspektive.

Welchen Wesenszug schätzen Sie an den Mallorquinern am meisten?

Die Offenheit untereinander. Madrilenen behaupten sicherlich das Gegenteil, aber niemand ist offenherziger als Mallorquiner vom Land untereinander. Es gibt immer gemeinsame Themen, und nach fünf Minuten Unterhaltung beim Feiern schließt man Freundschaft.

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