Dieser Mallorquiner nimmt die Deutschen in Cala Ratjada unter die Lupe
Miquel Flaquer ist Lokalhistoriker in Capdepera und Cala Ratjada. Das heißt auch: Er beschäftigt sich mit uns. Intensiv, aufmerksam, vorurteilsfrei

Stets auf der Suche nach neuen Erkenntnissen: Miquel Flaquer alias Miquel Llull in seiner Heimat Capdepera. / Sophie Mono
Miquel Flaquer könnte mallorquinischer nicht sein. Sein Stammbaum wurzelt tief in Capdepera. Aus seinem Mund kommt nur dann ein Wort auf Spanisch, wenn es gar nicht anders geht. Und sein größtes Interesse gilt dem, was ihn umgibt – und das ist vor allem die Insel. Auf den ersten Blick also der typische Insulaner, den Zugezogene als „verschlossen“ abstempeln. Wie sehr sie sich irren! Kaum einer seiner Landsleute setzt sich so intensiv mit den Deutschen auseinander wie Miquel Flaquer.
„Mich interessiert alles. Das Dahinterschauen. Dann merkt man, dass nicht alles schwarz-weiß ist“, sagt der 65-Jährige, während er mit geschickten Bewegungen eine Selbstgedrehte bastelt. Die Glimmstängel gehören zu Flaquer wie sein mittellanges, mittlerweile ergrautes Haar, seine lässige Kleidung und der Mehrtagebart. Er sticht schon optisch hervor, bei all den Buchvorstellungen, Vorträgen, Ausstellungen, Performances, Vorführungen und Festen, die er regelmäßig im Inselosten besucht. Dabei ist Flaquer niemand, der sich ins Rampenlicht drängt. Viel lieber ist ihm die Rolle des Beobachters, des Analysten, der Metaebenen entdeckt und Zusammenhänge herstellt. Oder kurz: ein Intellektueller, wie er im Buche steht. Nur ohne die manchen von ihnen anhaftende Arroganz.
Der studierte Historiker und langjährige Bibliothekar ist vergangenes Jahr in Rente gegangen. Mindestens ein Projekt hat er auch weiterhin immer am Laufen. Übersetzungen, Poesie, Biografien, Abhandlungen, Literaturvergleiche – irgend etwas gibt es für Flaquer immer zu schreiben. Viele deutschsprachige Leser dürften sein Vorwort in Alexander Gorkows Erinnerungsroman „Hotel Laguna“ (2017) gelesen haben. Vor allem aber sind da die historischen Recherchen über Capdepera und Cala Ratjada, die seit Jahrzehnten Flaquers Freizeit einnehmen. Vom Kleinen her die Welt verstehen – zumindest ein bisschen – das ist sein Ziel. „Das Universelle setzt sich doch aus den kleinen Dingen zusammen. Alles steht miteinander im Kontext. Das motiviert mich“, sagt Flaquer. Bei anderen könnten solche Weisheiten hochgestochen klingen, bei ihm klingt es einfach nur einleuchtend.
So eine Art Steckenpferd
Genauso wie die Tatsache, dass in seinen Studien auch Deutsche immer wieder im Mittelpunkt stehen. „Wenn man in der jüngeren Geschichte Cala Ratjadas herumstochert, dann kommt man gar nicht umhin, auch über Deutsche zu schreiben. Sie haben den Ort mitgeprägt, zum Guten und zum Schlechten. Und warum auch nicht?“, sagt Flaquer. Tatsächlich sind die Deutschen so etwas wie sein Steckenpferd. Sein Sohn lebt seit nunmehr zehn Jahren in Deutschland, er selbst war 2010 zum ersten Mal dort. Zu Recherchezwecken für eine Biografie über den Arzt Joan Alzina i Melis aus Capdepera, der eine Zeit lang in München lebte und dort mit den Psychiatrie-Koryphäen Alois Alzheimer und Emil Kraepelin verkehrte. „Deutschland ist nicht so, wie es erscheint. Oder zumindest nicht so, wie man den Eindruck bekommt, wenn man nur die deutschen Urlauber erlebt, die hier auf die Insel kommen. Ich war positiv beeindruckt“, erinnert sich Flaquer an die Reise.
Und dann sind da natürlich die Exilanten aus Deutschland, die in den 1930er-Jahren ihren Weg nach Cala Ratjada fanden. In akribischer Archivarbeit forscht Flaquer zu den Intellektuellen und Künstlern, die sich in dem Hafenort niederließen. „Jack Bilbo war natürlich die berühmteste Persönlichkeit unter ihnen, aber sicher nicht der bedeutendste Literat“, sagt Flaquer. Für die 2019 erschienene katalanische Übersetzung der Autobiografie des deutschen (Lebens-)Künstlers, der in Cala Ratjada die Bar Wikiki betrieb, schrieb Flaquer unter seinem Pseudonym Miquel Llull das Nachwort.
Auch für die katalanische Übersetzung des Romans „Torquemadas Schatten“ von Karl Otten, der ebenfalls im Mallorca der 30er-Jahre spielt, schrieb Flaquer das Nachwort. Nicht zu vergessen seine Abhandlungen über den ebenfalls im Inselosten gestrandeten Schriftsteller Franz Blei oder den Pazifisten Heinz Kraschutzki, der vor dem NS-Regime floh und mit der ganzen Familie nach Cala Ratjada kam. „Kraschutzki eröffnete mehrere Geschäfte, gründete die erste Leihbibliothek und eine kleine Fabrik, in der er viele Frauen aus Capdepera anstellte. Seine Geschäftsphilosophie war demokratischer als bis dahin hier üblich. Das gefiel nicht allen, aber es hat etwas bewegt.“
Mett und Sobrassada
Zahlreiche Details über die Deutschen von einst veröffentlicht Flaquer in der linken Lokalzeitung „Capvermell“, die er 1980 mitgründete. Über seinen ersten längeren Forschungsaufenthalt in Deutschland in Soest (NRW) Anfang dieses Jahres berichtete er in der Kolumne „infra-cròniques alemanyes“. Hier geht es auch mal um weniger weltbewegendes Wissen, wie den Vergleich von deutschem Mett und mallorquinischer Sobrassada (Fazit: „So ähnlich und doch ganz anders“).
Auch im alternativen Sender „Capdepera Radio“ kommt er in seiner Literatur-Kolumne immer wieder auf die alemanys zu sprechen. Die meisten Ideen und Anregungen für seine Forschungsprojekte kämen aus seiner Geschichtsgruppe, betont Flaquer bescheiden. Seit mittlerweile 25 Jahre trifft er sich regelmäßig mit einer Handvoll anderer Geschichts- und Literaturliebhaber aus dem Ort. „Wir reden über alles, was mit unserer Heimat zu tun hat – über Vergangenes und Aktuelles.“ Und darüber, wie alles miteinander zusammenhängt.
Klar, dass da auch die aktuelle Overtourism-Debatte Thema ist. „Und ja, ich war auf der Großdemo in Palma“, sagt Flaquer. Trotz seiner Sorgen bezüglich Wohnungsnot und Massifizierung liegt ihm aber nichts ferner, als den Urlaubern allein die Schuld an den Missständen zu geben. „Es ist alles viel komplexer. Wie meistens.“ Letztlich, findet er, sollten wir alle uns eine Scheibe abschneiden von den deutschen Exilanten der 1930er-Jahre. „Sie hatten ihre eigenen Probleme, aber kapselten sich trotzdem nicht ab, sondern versuchten, auch die Probleme der Menschen auf der Insel zu verstehen.“ Das täte uns allen heute auch gut. Mallorquinern genau wie Deutschen.
Abonnieren, um zu lesen
- Essen abseits des Trubels: Die besten Restaurants im ländlichen Mallorca
- WM-Finale: Hier gibt es Public Viewing auf Mallorca
- Mallorca schwitzt weiter: So lange bleibt die extreme Hitze
- Fast einen Tag ohne Strom in Can Pastilla: Das ist bisher bekannt zum Stromausfall an der Playa de Palma
- Beim Joggen überfahren: Mann stirbt bei Verkehrsunfall in Urlauberhochburg
- Streik am Flughafen Mallorca mitten in der Hochsaison: An diesen Tagen legen Swissport-Mitarbeiter die Arbeit nieder
- Badeunfall auf Mallorca: 78-jähriger Urlauber stirbt am Palmira-Strand in Peguera
- 22 Einbrüche und zwei Millionen Euro Beute: Polizei fasst Luxus-Einbrecher auf Mallorca
