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"Wir zerstören das Paradies": Mallorcas Angst vor der Zersetzung der Insel

Was passiert mit Mallorca, wenn immer mehr Urlauber und Zugezogene an seiner Essenz rühren? Von den wachsenden Sorgen und dem Gefühl, ein Stück Heimat zu verlieren

Die Mallorquiner fürchten, dass ihre Insel sich mehr und mehr zersetzt

Die Mallorquiner fürchten, dass ihre Insel sich mehr und mehr zersetzt / Nele Bendgens / Grafik: Marion Dörr

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Sophie Mono

Sophie Mono

„Mallorca zersetzt sich, die Gesellschaft zerfällt.“ Es ist ein Satz, so markant wie gewichtig, den Joana Maria Palou von der Bürgerinitiative Fòrum de la Societat Civil in einem Interview fallen ließ. Der Massentourismus wirke sich auf alles aus. Auf die Kultur, auf die Landschaft, auf die Sprache. Und letztlich bleibe nicht viel übrig, auch – oder gerade – von den Mallorquinern selbst nicht. Auf den ersten Blick klingt es pathetisch, überzogen, ja weltfremd. Schließlich dreht sich die Welt – nicht nur auf Mallorca – weiter, und das bringt nun einmal Veränderung mit sich. Doch die Situation ist komplexer. Was steckt wirklich hinter der Angst der Insulaner, sich selbst zu verlieren?

Es gab eine Zeit, da schlenderte Jaume Garau gerne durchs Zentrum von Palma. Er ließ sich an der Plaça Cort in einer urigen Bar nieder, genoss seinen café solo für wenig Geld und schwatzte mit Bekannten, die vorbeikamen. „Man traf immer jemanden. Es war ein Gefühl von Heimat“, sagt er. 20 Jahre ist das jetzt her, mindestens. Heute meidet der 71-Jährige die gesamte Innenstadt, wenn es nur eben geht. Zu voll, zu trubelig, zu fremd. Und wenn er doch einmal im Zentrum zu tun habe, dann fühle er sich zwischen all den Hotels, Souvenirshops, hippen Bars und Kreuzfahrttouristen, die sich Selfies machend im Rekordtempo durch die Gassen quetschen, wie in einem falschen Film. „Das Drehbuch wurde geändert, die Schauspieler auch. Und man fragt sich: Was mache ich noch hier? Was ist meine Rolle?“

Jaume Garau ist der Sprecher der Bürgerinitiative Palma XXI, die sich 2016 gründete, um die Palmesaner dazu zu motivieren, zu reflektieren, wie es mit ihrer Stadt weitergehen soll. Garau ist Aktivist. Vor allem aber ist er Mallorquiner. Einer von vielen, die das Gefühl haben, auf ihrer eigenen Insel nicht mehr heimisch zu sein. „Lokale Identität verliert sich sicherlich überall ein Stück weit, nicht nur auf Mallorca, das ist klar“, räumt er ein. „Die Welt wird kleiner, durchmischter, auch durch Globalisierung und Internet.“ Und nicht alles daran sei schlecht. Aber mancherorts, sagt Garau sicher, sei diese Tendenz intensiver als anderswo. „Auf Mallorca wirkt sie in vieler Hinsicht regelrecht zerstörerisch.“

Zurückziehen, aber wohin?

Nicht nur, aber eben auch wegen des puren Volumens der Urlauber. „Es sind einfach zu viele“, sagt Garau schlicht. „Und die Konsequenz ist, dass wir Mallorquiner uns immer mehr zurückziehen, in unsere Häuser, uns verschließen. Das ist traurig, aber die Realität.“

Joan Cabot beobachtet ähnliche Tendenzen. Der 46-jährige Journalist spricht für seine Radioreportagen und Podcasts immer wieder mit Menschen von hier über den Zustand der Gesellschaft: mit Urgesteinen der Insel, die seit Jahrzehnten mit ansehen, wie sich ihre Heimat verändert. „Die Mallorquiner haben schon lange gelernt, die Vorzüge, die der Tourismus bringt, zu genießen, beispielsweise die gastronomische Vielfalt. Gleichzeitig haben wir aber auch gelernt, uns Rückzugsorte zuzulegen“, berichtet Cabot. Seit dem Tourismusboom in den 60er-Jahren habe es immer touristische und nicht touristische Gebiete gegeben. „Das Problem ist, dass es seit einigen Jahren kaum noch öffentliche Orte gibt, an die man sich zurückziehen kann. Und der Kontrast zur Pandemie, als die Insel leer war, hat das verdeutlicht.“

Die Mallorquiner würden zahlreiche Strände und Buchten mittlerweile kategorisch meiden. Auch Cabot geht es so. „Es würde mir im Leben nicht mehr einfallen, im Sommer zum Es Trenc zu fahren. Aber auch andere, früher kaum bekannte Buchten sind mittlerweile überfüllt. Ich habe lange gedacht, wir Mallorquiner sind in der Lage, mit dem Tourismus zu leben, ohne dass er uns zu sehr einschränkt.“ Doch dem sei nicht mehr so. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem der Massentourismus unseren Alltag und unsere Routinen verändert und uns lähmt.“

Auch Margalida Sastre fühlt sich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dabei wohnt die 71-Jährige nicht in einem typischen Touristenhotspot, sondern im Inseldorf Petra. Sie ist auch keine Aktivistin oder Expertin. Vielmehr ist sie eine von vielen Insulanern, die jenseits von Politik oder Polemik auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren. Die sich zurückziehen, mehr und mehr, weil von der isla de la calma, der Insel der Ruhe, nicht mehr viel übrig ist. „Selbst im Inselinneren ist es im Sommer unerträglich. Überall Menschenschlangen, keine Parkplätze, viel mehr Müll. Ich war nicht ein Mal am Strand dieses Jahr, es ist einfach zu stressig, da bleibe ich lieber zu Hause“, sagt sie.

Es seien nicht nur die Urlauber, die das Dorfleben veränderten. Da sei auch die hohe Anzahl Zugezogener – oft wohlhabende Ausländer – die die alten, teils ruinösen Dorfhäuser nach dem Aufkauf zwar aufhübschten, diese jedoch oft monatelang gar nicht nutzten und für eine ganz andere Dynamik im Dorf sorgten. „Früher kannten sich alle, man fühlte sich sicher, ließ die Häuser unverschlossen, alle haben aufeinander aufgepasst. Es war ein gemeinschaftliches Gefühl. Heute grüßt man sich nicht einmal mehr, weil man kaum weiß, wer die Nachbarn sind.“ Das einzige Mallorquinische, was bleibe, seien die Häuserfassaden.

Auch die urmallorquinischen Bars, oft Treffpunkte des sozialen Lebens der eigentlich ausgehfreudigen Spanier, verschwinden immer mehr. Im Zentrum Palmas genau wie an den Küstenorten oder im Inselinneren. An ihre Stelle treten hippe Neueröffnungen. „Eine Traditionsbar in Petra hat vor einiger Zeit ein junger Mallorquiner übernommen. Er hat alles geändert, richtet sich an Deutsche statt an uns. Die Gerichte, die er anbietet, kenne ich nicht, und pa amb oli wurde von der Karte gestrichen“, berichtet Margalida Sastre. Von den hohen Preisen ganz zu schweigen. „Das macht etwas mit einem Dorf.“

Die viel zitierte Wohnungsnot, die auch durch ausländische Immobilienkäufe befeuert wird, ist ein weiterer Aspekt, der den Strukturwandel beschreibt. „Da muss die spanische Mittelklasse mit der oberen Mittelschicht Nordeuropas konkurrieren, und leider ist das ein ungleicher Wettbewerb“, sagt Joan Cabot. Folgen habe die hohe Quote Zugezogener aber auch abseits der Wohnungsproblematik. Auf einer Insel, auf der nur noch 40 Prozent der Bewohner auf dem Eiland selbst das Licht der Welt erblickten, sei es nicht verwunderlich, dass eine gewisse Entfremdung einsetze. Gesellschaftlich, kulturell – und auch sprachlich.

Nicht mehr meine Muttersprache

„Wie oft schon war ich in Bars, in denen ich die Speisekarte nicht verstehe, weil sie auf Deutsch ist. Und wie oft wurde ich auf Mallorca schon komisch angeguckt, wenn ich Mallorquinisch sprach“, sagt Joan Cabot. Man brauche kein Sprachaktivist zu sein, um in solchen Situationen einen gewissen Unmut zu empfinden. Vor allem, wenn parallel dazu immer mehr lokale Bars und Cafés schließen.

Auch Margalida Sastre aus Petra sieht den Sprachverlust mehr von der praktischen als von der theoretischen Warte aus. „Die Krankenpflegerin im Gesundheitszentrum sagte mir, dass sie mich nicht versteht, wenn ich Katalanisch rede. Aber wie soll ich ausdrücken, was mir fehlt, wenn nicht in meiner Muttersprache?

Die Verwaltungsangestellte im Ruhestand klingt resigniert, wenn sie andere Beispiele aufführt: von den mexikanischen Patern, die ins Kloster in Petra zogen und dann nicht mit den Dorfbewohnern kooperieren wollten, weil diese Dinge auf Mallorquinisch verschriftlichen wollten. Oder von Insulanern, die schon automatisch auf castellano sprechen würden, nur um Probleme zu vermeiden.

Gemeinschaft ist anders

Immerhin sind da ja noch die traditionellen fiestas. Wenn es im Januar auf Sant Antoni zugeht oder im Sommer die Patronatsfeste der Dörfer anstehen, dann sieht man sie wieder, die oft jungen Mallorquiner, die teilweise schon exzessiv die alten Bräuche pflegen – oder durch Neofiestas gleich neue ins Leben rufen, immer bestrebt, etwas zu feiern, was nicht für die guiris, die Ausländer konzipiert ist. Teilweise strömen zu diesen Fiestas dann so viele andere feierwütige Insulaner, dass sich Menschenmassen bilden – wenn auch eher einheimische. Es scheint wie eine Art Ventil zu sein. Und selbst bei diesen Veranstaltungen fühlen sich die Mallorquiner oft eingeschränkt, beobachtet, bewertet.

In Palma – als Großstadt per se durchmischter – nehme das Gemeinschaftsgefühl, das durch kulturelle Ereignisse gestärkt wird, ebenfalls ab, sagt Jaume Garau. In den 80er- und 90er-Jahren sei für die Bürger der Stadt viel auf die Beine gestellt worden, Theater- oder Jazzfestivals etwa. „Man fühlte sich als Palmesaner einander nah. Heute ist das anders.“ Jedes Mal, wenn ein neues Museum eröffne, geschehe dies zu touristischen Zwecken, sagt auch Joana Maria Palou vom Fòrum Societat Civil. „Wenn jedes neue Projekt, das entsteht, sich auf eine touristische Absicht stützt, dann gehen am Ende eigene kulturelle und historische Elemente verloren. Und damit letztlich auch die Essenz der Gesellschaft.“

Kein Fels in der Brandung mehr

Und das wiederum zieht weite Kreise. „Über viele Generationen hatten wir Mallorquiner einen starken Kontakt zur Natur. Diese Psychologie hat uns geprägt, aber sie ist dabei, sich Stück für Stück zu zersetzen wie ein Fels in der Brandung, der irgendwann keiner mehr ist“, sagt Jaume Garau. Das merke er an sich selbst. Auch er vergesse mit der Zeit, wie dieses oder jenes typisch mallorquinische Werkzeug von einst geheißen hat oder wie bestimmte mallorquinische Traditionen gepflegt werden.

„Wir sind es seit jeher gewohnt, erobert zu werden, von den Römern, den Arabern, den Katalanen und jetzt von den Urlaubern“, sagt Garau. „Wir drücken uns eher, statt uns aufzulehnen, machen Platz oder fliehen. Wir zahlen den Preis dafür, im Paradies zu sein, und zerstören es dabei gemeinsam, die Urlauber und die Mallorquiner. In diesem Film, der gerade abläuft, gibt es keine Helden, so sind wir Mallorquiner.“ Das glaubt auch Margalida Sastre aus Petra. „Wir sind es gewohnt, den Kopf einzuziehen und zu kuschen. Noch zu meiner Schulzeit wurden wir geschlagen, wenn wir ein mallorquinisches Wort sagten. Es braucht bis heute nicht viel, damit wir uns unterordnen.“

Nur wenig Hoffnung

Hoffnung, dass die Großdemonstrationen und die Debatten um den Overtourism wirklich etwas Grundlegendes ändern könnten, gibt es kaum. „Ein wirklicher Wandel kann nur stattfinden, wenn die großen Parteien mitziehen. Nicht nur theoretisch, sondern mit Taten“, sagt Joan Cabot. Auch von der Politik fühlten sich viele Mallorquiner weniger wahrgenommen als die Urlauber. „Warum nicht eine Höchstgrenze von Touristen einführen, die am Flughafen ankommen dürfen?“, findet Jaume Garau. Er sieht auch die Reiseveranstalter in der Verantwortung, sorgsam mit Mallorca und seinen Ressourcen umzugehen. „Die ökologische Zersetzung der Insel ist ein weiterer Punkt“, sagt er.

Letztlich gehe es nicht darum, woher die Zugezogenen, Kurzurlauber oder Zweithaus-Residenten kommen, betont Joan Cabot. Und auch nicht darum, dass Auswärtige die Insel teilweise auch kulturell bereichern. Sondern darum, dass sich die Lebensbedingungen für die Bevölkerung verschlechtern. „Es heißt, die Menschen bringen Geld auf die Insel. Aber es ist, als würde man 50 Leute in ein Haus stecken, das nur für zehn Leute erbaut wurde. Und wenn dadurch die Struktur ins Wanken gerät, dann verliert man etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann“, findet Margalida Sastre. Ein Fundament.

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