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Das Palma der Einheimischen: Was die Menschen an ihrer Stadt lieben

Vier Bewohner von Palma erzählen in der MZ, wie sie zu den Veränderungen ihrer Heimatstadt stehen

Laura Velilla, Bewohnerin von Palma, erzählt über ihre Stadt.

Laura Velilla, Bewohnerin von Palma, erzählt über ihre Stadt. / Nele Bendgens

Alexandra Wilms

Alexandra Wilms

Die Balearen-Hauptstadt hat einfach einen ganz besonderen Charme, dem Besucher schnell erliegen. Aber was macht Palma für seine Einwohner lebenswert – oder auch nicht? Wir haben vier llonguets gefragt – so werden die Einwohner der Stadt genannt. Der Begriff bezeichnet eigentlich ein für Palma typisches Brötchen. Dieses wurde (und wird) aus feinem Weizenmehl gebacken, einer Zutat, die sich die Landbevölkerung früher nicht leisten konnte.

Joan Carles Palos (60, Journalist und Kulturführer)

Palma ist das Ökosystem, in dem ich geboren bin und mich entwickelt habe. Die Stadt ist ein essenzieller Bestandteil meines Lebens. Für mich ist Palma wie eine Zwiebel mit vielen Schichten. Historisch hat sich die Stadt vom Zentrum der Plaça Cort heraus nach außen entwickelt. Früher war die Stadtmauer die physische Grenze – aus dieser Zeit stammt glaube ich auch die für Palmas Einwohner typische Wahrnehmung, der Mittelpunkt der Welt zu sein, da außerhalb der Stadtmauer ja „nur“ das part forana genannte Umland liegt. Es gibt eine Art historisches Misstrauen zwischen den Palmesanern und den restlichen Einwohnern der Insel, das darauf zurückgeht, wie schlecht die Hauptstadt – und damit meine ich nicht die Bewohner, sondern die Institution – den Rest der Bevölkerung behandelt hat.

Macht es spannend: Joan Carles Palos beschwört die düsteren Kapitel der Stadtgeschichte herauf. | FOTOS: NELE BENDGENS/YEKO PHOTO STUDIO

Joan Carles Palos / Nele Bendgens

In meinen Augen ist diese Stadtmauer heute durch die Ringautobahn ersetzt worden, die Palma von jenen Vierteln und Stadtteilen außerhalb der Vía Cintura trennt. Der Teil der Stadt, der innerhalb liegt, hat meines Erachtens die ideale Größe. Im Vergleich zu anderen Städten im Mittelmeerraum ist Palma recht klein, weshalb man überall schnell hinkommt, vor allem auch mit dem Fahrrad. Santa Catalina hat für mich immer noch einen besonderen Stellenwert, weil ich meine Kindheit dort verbracht habe. Leider ist es heute zu einer Art Servicezone verkommen, wie eigentlich fast die ganze Altstadt. Die Viertel in den Außenbereichen der Stadt haben aber dank der Einwanderer und der dort herrschenden Multikulturalität den offenen und freundlichen Charakter bewahrt, für den Palma früher stand. Das gefällt mir auch an s’Olivera, dem Viertel, in dem ich heute lebe, so gut.

Was die Teilnehmer an den Stadttouren, die ich anbiete, immer am meisten überrascht, sind die unzähligen Geschichten, die es über Plätze und Orte der Stadt gibt. Die meisten davon sind allerdings nicht aufgeschrieben, sondern nur mündlich überliefert. Natürlich ist auch das kulturhistorische Erbe spannend und einzigartig: Wenn man weiß, auf was man achten muss, erkennt man an der Architektur deutlich die Grenze zwischen den Herrschafts- und den Handwer-kervierteln, etwa in Sa Gerreria.

Laura Velilla (38, Erzieherin und Sprecherin der Vereinigung „Orgull Llonguet“)

Ich bin in Pere Garau aufgewachsen und lebe heute im Viertel Blanquerna. Da gefällt es mir sehr gut, es ist ein lebendiges Viertel, und das nicht nur wegen der vielen Bars: Die Leute gehen spazieren, kaufen in den Läden vor Ort ein, gehen zum Kaffeetrinken in ihr Stammlokal, grüßen die Nachbarn – hier gibt es alles, was man braucht. Viele meiner Freunde sagen, sie könnten hier nicht wohnen, aber mir gefällt es sehr gut.

Palma ist zwar mittlerweile eine große Stadt. Aber wenn man von hier kommt, findet man immer noch „geheime“ Ecken, in denen es klein und gemütlich zugeht, in denen die Essenz der Stadt noch vorhanden ist. Unsere Vereinigung „Orgull Llonguet“ arbeitet genau darauf hin, unser Motto lautet „Dorfleben in der Stadt“ (Ciutat fent poble): Wir wollen mehr Dynamik in die Viertel bringen und mithilfe von Freiwilligen selbstständig Veranstaltungen auf die Beine stellen, ohne von der Verwaltung oder dem Rathaus abhängig zu sein. Es geht darum, dass die Bewohner selbst eine lebendige Stadt schaffen – das ist in den vergangenen Jahren in gewissen Vierteln leider ziemlich verloren gegangen ist. In meinen Augen hat das auch damit zu tun, dass es immer weniger Märkte gibt. Der von Pere Garau war in meiner Kindheit immer der Mittelpunkt des Treibens im Viertel, in anderen Teilen der Stadt gibt es das heute nicht mehr.

Laura Velilla.

Laura Velilla. / Nele Bendgens

Natürlich hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert, aber nicht alles zum Schlechten. Es mag zwar etwas widersprüchlich klingen, aber dass es heute mehr Fußgängerzonen gibt, hat auch dazu geführt, dass dort wieder mehr Leben herrscht – und damit meine ich nicht unbedingt die Bars. Das Zentrum ist dadurch gewachsen, im positiven Sinn.

Ich habe immer in Palma gelebt. Klar könnte ich mir vorstellen, zeitweise auch mal in einer anderen Stadt zu wohnen, aber leben möchte ich definitiv hier – höchstens vielleicht in irgendeinem Dorf, aber definitiv auf Mallorca.

Palma hat einfach alles, was man zum Leben braucht.

Nadal Suau (43, Schriftsteller und Universitätsprofessor)

Mit Palma verbinde ich vor allem das Stichwort mediterran, den großen und wichtigen Hafen und mittlerweile auch den Flughafen, die Tatsache, dass die Stadt hervorragend mit der ganzen Welt verbunden ist. Dazu kommt die persönliche Verbindung: Palma ist mein Gedächtnis, eine wunderschöne Stadt, fast schon aus dem Bilderbuch. 

Das gilt natürlich in erster Linie für das Zentrum von Palma – ich lebe in Es Fortí, das ich nicht als wirklich schön bezeichnen würde. Aber ich fühle mich dort sehr wohl. Es ist ein ausgewogenes Viertel, in dem die Gentrifizierung noch nicht so sehr zugeschlagen hat. Als Kind bin ich im Zentrum aufgewachsen, in der Gegend um den Passeig Mallorca. 

Einer meiner Lieblingsorte ist nach wie vor die Plaça dels Patins: Dort bin ich zur Schule gegangen, dort habe ich eine Zeit lang mit Freunden in einer WG gewohnt. Mein Zimmer ging direkt auf den Rollschuhplatz hinaus, und das Klacken der Pucks wird für mich immer der Soundtrack von gemütlichen Siestas bleiben.

Vom Persönlichen zum Kollektiv: Nadal Suau liebt selbst Tätowierungen.

Nadal Suau. / FOTO: A. GARCÍA

Zudem findet sich auf der Plaça dels Patins meine Lieblingsbücherei der Stadt, Drac Màgic. Auch die Literatur, die die Stadt bislang hervorgebracht hat, gefällt mir sehr – beispielsweise „La ciutat esvaïda“ von Màrius Verdaguer, die Memoiren von Joan Pericàs oder „En la ciudad sumergida“ von José Carlos Llop.

Im Laufe der Zeit hat sich viel verändert in der Stadt. Das ist durchaus normal, alle Städte verändern sich, aber vielleicht ging diese Veränderung einfach zu schnell vonstatten. Und dann tendieren wir ja dazu, die Sachen negativ zu sehen. Natürlich sind alle besorgt wegen des touristischen Massenandrangs. Aber es hat auch seine schönen Seiten, dass Menschen von überall hergekommen sind. Mir gefällt es, Nachbarn aus Dänemark und Marokko zu haben. Aber dass ich mit meinen 43 Jahren schon eine gewisse Nostalgie nach der Stadt von einst verspüre, ist schon recht brutal. 

Meine Liebeserklärung an Palma lässt sich eigentlich recht einfach zusammenfassen: Es vergeht nicht eine einzige Woche, in der ich mich nicht über irgendetwas hier aufrege – und doch würde ich niemals von hier wegziehen wollen.

Paz Talens (60, Eigentümerin des Geschenkeladens La Insular)

Für mich ist Palma die schönste Stadt der Welt. Ich bin hier geboren, aufgewachsen und liebe es, hier zu leben. Ich mag das goldene Licht des Nachmittags, ich mag die Altstadt, ich mag die Größe der Stadt und dass sie am Meer liegt.

Natürlich hat Palma sich auch sehr verändert. Als ich jung war, kannte hier jeder jeden, oder wenigstens um zwei Ecken. Man konnte sogar sagen, wer auf welche Schule ging oder gegangen war: Der ist von Montesión, der von der Sagrat Cor, der von Lluis Vives …

Wenn man durch die Straßen ging, traf man immer jemanden, den man grüßte oder mit dem man ein Schwätzchen halten konnte. Zum Einkaufen ging man ins Zentrum, weil es dort die besten Geschäfte gab, die seit Generationen von derselben Familie geleitet wurden.

Paz Talens

Paz Talens / Nele Bendgens

Da sich die Bevölkerung des Stadtgebiets in wenigen Jahren mehr oder weniger verdreifacht hat, ist vieles davon verloren gegangen. Oft weiß man nicht mal mehr, wer sein Nachbar ist, viele Viertel sind entvölkert, da viele Wohnungen an Ausländer verkauft werden, die dort nicht einmal leben oder nur kurze Zeit verbringen.

Ich bin im Viertel Bons Aires aufgewachsen, da lebte sowohl die Familie meines Vaters als auch die meiner Mutter. Es ist nach wie vor mein Lieblingsviertel der Stadt. Während des Studiums habe ich vier Jahre lang in Barcelona gewohnt, aber ich mag lieber kleinere Städte, in denen man fast überall zu Fuß hingehen kann.

Wenn man aus Palma kommt und sich hier auskennt, dann braucht man auch kein Google Maps, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Ich könnte mir zwar vorstellen, woanders zu leben, aber schließlich und schlussendlich habe ich hier meine Familie, meine Freunde, meine Wurzel. Ich wünschte, meine Kinder könnten hier so gut leben, wie ich es getan habe.

Insgesamt sind wir Palmesaner glaube ich ein bisschen „hochmütiger“, etwas steifer im Vergleich zu den Leuten vom Land. Deshalb nennt man uns ja auch llonguets, weil wir denken, dass wir etwas Besonderes sind. Meine Liebeserklärung an meine Heimatstadt lautet: Bleib so! Ich liebe dich, wie du warst und bist.  

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