Willkommen auf der grünen Wiese: So lebt es sich in den Vorstadtsiedlungen auf Mallorca
Wer nicht in Palma selbst oder in einem Dorf lebt, der hat sich in einer der Urbanisationen im Speckgürtel der Großstadt angesiedelt. Dieses Lebenskonzept ist allerdings nicht sonderlich nachhaltig

Musterbeispiel einer Vorstadt: Es Caülls, ein Ortsteil von Marratxí, ist auf dem Reißbrett entstanden. / HANS BLOSSEY, WWW.LUFTBILD-BLOSSEY.DE
Warum Loli und Toni auf Mallorca in der Siedlung Sa Vinya de Son Verí rund zehn Kilometer nordöstlich des Zentrums von Palma leben, wissen sie ganz genau. Jeden Morgen, wenn Toni aufsteht, blickt er in den prachtvoll blühenden Garten. Strelitzien, Bougainvillea, Jasmin – alles sprießt und gedeiht in großen Blumentöpfen. Und hinter dem Haus neben dem Pool hat sich Toni seinen Nutzgarten angelegt und pflanzt Tomaten, Gurken und Paprika an.
„Es ist ein Privileg, hier zu leben. Ich höre früh die Vögel singen und nicht den Großstadtverkehr“, sagt Toni. Das Ehepaar, das aus der andalusischen Provinz Córdoba stammt, lebt bereits seit 1973 auf Mallorca und hat sich im Jahr 2004 dazu entschlossen, aus Palma wegzuziehen, um mehr Platz, mehr Grün und weniger Lärm um sich zu haben. „Das ist überhaupt kein Vergleich zu einer Wohnung in Palma. Hier leben wir einerseits in der Natur – und haben andererseits einen Parkplatz direkt vor der Tür“, sagt Toni und lacht. Er weiß, wovon er spricht. Toni und seine Frau haben jahrzehntelang als Taxifahrer gearbeitet und sich vor ein paar Jahren zur Ruhe gesetzt.

Loli und ihr Mann Toni fühlen sich in Marratxí wie im Paradies. | FOTO: NELE BENDGENS
Idylle wie im US-Kinofilm
Die Siedlung Sa Vinya de Son Verí ist nur eine von vielen sich ähnelnden Urbanisationen, die zur Gemeinde Marratxí gehören und die außer Ein- und Zweifamilienhäusern nicht viel Weiteres zu bieten haben. Es sind Siedlungen, die auf dem Reißbrett entstanden sind, um dem enormen Bevölkerungswachstum auf Mallorca in den vergangenen 30 Jahren Rechnung zu tragen. Weil das in Palma schwierig war, wuchs der Speckgürtel um die Stadt an. Und weil das Wachstum an der Küste nur begrenzt möglich und darüber hinaus Meerblick nicht für jeden Geldbeutel und Geschmack geeignet ist, findet sich der überwiegende Teil dessen, was man als Schlafstädte von Palma bezeichnen würde, heute auf dem Gebiet der Gemeinde Marratxí.
Hier in den Siedlungen, aber auch beispielsweise in den Urbanisationen von Llucmajor an der Küste, sieht es nicht viel anders aus als in den suburbs, die man aus den USA kennt. Der Geograf Jesús Manuel González von der Balearen-Universität hat sich mit dem Phänomen der Vorstädte befasst und zieht eine Analogie: „Stellen Sie sich die Siedlungen rund um Palma vor und dann einen US-amerikanischen Kinofilm. Viele dieser Streifen spielen in gepflegten Vorstädten und suggerieren eine hohe Lebensqualität.“
Je nach Lebenssituation
Die vor allem Menschen zwischen etwa 30 und 55 Jahren aus der Mittelschicht für ihre Familien anstreben. Das lasse sich sehr gut anhand der Lebensläufe vieler Menschen beobachten, sagt González – ob in den USA, in Deutschland oder eben in Spanien. Wer nach der Ausbildung oder dem Studium anfängt zu arbeiten, der sucht sich häufig eine kleine Wohnung oder eine WG in der Innenstadt.
Wer dann Kinder bekomme, kaufe oder miete ein Häuschen mit etwas Platz in den Außenbezirken der Stadt. „Und wenn die Kinder dann wieder aus dem Haus sind, ziehen viele ältere Paare zurück in die Stadt, weil sie dort ein größeres Kulturangebot genießen können, aber auch eine größere Auswahl an Ärzten und Krankenhäusern vorfinden“, sagt González.

Typischer Straßenzug in Es Figueral-Can Farineta, einem Ortsteil von Marratxí. / Nele Bendgens
Wie alles begann
Die Besiedelung der grünen Wiesen außerhalb von Palma begann vor nicht allzu langer Zeit. Es war in den 1950er- und vor allem 1960er-Jahren, als vom spanischen Festland Arbeitskräfte auf die Inseln strömten und irgendwo wohnen mussten. So entstanden die ersten Neubausiedlungen ein paar Kilometer außerhalb von Palma, wie der Historiker Biel Massot aus Pòrtol erzählt. Massot betreibt die sogenannte Marratxipèdia, ein Nachschlagewerk im Internet über Marratxí, und kennt sich wahrscheinlich wie kein Zweiter mit der Geschichte seiner Heimatgemeinde aus.
Neben den bereits existierenden Dörfern Marratxinet, Pòrtol, Sa Cabaneta, Pont d’Inca und Pla de na Tesa entstand ab etwa 1965 mit Es Figueral-Can Farineta neben dem heutigen Gewerbegebiet von Marratxí eine erste neue Wohnsiedlung. Nach und nach kamen weitere hinzu, die meisten auf Grundstücken ehemaliger Herrenhöfe, der sogenannten possessions. Mallorquinische Familien wussten nicht, wohin mit dem riesigen Grundbesitz und konnten ihn aufgrund horrender laufender Kosten ohnehin nicht aufrechterhalten. Und weil die Nachfrage nach Bauland immer weiter zunahm, rissen Bauträger den Einheimischen ihre Großgrundbesitze aus der Hand.
In den folgenden Jahrzehnten waren es nicht mehr nur Neuankömmlinge, die einen Platz zum Leben für ihre Familie suchten. Auch immer mehr angestammte Palmesaner wollten mit ihrer Familie raus ins Grüne. Gerade aus den dicht besiedelten Stadtvierteln, wie etwa dem Einwandererviertel Pere Garau, zog es viele Familien in die Vorstädte. Was dazu führte, dass die Preise stiegen und etwa die Gemeinde Marratxí ihre Einwohnerzahl in kurzer Zeit vervielfachte. Die Gemeinde hatte noch im Jahr 1990 rund 12.000 Einwohner. Zur Jahrtausendwende waren es dann gut 20.000. Und nur knapp 25 Jahre später hat sich die Einwohnerzahl nun auf etwa 40.000 ziemlich genau verdoppelt.
Preise ziehen an
Heute muss man sich das Häuschen im Grünen auch leisten können. „Lange Zeit war Marratxí deutlich günstiger als Palma, weshalb viele Menschen hier investiert haben. Das hat sich aber inzwischen deutlich geändert“, berichtet Historiker Massot. Inzwischen müssten selbst für Dorfhäuser ohne großes Grundstück oder Pool hohe sechsstellige Summen hingeblättert werden. „Das ist total aus dem Ruder gelaufen“, sagt er.
Und tatsächlich: War bis vor rund zehn Jahren eine Doppelhaushälfte mit Pool in den Siedlungen von Marratxí teilweise noch für knapp über 300.000 Euro zu bekommen, finden sich inzwischen auf den gängigen Immobilienportalen die meisten Angebote für Häuser erst ab einer knappen halben Million Euro.
Geograf Jesús Manuel González bestätigt diese Beobachtung für den Großraum Palma. „In anderen Regionen auf dem Festland nimmt der Preis für Wohnraum im Durchschnitt ab, je weiter man sich von der Innenstadt wegbewegt, auf Mallorca passiert das nicht“, sagt der Wissenschaftler. Weite Teile der Insel fielen inzwischen in den Einzugsbereich von Palma. Ganz zu schweigen von den Küsten: „Dort liegen die Preise teilweise deutlich höher als in den begehrtesten Innenstadtlagen von Palma.“
An den Küsten ist die Bevölkerung stärker durchmischt, hier haben sich viele vermögende Ausländer einen Zweitwohnsitz in Meeresnähe zugelegt. Seit ein paar Jahren sind aber auch in Orten im Inland, wie etwa Son Sardina oder den Ortsteilen von Marratxí, immer mehr Ausländer zu finden, die wohl zum Teil nicht mehr die Preise an der Küste zahlen wollen.

So sieht es häufig auf der Autobahn von Inca nach Palma (Ma-13) aus. / Foto: Guillem Bosch
Herausforderung Mobilität
Die Beliebtheit der Urbanisationen bringt Probleme mit sich. Beim Thema Mobilität offenbart sich einer der gravierendsten Nachteile der Schlafstädte. Weil ein großer Prozentsatz derer, die im Speckgürtel von Palma leben, täglich zur Arbeit oder auch die Kinder in die Schulen in die Stadt fährt, kommt es morgens zum Verkehrskollaps auf den Autobahnen. Besonders betroffen ist die Ma-13 von Inca nach Palma.
Allein in Marratxí gibt es mehr als 20.000 Autos, von denen rund 80 Prozent jeden Morgen nach Palma unterwegs sind. Auch aus den Urbanisationen von Llucmajor und der Südwestküste pendeln täglich Tausende Menschen in die Inselhauptstadt und verstopfen die Flughafenautobahn Ma-19, die Küstenstrecke von Cap Blanc nach Arenal oder auch die Autobahn von Andratx nach Palma (Ma-1).
Auf der Achse Inca–Palma gibt es immerhin noch die Zugverbindung, die zwar noch viel zu selten von den Einheimischen genutzt wird, aber teilweise auch schon an die Kapazitätsgrenzen stößt. Wer westlich und östlich von Palma im näheren Umland lebt, dem bleibt neben dem Bus nur das eigene Auto.
Exzessive Pkw-Nutzung
Was die meisten Menschen nicht zu stören scheint. Sie sind derart an ihren eigenen Pkw gewöhnt, dass sie die exzessive Nutzung zum Teil gar nicht mehr hinterfragen. Das treibt mitunter groteske Blüten: So fahren manche Bewohner auch mal innerhalb ihrer Siedlung 150 Meter mit dem Auto, um Bekannte oder Familienangehörige zu besuchen.
Und auch den täglichen Stau auf dem Weg nach Palma scheinen viele bereits lieb gewonnen zu haben. Anders lässt sich kaum erklären, dass Dutzende Eltern jeden Morgen aus Marratxí die Fahrt mit – zumeist – einem Kind nach Palma in die Schule antreten. Selbst wenn Vater oder Mutter danach direkt wieder nach Marratxí zurückfahren, weil sie nicht in Palma arbeiten, werden Vorstöße, Fahrgemeinschaften zu bilden, äußerst skeptisch beäugt, wie der Autor dieser Zeilen, der selbst in einer Siedlung in Marratxí lebt, erfahren musste.

Um 2020 gebaute Häuser in der Siedlung Sa Vinya de Son Verí. / Nele Bendgens
"Dieses Modell dürfte nicht mehr existieren"
Geograf González und seine Kollegen gehen dementsprechend hart ins Gericht mit der Lebensweise in den Vorstädten. „Es ist ein Wachstumsmodell, das im Grunde längst nicht mehr existieren dürfte, weil es so wenig nachhaltig ist.“ Die nahezu ausschließliche Fortbewegung mit dem Pkw, der hohe Flächenverbrauch für die ausgedehnten Siedlungen mit vielen Einfamilienhäusern und großen Grundstücken und die aufwendig zu erschließende Infrastruktur seien die Hauptgründe, die gegen das Leben auf der grünen Wiese sprechen. Und gleichzeitig von einem beträchtlichen Teil der Menschen als erstrebenswert angesehen werde. „Deshalb ist es so schwierig, diese Art zu leben zurückzudrängen.“
Es ist also wirklich ein Gewissenskonflikt, dem man als Bewohner einer Urbanisation auf Mallorca ausgesetzt ist und den man nicht gänzlich auflösen kann. Tatsächlich bleibt die Nachhaltigkeit zum Teil auf der Strecke, und doch ist es gerade für Familien mit Kindern häufig ein großer Luxus, über ein Haus mit Hof oder Garten und möglicherweise auch einen Pool zu verfügen. Gerade während und nach der Pandemie haben viele Menschen den Wert eines eigenen Hauses mit zugehörigem Grundstück noch mehr schätzen gelernt.
Und auch ohne Corona: Die Kinder können problemlos Freunde einladen und im Schwimmbad herumtoben. So empfindet das auch die siebenjährige Sophia, die im Haus neben Toni und Loli lebt. „Ich finde es toll, dass wir einen Pool zu Hause haben. Im Sommer bin ich jeden Tag im Wasser“, sagt das Vorstadtkind. So bekommt man dann auch elf Wochen Ferien herum.
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