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Ruinen, Natur und ganz viel Stille - was es auf dem riesigen, jetzt öffentlichen Landgut Son Quint zu entdecken gibt

Nach dem Kauf der Finca steht das Rathaus von Palma vor einer gewaltigen Herausforderung: ein 220 Hektar großes Areal, das die Stadt einst mit Baustoffen versorgte, als Naherholungsgebiet zu erschließen

In die Coves del Pilar wurden zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren weitläufige Stollen getrieben, um Gips abzubauen. Pläne zur touristischen Nutzung scheiterten.

In die Coves del Pilar wurden zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren weitläufige Stollen getrieben, um Gips abzubauen. Pläne zur touristischen Nutzung scheiterten. / Bernardo Arzayus

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Gewöhnlich ist es kein Problem, auf dem Parkplatz vor dem Friedhof von La Vileta nordwestlich von Palma einen Platz zu finden. Doch an diesen Samstagmorgen (19.10.) füllt er sich rasant, ein Wohnmobil verkompliziert das Einparken. Als eine größere Wandergruppe zu ihrer Tour aufbricht und den Weg in den Wald einschlägt, treffen gerade die ersten Sportler einer Gruppe von Trailrunnern ein und ergattern die letzten freien Stellplätze.

Hat sich so schnell herumgesprochen, dass das Landgut Son Quint jetzt in öffentlicher Hand ist? Wird das mehr als 220 Hektar große Areal, das Palmas neues Naherholungsgebiet werden soll, bereits jetzt reihenweise von Neugierigen erkundet?

Joan Prats verneint. Der Vorsitzende der Vereinigung Son Quint-Parc natural de Ponent führt selbst die Wandergruppe an, und die Ausflüge gehören schon seit Jahren zum festen Programm. Das Gelände mag bisher in privaten Händen gewesen sein, als Naturschutzgebiet war es dennoch auch bislang frei zugänglich. Seit Jahren betreibe man Öffentlichkeitsarbeit für das Naturerbe, seine Reize sprächen sich allmählich herum, so der Mallorquiner.

Keine Wegweiser

Zumal Son Quint auch nichts für einen spontanen Ausflug ist: Keiner der Wege, die durch das Waldgebiet führen, ist bislang ausgeschildert. Wer hier unterwegs ist, kennt sich aus, wandert in der Gruppe oder hat eine GPS-Route heruntergeladen. Die von dichtem Wald umschlossenen Ruinen, Bergstollen, Steinbrüche und sonstigen Zeugnisse früherer Bewirtschaftung sind ungesichert. „Es wird um höchste Vorsicht gebeten“, warnt denn auch eine Info-Tafel am Parkplatz vor der „komplizierten“ Landschaft aus Hanglagen, Erdspalten und Höhlen.

Info-Tafel am Eingang. Auf der Finca gibt es noch keine Wegweiser.

Info-Tafel am Eingang. Auf der Finca gibt es noch keine Wegweiser. / Frank Feldmeier

Die Info-Tafel stammt nicht von der Stadtverwaltung, sondern wurde von den früheren Eigentümern hier aufgestellt. Das Rathaus hat hier seit dem groß verkündeten Kauf im September noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen – und das dürfte sich auch so schnell nicht ändern. Derzeit bereite man einen Nutzungsplan für das jetzt öffentliche Landgut vor, so eine Sprecherin der Stadt auf Nachfrage, man habe da aber noch viel Arbeit vor sich.

Die wirkliche Herausforderung ist nicht der Kauf für 1,5 Millionen Euro, sondern die Instandhaltung“, sagt Prats – und weiß, wovon er spricht. Die Anwohnervereinigung hat das Kulturerbe wie auch die verschlungenen Wege auf der Finca auf einer Website dokumentiert, in Texten, mit interaktiven Google-Karten sowie auch als Wikiloc-Routen zum Herunterladen (sonquint.cat). Das Landgut sei in etwa doppelt so groß wie der Bellver-Wald – und schon dort komme die Stadtverwaltung mit den anfallenden Aufgaben nicht nach, so der Mallorquiner. Bis Son Quint wirklich als Herzstück des künftigen „Stadtwalds“ und als „Eingangstor“ zur Serra de Tramuntana bezeichnet werden kann, ist es noch ein weiter Weg.

Adel und Industrie

Um Son Quint zu verstehen, muss man in der Geschichte zurückgehen. Die Wege in dem Gebiet verbanden nicht etwa Ortschaften, sondern Gutshöfe. Das angrenzende heutige Viertel Son Rapinya war eine Ansammlung von possessions und Landhäusern (rafals) mallorquinischer Adliger, von Dameto über Montaner bis Quint. Viele dieser Anwesen wurden später an Unternehmer verkauft, wie Bartomeu Carrió und Joan Carles Palos in ihrem Buch „Els camins de Palma“ (Die Wege von Palma) schreiben. Und das Gelände war Mitte des vergangenen Jahrhunderts keine Idylle, sondern eine Art Baustofflager, aus dem sich die wachsende Balearen-Hauptstadt bediente. Wenn man die Satellitenfotos betrachtet, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zu militärischen Zwecken schossen, sieht man keineswegs einen dichten Wald. Kiefern und Strauchwerk eroberten das Gelände erst später.

Son Quint ist damit so etwas wie die Restmasse, die bei der Erschließung des Umlands von Palma übrig blieb und unter Naturschutz (ANEI) gestellt wurde. Bisheriger Eigentümer des Landguts war Vibelba, eine Tochtergesellschaft von Arabella Hospitality, einer Firma der deutschen Unternehmensgruppe Schörghuber. Sie betreibt unter anderem das nahe gelegene Castillo Hotel Son Vida und die Golfplätze Son Muntaner, Son Vida und Son Quint. Dieser jüngste, 2007 eröffnete Platz liegt direkt neben dem Parkplatz und dem Eingangstor zum jetzt öffentlichen Landgut.

Umrisse Son Quint (weiße Linie) und Hauptwege.

Umrisse Son Quint (weiße Linie) und Hauptwege. / Quelle: Son Quint-Parc natural de Ponent

Von hier führt ein Weg, der aus dem 13. Jahrhundert stammt, ins Herz von Son Quint. Dass der Camí Vell de Puigpunyent (rot auf der Karte) einst im traditionellen Trockensteinbau gepflastert war, lässt sich noch erahnen. Der Camí Real (königliche Weg), der für Prats gleichzeitig die Hauptattraktion von Son Quint ist, führt bis Puigpunyent und von dort weiter nach Estellencs. Von der einstigen Bedeutung der Strecke, die Palma mit der Tramuntana verband, zeugt die Ruine einer früheren Herberge auf dem Coll de Son Marill, einem Sattel des Landguts in 288 Meter Höhe.

In Zukunft könnte dieser Camí Vell de Puigpunyent wieder verstärkt genutzt werden: Der Inselrat hat ihn als Variante des Trockensteinwegs GR 221 katalogisiert, wenn auch bislang weder hergerichtet noch ausgeschildert. Der Fernwanderweg, der von Andratx bis Pollença führt und jetzt gerade offiziell homologisiert wurde, könnte somit bereits von Palma aus begangen werden. Abzweigungen führen auch zu den höchsten Punkten des Landguts, den Puig des Garrover (300 m, gelbe Route) mit Blick auf die Bucht von Palma und den Puig des Revells (380 m, grüne Route) mit einer Panoramasicht auf die Tramuntana.

Steinbruch und Gipsabbau

Wir schlagen den Camí del Colesterol ein – kein historischer Name, sondern von gesundheitsbewussten Anwohnern so getauft. Er quetscht sich am Golfplatz vorbei zum zweiten Eingang von Son Quint bei der Siedlung Pinar Park. Von hier ist es nur ein kurzer Weg (grün) bis zu einer riesigen, unbewachsenen Esplanade, geschaffen nicht von der Natur, sondern vielmehr Überbleibsel des einstigen Steinbruchs, den Pedreres de Son Quint.

Pedreres de Son Quint: Wo früher ein Steinbruch betrieben wurde, erstreckt sich heute eine weitläufige Ebene.

Pedreres de Son Quint: Wo früher ein Steinbruch betrieben wurde, erstreckt sich heute eine weitläufige Ebene. / Bernardo Arzayus

Stille liegt über der Ebene, wo früher der Fels aus dem Berg gesprengt wurde. Wirtschaftlich interessant wurde der Ort erst wieder vor drei Jahren, als die Schörghuber-Gruppe Pläne für einen Solarpark mit knapp 5.000 Modulen vorstellte. Die Anwohnervereinigung von Son Quint lief dagegen Sturm, und der Steinbruch blieb unverändert: eine weite Leere und ein paar Ruinen, in denen einst die Steinblöcke zum Abtransport nach Palma vorbereitet wurden – und wo mit viel Fantasie ein künftiges Besucherzentrum für Son Quint vorstellbar ist.

Zugewuchert und voller Graffiti:ein Ort für das künftige Besucherzentrum?

Zugewuchert und voller Graffiti:ein Ort für das künftige Besucherzentrum? / Bernardo Arzayus

Linker Hand beginnt ein alter Saumpfad, der sich in steilen Kurven durch den Wald schlängelt und in einen Weg mündet, der bis Na Burguesa und zum Puig Gros de Bendinat führt. Rechter Hand geht es zu einem weiteren Kulturerbe, den Coves del Pilar. In die Höhle wurden zwischen den 1920er- und den 1950er- Jahren weitläufige Stollen getrieben, um Schienen zu verlegen und Gips abzubauen.

Ihr Eigentümer, Josep Ventayol Sureda, wollte sie auch touristisch erschließen. In Anzeigen mit einem Foto von Tropfsteinen pries er die Wunder an, die das „Wasser in den Eingeweiden der Erde im Laufe von Millionen Jahren“ geschaffen hatte. Für 20 Peseten gab es den Ausflug für sechs Personen inklusive Transfer ab Palma, dafür geworben wurde auf Spanisch und Französisch. Das frühe Tourismusprojekt sollte sich jedoch rasch als wirtschaftlicher Flop erweisen. Geblieben ist ein lost place.

In die Coves del Pilar wurden zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren weitläufige Stollen getrieben, um Gips abzubauen. Pläne zur touristischen Nutzung scheiterten.

In die Coves del Pilar wurden zwischen den 1920er- und den 1950er-Jahren weitläufige Stollen getrieben, um Gips abzubauen. Pläne zur touristischen Nutzung scheiterten. / Bernardo Arzayus

Ebenfalls Gips abgebaut wurde im Vall del Silenci, dem „Tal des Schweigens“ (Route in Orange). Ein gut fünf Meter langer Tunnel führt durch den Fels, der die einstige Mine ringsum umschließt. Zwischen den hohen Steinwänden und den alten Kiefern fühle man sich wie in einem Roman von Jules Verne, schwärmt Prats.

Fernziel Parc Natural de Ponent

Mit dem jetzigen Projekt im Rathaus von Palma haben die Anwohner ein seit Langem verfolgtes Ziel erreicht. Es ist aber nur ein Etappensieg. Denn die Finca könnte nach Ansicht der Vereinigung ein wichtiges Puzzlestück in einem künftigen unter Naturschutz gestellten Grüngürtel im Westen Palmas sein, der dann Parc Natural de Ponent hieße. Durch den Zusammenschluss von Son Quint mit Bellver (120 Hektar), Son Berga (25 Hektar, zwischen Bellver und Ringautobahn), der Grünzone von Son Vida (neun Hektar) und weiteren Gebieten käme eine Fläche von rund 400 Hektar zusammen. So ähnlich formuliert inzwischen auch die Stadt Palma ihr Vorhaben einer riesigen grünen Lunge von Palma, nennt es aber Bosc Metropolità – Stadtwald.

Für Ausflügler, die Son Quint schon länger kennen, sind die jetzigen Pläne für das Landgut eine zwiespältige Sache. Einerseits wäre es höchste Zeit, Gefahrenstellen zu markieren, auszubessern oder abzusperren. Neben Wegweisern wären auch Info-Tafeln hilfreich, die beim Identifizieren von einstigen Kalköfen oder Kohlenmeilern, von Stecheichen oder Salbeiblättrigen Zistrosen helfen könnten.

Andererseits hat gerade der morbide Charme halb zerfallener Stätten inmitten verwilderter Landschaften seinen Reiz – ein blinder Fleck auf der Mallorca-Landkarte, der keine wirtschaftliche oder touristische Rendite abwirft und im langen Schatten der so idyllischen Tramuntana-Landschaften im Dornröschenschlaf versinken durfte. Angesichts der Trägheit der öffentlichen Behörden dürfte es allerdings ohnehin ein langsames Erwachen werden.

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