Schwuler "Armen-Priester" und Bischof versöhnen sich auf Mallorca
Jahrzehntelang hielt der katholische Priester Jaume Santandreu auf Mallorca die katholische Kirche auf Trab. Durch seinen Kampf für die Armen, sein offenes Schwulsein, seine Freude an der Provokation. Jetzt, gegen Ende seines Lebens, kam es in Manacor doch noch zu einer Art Versöhnung

Jaume Santandreu (2.v.l.) neben Bischof Sebastià Taltavull (3.v.l.) bei der Buchvorstellung am 24. Oktober in der Crist-Rei-Kirche in Manacor / Sophie Mono
Revoluzzer und Poet, Hausbesetzer und Politiker, Homosexueller und Pfarrer: Es ist unmöglich, Jaume Santandreu in eine einzige Schublade zu stecken. Jahrzehntelang war der mittlerweile 86-jährige Geistliche der größte Kirchenkritiker der Insel. Die Hass-Liebe hatte auch nach der Niederlegung des Priesteramts vor einigen Jahren weiter Bestand. Dass jetzt ausgerechnet der Bischof von Mallorca bei der Präsentation von Santandreus neuestem, womöglich letztem Buch an dessen Seite sitzt, ist mehr als ein höflicher Pflichttermin des Kirchenoberhaupts. Es ist ein Zeichen beidseitiger Versöhnung.
Die erste Umarmung an diesem Donnerstag (24.10.) erfolgt fast ohne Zuschauer. Impulsiv, am Nebeneingang der unscheinbaren Cristo-Rei-Kirche in Manacor. Ein Bischof und ein unbequemer Ex-Priester liegen sich in den Armen – um dann gemeinsam das Gotteshaus zu betreten, wo mehr als hundert Menschen die Reihen füllen, um zuzuhören, was beide zu sagen haben. „Es ist meine alte Kirche, hier wuchs ich auf, hier ging ich zur ersten heiligen Kommunion. Und hier hat meine Familie über all die Jahre wegen mir gelitten“, sagt Jaume Santandreu später im Gespräch mit der MZ. Auch deshalb habe er diesen Ort für die Buchpräsentation gewählt. „Um meiner Familie etwas zurückzugeben. Es musste in dieser Kirche sein. Aber erst die Geste des Bischofs, mich zu begleiten, gibt dem Ganzen Gewicht.“
Flucht in die Höhle der Ausgestoßenen
Seine Eltern, seine Schwester Petra, ihr Mann und all die anderen Angehörigen und Freunde in seiner Heimat Manacor, hätten seinetwegen viel einstecken müssen, sagt Santandreu. „Ich war immer kritisch, polemisch, kaum zu übertreffen an Spitzen. Doch während ich mich in meine Höhle der Ausgestoßenen flüchte, in die sich nicht einmal Gott traut, blieben meine Lieben stets hier und wurden meinetwegen von Nachbarn angefeindet. Teils durch offene Angriffe, teils durch unterschwellige Ablehnung.“
Seine Höhle der Ausgestoßenen, damit meint er Can Gazà – jenen Zufluchtsort in Palmas Randbezirk Secar de la Real, den Jaume Santandreu 2003 mitgründete für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Ehemalige Drogenabhängige, sozial Ausgegrenzte. Santandreu lebt mit ihnen, unter ihnen, seit 2022 mit seinem Ehemann und langjährigem Partner Miquel Àngel Castell.
"Ich bereue nichts"
„Mon cor aflama estels“ (Mein Herz entzündet Sterne), erschienen im Selbstverlag, heißt das Buch, das Jaume Santandreu wie viele seiner vorherigen Werke in Can Gazà geschrieben und nun mit bischöflichem Segen veröffentlicht hat. „Es ist das erste meiner Bücher, das tatsächlich mit den Werten der Kirche übereinstimmt. Es ist unschuldig, aber doch ehrlich“, sagt der 86-Jährige. Auch im Buch, in teils poetisch anmutendem Katalanisch, geht es um Vergebung. Und um Menschen, die Santandreus Leben prägten. „Manche habe ich erzürnt, und das tut mir leid. Unabhängig davon, ob sie recht hatten oder ich. Ich bitte alle um Vergebung, die wegen meiner Worte oder Taten gelitten haben“, sagt Santandreu, betont aber auch: „Ich bereue nichts von dem, was ich getan habe.“
Es ist eine merkwürdige Art, um Vergebung zu bitten, doch die Kirche erkennt sie an. Schon damals, als Santandreu noch selbst als Geistlicher tätig war, drückte sie immer wieder beide Augen zu, wenn er sowohl die Institution als auch die Existenz Gottes mal wieder infrage stellte. Die Kirche weigerte sich schlicht, öffentlich zu Santandreu Stellung zu nehmen. Doch die Verbindung blieb beidseitig irgendwie bestehen. Der Bischof habe sogar zugestimmt, sein Buch zu präsentieren, noch bevor er dessen Inhalt kannte, betont Santandreu. Ein großer Vertrauensbeweis. Andererseits: Bei allem Querulantentum – Fairness war schon immer ein Teil von Santandreus vielschichtigem Charakter. „Ich würde ja auch niemals einen Vegetarier zum Essen einladen, und ihm dann Fleisch vorsetzen“, sagt er.
Hungerstreik und Hausbesetzung

Jaume Santandreu 2015 bei einer Protestaktion in Palma zum Bestand des Sozialprojekts im Casa Llarga / Redaktion DM
Bei der Präsentation in Manacor erkennt man den Ex-Priester kaum wieder. Jenen Mann, der für die Rechte der Armen einen Hungerstreik antrat, der mit Ketten und Palästinensertuch für den Fortbestand eines weiteren Sozialprojekts in der Finca Casa Llarga in Palma protestierte und diese zeitweise besetzt hielt. Der noch in seiner aktiven Priesterzeit freimütig über seine Homosexualität und amourösen Abenteuer sprach, der Bücher schrieb über sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen und seine kommunistischen Überzeugungen, die er, angetrieben vom Drang nach Gerechtigkeit, auch als aktives Mitglied der Partei ERC vertrat. An diesem Abend in der Kirche in Manacor dagegen kommt Jaume Santandreu als Mensch, der vor allem Dankbarkeit verspürt. Emotional ergriffen, mit einem Lächeln im Gesicht, das immer wieder zu seiner Schwester Petra wandert, die in der ersten Reihe sitzt.
„Er ist zart und rätselhaft und immer kritisch“, versucht Bischof Taltavull eine Definition von Santandreus Persönlichkeit. Und trifft es damit ziemlich gut. Es ist eine Hommage an einen Menschen, der stets für die Ausgestoßenen kämpfte, aber auch ein Statement der Institution Kirche. „Ich habe vielleicht nicht die Welt verändert, aber ich habe es geschafft, dass die Welt mich nicht verändert“, sagte Santandreu vor Jahren mal in einem Zeitungsinterview. Vielleicht greift das zu kurz. Auch die Kirche scheint sich verändert zu haben. Zumindest haben die Katholiken Mallorcas mit Sebastià Taltavull derzeit einen Mann an der Spitze, der ähnlich wie Jaume Santandreu vor allem ein Mensch ist, der sich von seinen Überzeugungen leiten lässt – und über Konventionen hinwegsehen kann.
Gemeinsame Nenner
„Ich habe meinen Frieden gefunden“, sagt Santandreu später zur MZ. Frieden, den der 86-Jährige benötigt, um zu sterben, so hört man heraus. „Mein Weg ist irgendwann zu Ende.“ Nach der Buchvorstellung umarmt er jeden der Gäste, und Bischof Taltavull sieht lächelnd zu. Vergebung – es ist einer von vielen gemeinsamen Nennern, die Santandreu und die Kirche trotz allem haben.
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