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Spanischer Bürgerkrieg auf Mallorca: neue Erkenntnisse über das Drama von Cabrera

Kein Schwarz oder Weiß: Was im Bürgerkrieg auf dem Archipel geschah, war militärisch unwichtig, aber vielsagend. Ein Buch liefert jetzt neue Fakten

Infanteriesoldaten, die zum Teil auf Cabrera stationiert waren, so etwa Mateo Vila Cerdà (re. vorne).

Infanteriesoldaten, die zum Teil auf Cabrera stationiert waren, so etwa Mateo Vila Cerdà (re. vorne). / Archiv MATEO VILA CERDÀ

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Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

„Stellen Sie sich vor, Sie lassen Ihr Handy zu Hause und setzen nach Cabrera über. Oben von der Burg sehen Sie Mallorca nur von Weitem, Menorca überhaupt nicht“, sagt der Historiker Juan José Negreira, um die Situation im Juli 1936 auf dem Archipel südlich von Mallorca zu erklären. Es war praktisch abgeschnitten von der Außenwelt.

Der Spanische Bürgerkrieg hatte begonnen, ohne dass es ein Großteil der auf Cabrera stationierten Militärs mitbekam. Zwar gab es einen Telegrafen. Doch das Kommando auf Mallorca, das sich dem Putsch Francos gegen die Zweite Republik angeschlossen hatte, gab Order, die dort stationierten knapp 20 Soldaten nicht zu informieren. Das Kalkül: Sie sollten erst gar nicht auf die Idee kommen, Treue zur Republik zu demonstrieren. Auch wenn sie sich wunderten, dass in jenen Tagen weder das Versorgungsschiff noch die übliche Ablösung eintrafen. Radio hören war verboten. „Cabrera war für die Truppe weiter republikanisch, für die Befehlshaber dagegen in der Hand des nationalen Lagers“, so Negreira.

Widersprüche in den Quellen

Der auf Militärgeschichte spezialisierte Historiker hat in seinem Buch „La Guerra Civil en Cabrera“ neue Erkenntnisse über Geschehnisse zusammengetragen, die im drei Jahre dauernden, für Spanien bis heute traumatischen Bürgerkrieg eigentlich nur eine Fußnote sind, und doch am Beispiel dieses Mikrokosmos viel über den Krieg sagen. Zum einen, dass das Bild der zwei sich bekämpfenden Lager so nicht stimmt, wie Negreira argumentiert. „Ich weigere mich, die Akteure wie bei einem Schachspiel in weiße und schwarze Figuren aufzuteilen.“ Zum anderen, dass auch fast 90 Jahre später viel Forschung nötig ist und das Opfergedenken nicht ausreicht. Das Buch fördert neue Erkenntnisse zutage und dokumentiert Widersprüche der Quellen, die sich nur noch zum Teil auflösen lassen.

Aber was ist nun eigentlich auf Cabrera passiert? Nicht viel, aber das hatte dramatische Folgen, vor allem für die zwei Großfamilien, die auf dem Archipel Landwirtschaft betrieben. Am 30. Juli musste ein Wasserflugzeug, das vom republikanischen Menorca aus Palma angeflogen und bombardiert hatte, an der Küste von Cabrera notlanden. Die dortigen Soldaten nahmen die sechsköpfige Besatzung nach einem Scharmützel fest und inhaftierten sie – jetzt war der Krieg auch hier angekommen. Zwei Tage später suchten U-Boote von Menorca nach dem verschollenen Flugzeug. Das schlecht ausgerüstete Regiment auf Cabrera ergab sich umgehend der militärisch überlegenen Expedition von Menorca.

Wasserflugzeug bei der Landung in Maó (Menorca).

Wasserflugzeug bei der Landung in Maó (Menorca). / Historia de la Cruzada

Grauen auf Menorca

So kurz und irrelevant die Kriegshandlung, so dramatisch die folgende Repression. Nicht nur der Leutnant und der Kommandant von Cabrera, Facundo Flores und Mariano Ferrer Bravo, wurden festgenommen, auch einer der beiden Familienväter, Damià Sunyer, sowie seine zwei Söhne Joan und Gaspar mussten in das U-Boot, das sie nach Menorca brachte. „Das Bild jener Szene hat sich mir eingebrannt wie auf einer Fotoplatte, auch wenn mir nicht bewusst war, dass es das letzte Mal war, dass ich sie sah“, erinnert sich die damals elfjährige Schwester der beiden, Francisca Sunyer.

Die Gefangenen wurden auf Menorca nicht hingerichtet, sondern brutal ermordet, wie Negreira betont. Den Sunyers wurde vorgeworfen, die republikanischen Gefangenen angegriffen und misshandelt zu haben. Dafür gebe es aber keine haltbaren Belege, so der Historiker. Offenbar habe man ein Alibi für die Tötung gebraucht. Zu den neuen Erkenntnissen von Negreira gehört etwa auch, dass die Putschisten auf Mallorca niemals angeordnet hätten, die republikanische Besatzung des Flugzeugs hinzurichten.

Auch bei der gescheiterten Landung republikanischer Milizionäre im August 1936 an der Ostküste Mallorcas spielte das Eiland keine wichtige Rolle, zeigte vielmehr die misslungene Vorbereitung der Mission. Kommandeur Alberto Bayo ging am 15. August auf Cabrera an Land, um die inzwischen dort eingetroffene republikanische Verstärkung für seine Mission zu gewinnen. Das Ziel: Die Soldaten sollten einen Landgang bei Sa Dragonera im Südwesten Mallorcas vortäuschen, um die Putschisten von der eigentlichen Landung der Republikaner an der Ostküste abzulenken. Bayo bekam eine Abfuhr: Man folge nur den Befehlen aus Barcelona.

Die Schande von Spanien

Mallorca blieb in der Hand der Aufständischen, die mithilfe der deutschen und vor allem italienischen Alliierten den anfänglichen militärischen Rückstand aufholten und den Bürgerkrieg 1939 für sich entscheiden sollten. Auf Cabrera derweil gab es nur Verlierer. Die zweite Familie, die Bonets, geriet ins Visier der Franquisten, auch ihnen wurde aus nicht belegbaren Vorwürfen ein Strick gedreht, es folgten Jahre der Gefangenschaft und sozialen Ächtung in der Diktatur – Schicksale, die Negreira akribisch aufdröselt. Sie sind Opfer eines Kriegs, der „nicht in Schützengräben, sondern in der Nachhut ausgetragen wurde“.

Und bevor ein Rechtspopulist auf die Idee kommt, Gräueltaten im republikanischen Lager als Argument gegen die Exhumierung von Franco-Opfern zu missbrauchen, sagt Negreira auch noch diesen Satz: „Wir Spanier müssen es mit der Schande aufnehmen, dass Opfer noch immer anonym verscharrt sind, egal welchem Lager ihre Mörder angehörten.“ Die Behörden müssten die nötigen Mittel aufbringen, bis auch der letzte Tote gefunden, identifiziert und seiner Familie übergeben sei.

Juan Jose Negreira Parets: La Guerra Civil en Cabrera. 

Spanisch, 178 Seiten, 18 Euro. 

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