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Faszination Sibylle auf Mallorca: Die Ursprünge des düsteren Gesangs zu Weihnachten

Der Brauch der Prophetin, die das Ende der Welt besingt, ist auf Mallorca am Heiligabend ein Muss. Eine Historikerin geht seinen Wurzeln auf den Grund. Und ein Konzert in Manacor fügt neue Töne hinzu

Kein Weihnachtsengel, sondern eine Prophetin mit Schwert: Sibyllengesang in der Kirche Santa Eulàlia in Palma.

Kein Weihnachtsengel, sondern eine Prophetin mit Schwert: Sibyllengesang in der Kirche Santa Eulàlia in Palma. / B. Ramon

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Wohl denjenigen, die am Heiligabend auf Mallorca weilen. Denn die Insel ist einer von wenigen Orten auf der Welt, an denen man einen uralten Brauch erleben kann, der hier immer noch sehr lebendig ist: den ebenso schönen wie düsteren „Cant de la Sibil·la“. Er erklingt in der Christmette in so gut wie allen Kirchen und ist seit 2010 zudem immaterielles Weltkulturerbe. Meist ist es eine Frau oder ein Mädchen, die sich dabei in eine Prophetin verwandelt, manchmal auch ein Knabe. Mit einem Schwert in der Hand und in ein oft orientalisch aussehendes Gewand gehüllt, tritt die Sibylle vor die Kirchengemeinde und besingt a cappella das Jüngste Gericht und den Tod jeglichen Lebens auf der Erde. Sowohl beim Text als auch bei der Musik gibt es lokale Varianten, meist dauert der Gesang zwölf bis fünfzehn Minuten.

Es ist eine faszinierende Tradition, die immer noch Stoff zum Forschen und Experimentieren liefert. Laura de Castellet lebt den Sibyllengesang in Theorie und Praxis: Die katalanische Historikerin ist auf die Musik des Mittelalters spezialisiert, schlüpft selbst häufig in die Rolle der Sibylle und hat das neueste Buch zum Thema geschrieben. Ende November hat sie es in der Buchhandlung Ramon Llull auf Mallorca präsentiert: „Sibil·la. Naixement, metamorfosi i supervivència d’una profecia cantada“ („Sibylle. Geburt, Metamorphose und Überleben einer gesungenen Prophezeiung“, Dalmau, 16 Euro).

Sibyllengesang: Wo die Melodie herkommt

„Mit dem Buch wollte ich eine Zusammenfassung schreiben, um dem breiten und geschichtsinteressierten Publikum die Sibylle zu erklären. Und ich wollte einen besonderen Fokus auf die Ursprünge legen, so die Autorin im Telefonat mit der MZ. Auch interessierten De Castellet die politischen und religiösen Umstände, in denen der Sibyllengesang Einzug in die Liturgie hielt.

Besonders liegt es der Historikerin am Herzen, ein weitverbreitetes Missverständnis aufzuklären: Es handle sich nicht um (nach Gregor dem Großen benannten) gregorianischen Gesang. „Die Melodie ist weder gregorianisch noch mozarabisch, sondern karolingisch – sie entwickelte sich aus der gallikanischen Liturgie“, betont sie. Dieser Ritus mit seiner eigenen musikalischen Tradition hatte im Frankreich des 5. und 6. Jahrhunderts seine größte Verbreitung. „Im 6. Jahrhundert gab es dort zwar noch keinen Sibyllengesang, aber der Modus der gallikanischen Liturgie ging dann später auf die Sibylle über“, erklärt De Castellet.

Erst in Klöstern, dann in Kathedralen

Die Historikerin forschte in Archiven, vertiefte sich in die Verbreitung der Sibyllenverse und des Gesangs und erstellte dazu eine Karte. Die ersten Beispiele gab es demnach in Lyon. Schon um das Jahr 800 gelangte die Sibylle nach Katalonien und eroberte den iberischen Raum. Mallorca wird von De Castellet nicht gesondert unter die Lupe genommen, ist aber Teil der Entwicklung: „Zuerst wurde der Gesang in Klöstern aufgeführt, dann in Kathedralen. Ab diesem Moment natürlich auch auf Mallorca.“

Als das Konzil von Trient (1545–1563) die populären Spektakel einschränkte, die dem Vatikan zunehmend missfielen, widersetzte sich die Insel dem päpstlichen Willen, und der Brauch überlebte. Doch auch hier schien die goldene Zeit der Sibylle irgendwann vorbei zu sein: „Vor hundert Jahren hat man den Gesang auf Mallorca vielleicht in vier Klöstern und in der Kathedrale gehört, das war es. Und heute gibt es ihn wieder überall“, sagt De Castellet.

Experimente mit dem alten Ritual

De Castellet selbst ist durch rund ein Dutzend Auftritte pro Jahr mit für die „Reconquista“ der Prophetin in Katalonien verantwortlich, wo „jedes Jahr vier, fünf neue Sibyllen“ auftauchten, die dort auch in der Vorweihnachtszeit singen. „Es gibt einen Sibyllen-Boom, sowohl auf Mallorca als auch in Katalonien“, sagt die Autorin. In der Kathedrale von Barcelona verwende man eine Textversion aus dem 15. Jahrhundert, aber mit der Begleitung beauftrage man jedes Jahr einen neuen Komponisten. „Das ist eine Möglichkeit, den Sibyllengesang zurückzuholen, aber ihn dabei zugleich noch voranzubringen“, so die Historikerin.

Immer wieder gibt es Initiativen, die Prophetin stärker im Hier und Jetzt zu verankern, mit dem Ritual zu experimentieren. Auch auf Mallorca: Am 15. Dezember findet etwa im Convent de Sant Domingo in Manacor ein Konzert mit dem Titel „Sibil·Lab“ statt. Unter der musikalischen Leitung von Joana Gomila wagen sich lokale Musikerinnen und Musiker an einen Dialog mit zeitgenössischen künstlerischen Ausdrucksformen. „Die Botschaft der Sibylle lautet: Die Welt ist kompliziert“, sagt De Castellet salopp. „Es ist gut, dass es da eine Figur gibt, die uns seit über 1.000 Jahren daran erinnert.“ Die Prophezeiung passte nicht nur damals zum Untergang des Römischen Reiches, sondern lässt sich auch hervorragend in die heutige Zeit mit Kriegen, Pandemie und Klimakrise übertragen.

Eine transzendentale Erfahrung

Für die Sängerinnen ist die Erfahrung oft transzendental, wie auch die Historikerin bestätigen kann: „Nichts hat mich jemals so tief berührt wie der Gesang der Sibylle. Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt De Castellet. Einmal sei sie den Kirchengang entlang geschritten, als ein Mann aufstand, den Hut abnahm und sich verbeugte. Andere taten es ihm nach. Das habe sie so berührt, dass sie danach kaum noch singen konnte.

Das Erlebnis bedeute für die Beteiligten mehr, als in eine Rolle zu schlüpfen und ein traditionelles Lied zu Weihnachten zu singen. Man werde vielmehr zur Reinkarnation einer Prophetin, die seit langer Zeit Respekt einflößt und die Menschen verstummen lässt, wo immer sie erscheint. „In La Seu d’Urgell in Katalonien hat man im 16. Jahrhundert mit dem Sibyllengesang aufgehört“, sagt De Castellet. „Seit dem ersten Mal, als ich dort sang, denke ich: Die letzte Sibylle hat mir den Stab weitergereicht, auch wenn dazwischen nun 400 Jahre lagen. Aber was sind schon 400 Jahre für eine Sibylle?

In so gut wie allen Pfarrkirchen der Insel ist am Heiligabend der Sibyllengesang zu hören. Eine Liste mit den Zeiten aller Christmetten („matines“) und mehr Infos sind in der Regel ab Mitte Dezember unter bisbatdemallorca.com abrufbar.

Neues von der Sibylle im Buch von Laura de Castellet.

Neues von der Sibylle im Buch von Laura de Castellet. / R. Dalmau

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