Weihnachten auf Mallorca: Was hinter den Kulissen der Kathedrale passiert
La Seu, wo an Heiligabend wieder auf Deutsch Weihnachten gefeiert wird, ist nicht nur Gotteshaus und Wahrzeichen, sondern auch Arbeitsplatz. Wie die Angestellten den Betrieb organisieren, das reiche Erbe bewahren und die Besucher daran teilhaben lassen

Zu Weihnachten erstrahlt die festliche geschmückte Kathedrale La Seu noch einmal in einem ganz anderen Licht. Auch bei der deutschsprachigen Christvesper. / SEBASTIÀ TERRASSA
Zu den hohen Feiertagen erstrahlt sie in höchstem Glanz – sei es beim Abschluss der Osterprozessionen, bei der Inszenierung der Statue der Gottesmutter zu Mariä Himmelfahrt oder eben jetzt rund um Weihnachten. An diesem Mittwoch (11.12.) aber geht es noch wenig feierlich in der Kathedrale von Palma zu. Statt der imposanten Orgel summt der Staubsauger einer Putzfrau im Kirchenschiff. Alles ist hell erleuchtet, aber nicht zur Feier des Tages, sondern für eine technische Überprüfung, wie die Sprecherin der Kathedrale erklärt. Und auch die Zahl der Urlauber, auf deren Programm die Kathedrale zum Standard gehört, ist sehr überschaubar an diesem feuchtkalten Dezembertag. Wo es zum Ausgang geht, möchte gerade ein deutsches Paar vom Sicherheitsmann wissen. Alfonso Lorente erklärt mit ein paar Sätzen auf Englisch den Weg.
Der 30-Jährige ist einer von 39 Angestellten der Kathedrale. Wenn sie trotz ihrer großen Zahl und ihrer für Betrieb und Erhalt so wichtigen Rolle kaum wahrgenommen werden, liegt das auch daran, dass sie im Schatten von La Seu arbeiten, einem Sakralbau, der nach drei Jahrhunderten Bauzeit Anfang des 17. Jahrhunderts fertiggestellt wurde, später mit der Kunst von Antoni Gaudí oder Miquel Barceló neue Facetten hinzugewann und heute das unbestrittene Wahrzeichen der Balearen-Hauptstadt ist – für Einheimische und Besucher gleichermaßen.
Hier singen die deutschsprachigen Gläubigen, wenn sie an Heiligabend gleich zweimal hintereinander die Kathedrale füllen, gemeinsam „Stille Nacht“. Hier lauschen die mallorquinischen Christen der Sibylle, wenn sie in dem zum Welterbe erklärten Gesang vom Untergang der Welt kündet.

Die Christvesper in der Kathedrale ist für viele ein fester Termin. / MZ
In diesem Text soll es aber einmal nicht um Erbauung, Staunen und Gänsehaut gehen, sondern um das Räderwerk dahinter – um das Team, das im Auftrag des „Capítol Catedral“, dem Verwaltungsorgan der Kathedrale – vergleichbar einem deutschen Domkapitel –, den Betrieb der La Seu am Laufen hält und deren Schätze verwaltet.
Der Sicherheitsmann
Neben der Frage nach dem Ausgang ist es die Frage nach den Toiletten, die Sicherheitsmann Lorente am häufigsten von den Besuchern zu hören bekommt. Aber er hat auch zu allen Highlights der Kathedrale eine erste Antwort bereit, wobei er natürlich kein Guide sei, wie er betont. Der junge Mallorquiner weist den Weg und erklärt, wo es weitere Infos gibt. Im Gegensatz zu Sicherheitsleuten, die in Museen Gemälde bewachen, ist er immer in Bewegung. Anders als die Berufskollegen in den Partyhochburgen hat Lorente praktisch nie Ärger mit Touristen – welcher Problem-Urlauber verläuft sich schon in die Kathedrale? Respektvoll fragten viele, ob sie Fotos machen dürfen. Und wenn ein Besucher oder eine Besucherin ausnahmsweise mal nicht korrekt gekleidet ist – schulterfrei ist noch in Ordnung, bauchfrei nicht –, weise man dezent auf die im Souvenirshop erhältlichen T-Shirts hin.

Sicher-heitsmann Alfonso Lorente öffnet das Kirchenportal. / Nele Bendgens
Vor allem aber sind die fünf fest angestellten Sicherheitsleute, die je nach Saison bis zu sieben Mann Verstärkung von einem externen Anbieter bekommen, für das Öffnen und Schließen der Portale zuständig. Hierbei gilt ein genauer Ablaufplan. „Wir öffnen morgens um 8.30 Uhr für die Besucher des Gottesdienstes um 9 Uhr“, erklärt Lorente – nicht das Hauptportal gegenüber dem Almudaina-Palast, sondern das Portal de l’Almoina auf der meerabgewandten Seite der Kathedrale. Im Anschluss wird für die Besichtigungen geöffnet, nun aber der Zugang über den Anbau, der Casa de l’Almoina, benannt nach den Almosen, die hier früher üblich waren. Rechtzeitig vor dem Eintritt legen Lorente und seine Kollegen noch den Schalter für die Beleuchtung um. Weniger Licht für den Hauptaltar, mehr Licht für die Heiligenfiguren und die Seitenkapellen – jetzt geht es in der Kathedrale um Sightseeing statt um Mysterium.
Das Portal de l’Almoina sowie das Portal del Mirador auf der gegenüberliegenden Seite sind in erster Linie Besuchergruppen vorbehalten oder werden zur Belüftung des Komplexes genutzt. Und das Hauptportal öffnet sich nur zu großen Feiertagen im Kirchenjahr, neben Weihnachten zu Fronleichnam oder zu Ostern, wenn die spanische Königsfamilie kommt oder nach der Prozession die Heiligenfigur des Crist de la Sang in die Kathedrale einzieht.
Dann hat Lorente keinen Dienst, sondern ist mit unter den Büßern. Als gläubiger Christ habe er mit der Anstellung in der Kathedrale vor inzwischen sechs Jahren den perfekten Job gefunden. Er fühle sich als Teil einer großen Familie und arbeite besonders gerne während der Gottesdienste, sagt er. In dieser Zeit könne er natürlich nicht seine Aufgaben vernachlässigen, „aber trotzdem geht ein Teil von mir in der Messe auf, die gerade stattfindet.“
Der Dokumentar
Die Kathedrale ist eben viel mehr als ein Gebäude. Den Sakralbau definieren auch die Objekte, die in ihm stehen, an den Wänden hängen, für die Liturgie bereitliegen, in Vitrinen ausgestellt sind oder aber im Archiv lagern. Den Überblick über all sie hat Sebastià Escalas. Er verwaltet und aktualisiert die Dokumentation der Kathedrale. Für jedes einzelne Objekt liege eine eigene Akte mit Angaben zu Alter und Wert, zum Stand der Forschung oder zu den Besitzverhältnissen sowie fotografische Dokumentation vor. „Es ist so etwas wie eine kunstgeschichtliche DNA“, sagt der 34-Jährige.

Dokumentar Sebastià Escalas hat ein Auge auf den Zustand des Gitters im Altarraum. / Nele Bendgens
Was hängt da zum Beispiel an der Wand?, lautet eine Testfrage mit Blick auf ein reich verziertes Objekt aus rötlichem Stoff an der Wand der Sakristei. Es ist ein Antependium, mit dem die Frontseite des Altars zum Fest der Unbefleckten Empfängnis Marias geschmückt wird, erklärt der promovierte Kunsthistoriker mit einem Master in Denkmalpflege, der seit acht Jahren in der Kathedrale arbeitet. „Was wir hier sehen, sind Kunstobjekte, aber auch Gebrauchsgegenstände, sie sind lebendig.“
Wie sie eingesetzt werden, dafür gibt es ein strenges Protokoll, über das ebenfalls Escalas wacht. „Diese Dinge können nicht beliebig bewegt und eingesetzt werden, aus Gründen der Konservierung, aber auch aus Gründen der religiösen Verehrung.“ Welche Objekte dürfen zu welchem Kirchenfest oder zu welcher Ausstellung wie ihren Standort ändern? Sind sie korrekt beleuchtet und gereinigt?
Ein Beispiel ist die Aufstellung des Llit de la Mare de Déu: Mit dem „Bett der Gottesmutter“ wird der Moment inszeniert, bevor Maria in den Himmel emporsteigt. Ähnliche Regeln gelten zu Weihnachten für das Krippenensemble, das während des restlichen Jahres in der Seitenkapelle von Sant Benet seinen Platz hat. Vor dem 24. Dezember wird das Werk der mallorquinischen Künstlerin Remígia Caubet aus dem Jahr 1995 nach vorne in die Kathedrale manövriert – und schließlich um das im Stall geborene Jesuskind ergänzt.
Es sind kunsthistorische wie religiöse Schätze. Sebastià Escalas wacht über Reliquien von unschätzbarem Wert, allen voran den Armknochen des Stadtheiligen und Namensvetters Sant Sebastià oder die Custòdia Major, eine reich verzierte Monstranz von mehr als zwei Meter Höhe. Letztendlich habe aber jedes der rund 5.000 verschiedenen Objekte in seiner Verantwortung Bedeutung und sei Teil eines Ganzen.
Die Kulturmanagerin
Die Monstranz steht in einer Vitrine im Eingangsbereich. Dass die dortigen Objekte seit Kurzem neu geordnet und neu erklärt sind, daran hat auch Cristina Ortiz ihren Anteil. „Das war hier so etwas wie eine ungeordnete Schatzkammer“, formuliert es die Kulturmanagerin von Palmas Kathedrale und erklärt im Detail, was ihr Team alles bei Texten, Präsentation und Anordnung neu gestaltet hat.

Kulturmanagerin Cristina Ortiz erklärt, wie die Custòdia Major den Besuchern der Kathedrale präsentiert und erläutert wird. / Nele Bendgens
Seit zehn Jahren kümmert sich die 38-Jährige mit ihren Kollegen darum, dass Besucher an der Geschichte und Bedeutung der Kathedrale teilhaben können – sei es bei Führungen, in Ausstellungen oder durch Publikationen. Die Betreuung der Urlauber allerdings ist an die Touristenführer mit offiziellem Titel ausgelagert. Stattdessen konzipiert Ortiz mit ihrem Team vor allem Programme für Schulklassen und andere Zielgruppen wie etwa Menschen mit Behinderung. Viele der jährlich rund 7.000 Schüler kämen gut vorbereitet, fragten aber auch mal, ob der Bischof vorbeischaue, die Skulpturen der Barceló-Kapelle prähistorisch seien oder ob es Wifi gebe, erzählt die studierte Pädagogin, Kunsthistorikerin und Museologin. „Wenn wir etwa die Rosette der Fassade erklären, dann vergleichen wir ihre Größe mit Dingen aus dem Erfahrungsbereich der Kinder, etwa der Fläche von zweieinhalb Apartments, wie sie bei Ikea ausgestellt sind.“
Ob Groß oder Klein – wer in die Kathedrale kommt, kann nur einen kleinen Teil ihres über Jahrhunderte entstandenen Zaubers erfassen. Aus dem unerschöpflichen Schatz der Objekte und Geschichten muss ein kleiner Teil ausgewählt und aufbereitet werden – der Rest bleibt unerzählt und im Schatten, ähnlich wie die Mitarbeiter der Kathedrale. Der Fototermin mit der MZ ist eine seltene Ausnahme im Job von Cristina Ortiz, Sebastià Escalas und Alfonso Lorente. Danach entschwinden sie schnell wieder an ihren Arbeitsplatz hinter den Kulissen.
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