Wohnungslos auf Mallorca: Ein Besuch bei den Bewohnern des alten Gefängnisses von Palma
Zwischen 120 bis 200 Menschen hausen hinter den alten Knastmauern. Gerüchten zufolge kassiert eine ältere Dame dafür Mieten ein

Auf dem Innenhof des ehemaligen Gefängnisses von Palma / Alexandra Bosse
„Es brennt! Dios, da ist Feuer!“ Florentina Ruarte, die alle nur Flor nennen, will gerade ein paar Turnschuhe für Mamadou aus dem vollgepfropften roten Opel Corsa holen, als sie die Flammen im oberen Stockwerk des alten Gefängnisses bemerkt. Mamadou, in Badelatschen und Winterjacke, bleibt überraschend gelassen, während Paula mit Jason sofort vom Parkplatz zum Eingang des Gefängnisses läuft. „Ruft die Polizei an und die Feuerwehr!“, schreit Paula ihren Kolleginnen von der Hilfsorganisation Proyecto Encuentro noch zu, dann ist sie bereits im Inneren der früheren Haftanstalt verschwunden. Dort umschließt ein breiter, mit Stacheldraht abgezäunter Korridor die Gebäude.
Jason kennt sich hier aus und weist den Weg durch die Dunkelheit. Er ist 19 Jahre alt, schlaksig und trägt eine rote Adidas-Trainingsjacke zu seinen grauen Jeans und einem Gucci-Cap. Seine Klamotten lassen nicht erahnen, dass er auf der Straße lebt und dass er das ehemalige Gefängnis momentan sein Zuhause nennt. Die Wände sind mit Graffitis beschmiert, überall liegt Schutt auf dem Boden, es ist feuchtkalt. Hinter einem halb verfallenen Treppenaufgang führt ein Tor ohne Türen in den Innenhof. Auf dem sandigen Boden, auf dem die Häftlinge einst ihre Runden drehten, liegen Berge von Müll. Ein Teil davon steht in Flammen. „Die Leute hier wollen mit dem Feuer die Ratten vertreiben,“ erklärt Jason. „Die krabbeln sonst nachts über uns, manche sind groß wie Katzen.“ Paula wirkt beruhigt, die Flammen scheinen unter Kontrolle, niemand ist direkt gefährdet.
Die Ortspolizei rückt erst 20 Minuten später an. Die zwei Beamten gehen mit einigem Abstand an der Menschengruppe vorbei, die sich mittlerweile um das Auto vom Proyecto Encuentro versammelt hat. Kurz danach fährt auch die Feuerwehr mit einem großen Einsatzwagen in den Gefängniskomplex ein. Sie löscht den brennenden Müll sowie ein weiteres Feuer im ersten Stock. Ein Bewohner hat es entzündet, um sich zu wärmen.

Flor (Proyecto Encuentro) und ein Bewohner des alten Gefängnisses / Alexandra Bosse
Zuflucht im Gefängnis
Zwischen 120 und 200 Menschen leben in dem ehemaligen Gefängnis, je nachdem welcher Quelle man glaubt. Momentan kommen aufgrund der kalten Winternächte ständig neue Bewohner hinzu. Sie hausen hier gemeinsam, und doch getrennt. „Wir Latinos sind auf der rechten Seite, die Afrikaner auf der linken“, erzählt Andrés. Er ist Kolumbianer, Mitte 20 und konnte sich die Miete seines WG-Zimmers nicht mehr leisten, nachdem er seinen Job verloren hatte. Natalia ist Mallorquinerin und erst 18: „Meine Mutter hat mich auf die Straße gesetzt, weil ich mich mit ihrem neuen Typ nicht verstanden habe“, sagt sie.
Nachdem Polizei und Feuerwehr wieder abgezogen sind, kommt auch „la jefa“ (die Chefin) zum Auto. Sie ist eine ältere Frau mit rötlich gefärbten Haaren und einem schiefen Kiefer. Ihr fehlen mehrere Vorderzähne, aber das hindert sie nicht daran, breit zu grinsen. „Chicas, ich habe einen Job! Ich arbeite jetzt in einer Schulküche und als Pausenaufsicht, da spiele ich mit den Kindern Fußball“, erzählt sie den Helferinnen. „La jefa“ sagt, sie lebe bereits seit 20 Jahren hier. Sie hat es sich mit ihrem Mann in einem der ehemaligen Häuser der Gefängniswärter gemütlich gemacht. Ein „Luxus“, den die anderen Bewohner nicht haben, viele nutzen die Duschgelegenheiten von Sozialeinrichtungen. Es heißt, „La jefa“ treibe für die Unterkünfte hier Mieten ein. Sie selbst hält sich da bedeckt, sagt lediglich: „Ganz einfach, da, wo eine Tür vor ist, da wohnt jemand.“
Gespräche, Essen und Kleidung
Paula spricht indes mit dem 22-jährigen Manuel aus Málaga, einem Drogensüchtigen. „Kannst du mir vor den Festtagen noch einen Platz im Proyecto Hombre verschaffen?“, lallt er. „Ich muss hier raus.“ Die Suchthilfe bietet spanienweit Entzugsprogramme an, auch hier in Palma. „ Oft kommt es durch die Sucht zum Bruch mit dem Familien- und Freundeskreis. Die Abhängigen schlafen in einer Stresssituation erstmals über Nacht auf der Straße. Mit der Zeit wird das dann zur Gewohnheit“, sagt Flor, während sie zusammenpackt. Ein hochgewachsener, viel zu dünn bekleideter Mann nähert sich nur zögerlich dem Auto. Carla, heute Abend die dritte Freiwillige im Bunde, geht auf ihn zu und fragt: „¿Tienes hambre?“ (Hast du Hunger?). Er nickt, antwortet leise in gebrochenem Spanisch: „No carne. ¿Pollo?“ (Kein Fleisch. Hühnchen?). Er behält die Kapuze von seinem verdreckten Hoodie tief ins Gesicht gezogen. Sein Name ist Osama, 21. Er kommt aus Marokko und ist mit einem Migrantenboot nach Spanien übergesetzt, ohne wintertaugliche Kleidung.
Es gibt noch viele Stationen in Palma, an denen heute Abend Obdachlose auf die Ehrenamtlichen von Proyecto Encuentro warten. Die Argentinierin Flor, 51, Sozialarbeiterin, hat die gemeinnützige Stiftung zusammen mit ihrem Mann Gumersindo Cornejo, einem in Madrid geborenen Guardia Civil, ins Leben gerufen. Jeden Dienstag treffen sie sich auf der Plaça Patins mit ihrem Team aus Freiwilligen und schwärmen von dort zu den rund 150 Obdachlosen aus, mit denen sie Kontakt haben. Sie verteilen Essen, das sie vorher zu Hause zubereiten, gespendete Kleidung und Decken. „Meine Eltern waren wohlhabend, und schon als Kind habe ich mit meiner Mutter zusammen Essenspakete für mittellose Familien gepackt. Was bleibt uns als Mensch, wenn wir einander nicht helfen?“, sagt Flor. „Für uns ist es selbstverständlich zu teilen, was wir haben.“
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