Ganz ohne Megapark: Wie die Playa de Palma 2025 eigentlich aussehen sollte
Vor 15 Jahren beschäftigten sich Experten mit einer ehrgeizigen Neugestaltung der Playa de Palma. Obwohl die Gelder bewilligt und alle Parteien dafür waren, verpuffte das Projekt. Eine vertane Chance oder die falsche Strategie?

So sollte die Playa de Palma 2025 aussehen: Eine Straßenbahn, viel Grün und ein familienfreundliches Umfeld. / West 8
„Wir schreiben das Jahr 2025. Wir steigen in die moderne Straßenbahn ein, die Palma und den Strand verbindet. Schon auf den ersten Blick bemerken wir etwas: die Leute. Für Besucher im Jahr 2010 steht die Playa de Palma für einen bestimmten Typ Tourismus, mit vielen jungen Urlaubern, die Party machen wollen. Es sind Besucher mit niedrigen Einkommen, die außer Strand und Disco nichts weiter interessiert. 2025 hingegen sind es nicht mehr nur Deutsche, sondern auch Spanier und Franzosen, Italiener oder Niederländer (...) Sie sind älter, gehören mittleren und gehobenen Einkommensschichten an, und schon ihr Aussehen zeigt, dass sie nicht nur wegen des Bieres und der Sonnenschirme hier sind. Sie sehen anspruchsvoll aus und interessiert an dem Ort, an dem sie sich befinden.“
Die Beschreibung der Playa de Palma im Jahr 2025 stammt aus dem 2010 veröffentlichten Projekt „Platja de Palma. Hacie el turismo del Siglo XXI“. Es sollte die in die Jahre gekommene Urlauberhochburg vom Grund auf revolutionieren. Versuche, die Playa de Palma umzugestalten, hatte es in den Jahrzehnten zuvor immer wieder gegeben, dieser aber sollte der ganz große Wurf sein. Mittlerweile sind wir in 2025 angekommen. An dem kilometerlangen Strandabschnitt werkeln wieder die Bauarbeiter. Gleichzeitig tüfteln Architekten in Barcelona an einem Plan, den Strand wieder zu renaturieren. Von einer Straßenbahn oder den zahlreich projizierten Grünflächen ist die Playa aber noch sehr weit entfernt. Was ist aus den hochtrabenden Plänen von damals geworden? Wie hat sich die Urlauberhochburg entwickelt?
„Tourismus des 21. Jahrhunderts“
Ins Leben gerufen hatte das Projekt für den „Tourismus des 21. Jahrhunderts“ 2009 der damalige Staatssekretär für Tourismus, der Mallorquiner Joan Mesquida. Die Leitung übertrug er seiner sozialistischen Parteifreundin Margarita Nájera, der ehemaligen Bürgermeisterin von Calvià (1991–2003) und damaligen Arbeitsministerin. „Auf den Kanaren, an der Costa del Sol und eben der Playa de Palma sollten die reifen Urlauberhochburgen in vorbildliche Tourismusdestinationen umgewandelt werden“, erinnert sich Nájera heute im Gespräch mit der MZ. „Ich stellte eine Bedingung: Ich suche mir mein Team aus. Madrid war einverstanden, machte keine weiteren Vorgaben. Ich hatte praktisch einen Freifahrtschein.“

Nájera auf einer Archivaufnahme von 2011. / DM
Nájera scharte die „größten Experten in Sachen Nachhaltigkeit, Klimawandel und Tourismus“ um sich. Da war unter anderem das international renommierte niederländische Architekturbüro West 8. „Sie hatte der vorherige balearische Ministerpräsident Jaume Matas schon engagiert – gute Leute. Ich beschloss, mit ihnen weiterzuarbeiten.“ Hinzu kam eine auf Tourismus spezialisierte katalanische Consultingfirma namens THR. „Ich hatte sie schon für Calvià engagieren wollen, konnte mir das aber nicht leisten. Es sind Strategen, die noch heute mehrere deutsche Bundesländer beraten.“
Nach einem Jahr stand das fertige Projekt. „Ich habe täglich zwölf Stunden daran gearbeitet“, sagt die damalige Chefin. 500 Millionen Euro sollte die Umgestaltung kosten, die Hälfte davon sollte das eigens dafür geschaffene Consorci Platja Palma aufbringen. Das war ein Zusammenschluss der Zentralregierung in Madrid, der Balearen-Regierung, des Inselrats und der Rathäuser Palma sowie Llucmajor. Nájera saß dem Konsortium vor. Die restlichen 250 Millionen Euro sollten aus privater Hand kommen. „Von Hoteliers, Geschäftsinhabern oder Anwohnern, die dafür mitunter Steuererleichterungen bekamen“, sagt Nájera.
Die sieben Strategien der Playa de Palma 2025
Bei der Umgestaltung der Playa ging es in erster Linie gar nicht mal um den Sauftourismus. Das wäre ein positiver Nebeneffekt gewesen, meint Nájera und lässt ihre damaligen Gedankengänge noch einmal Revue passieren: „Wie löse ich das Problem? Ich mache die Gegend attraktiver, werte sie auf, schaffe Alternativen. Schritt für Schritt verschwinden dann auch die Saufurlauber.“ Den Megapark hätte es dann 2025 gar nicht mehr gegeben. „Einfach, weil er im Weg war. Der Plan sah vor, ihn aufzukaufen, abzureißen und Grünflächen anzulegen.“ Besser sah es für den Bierkönig aus. „Die Schinkenstraße war für mich keine so große Baustelle.“
Leitmotiv war die Entwicklung zu einem klimaneutralen Urlaubsgebiet. Das Projekt beinhaltete sieben Strategien: 1. Ein integraler Umbau der Gegend. 2. Die Playa de Palma als Marktführer im Mittelmeerraum etablieren. 3. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Angestellten und Einwohner zu verbessern. 4. Den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. 5. Sich dem Klimawandel anzupassen und die Naturräume zu beschützen. 6. Sich der Digitalisierung öffnen. 7. Ein institutionelles Abkommen, bei dem alle an einem Strang ziehen.
Spanische Tourismusindustrie hing von dem Projekt ab
Die Notwendigkeit eines Wandels wird in den Projektbeschreibungen ausführlich erklärt. „Reiseanbieter geben der Playa de Palma unter den derzeitigen Bedingungen eine Überlebens-chance von 30 Prozent“, lässt sich darin der THR-Chef Eulogio Bordas zitieren. „50 Prozent der spanischen Tourismusindustrie hängen vom Erfolg des Projekts ab. Es geht um verdammt viel.“ Gelinge der Umbau nicht, werde der Wohlstand abnehmen.
Und so sollte die Umgestaltung auch zu einem Wandel der Playa-Urlauber führen. „Sie geben dann 158 Euro am Tag aus statt wie derzeit 65 Euro“, heißt es in der Präsentation. Ihr Geld sollten sie dann an einer viel abwechslungsreicheren Playa de Palma ausgeben: „In Can Pastilla finden wir ein mediterranes Dorf vor, in Sometimes ein Lifestyle-Center, das auf Gesundheit ausgerichtet ist. Las Maravillas fungiert als Ausgehviertel und Arenal kehrt zu seinem Ursprung als Fischerdorf zurück.“ Für die Urlauber sollten neue Attraktionen entstehen: ein Mittelmeermuseum, eine Veranstaltungshalle oder das ökologischste Hotel der Welt.
Was geschah letztlich?
Das Hotel Cupido, heute Iberostar Waves, ist das einzige Überbleibsel dieses Plans. „Es gehörte damals zur Hälfte Tui und zur Hälfte Iberostar. Die Mallorquiner haben nicht verstanden, was wir von ihnen wollten. Die Deutschen waren direkt einverstanden und schickten Architekten“, erinnert sich Nájera. Das „schreckliche und heruntergekommene“ Gästehaus sollte in ein klimaneutrales Hotel umgebaut werden. „Wir zahlten die Studie, Tui den Umbau. Der externe Energiebedarf sank auf 25 Prozent. Wir hätten 0 geschafft, aber Tui wollte die Küche nicht renovieren.“ Im Anschluss setzte die Projektleiterin zehn Architektenteams auf je einen Häuserblock an der Playa de Palma an. 180 Gebäude sollten saniert und nachhaltig gestaltet werden.
Doch dann ging Nájera die Zeit aus. Sie habe gewusst, dass ein derartiges Projekt nicht in einer Legislaturperiode zu bewältigen ist, sagt sie. Schon frühzeitig habe sie deswegen den Kontakt zur konservativen Volkspartei (PP) gesucht. „Ich kann mich heute noch an den Tag erinnern. Das war wenige Stunden vor dem WM-Spiel Spanien gegen Schweiz 2010 in Südafrika. Ich saß mit 15 bis 20 Personen in einem Raum – die ganz großen Tiere der PP. Sie waren einverstanden.“ 2011 gewannen die Konservativen die Wahlen – und waren sich bezüglich der Playa de Palma dann doch nicht einig.
Nájera trat von ihrem Posten zurück und der PP-Stadtrat Álvaro Gijón übernahm. „Die Arbeit war gemacht, das Geld stellte kein Problem dar. Dennoch ließ Gijón das Projekt sterben“, sagt die heute 70-jährige Nájera. Sie weine ihren Plänen nicht nach, die Tränen in ihren Augen aber sprechen eine andere Sprache. „Mein Projekt wird noch heute als Referenz von vielen Gemeinden herangezogen“, sagt sie. Sie selbst trat seitdem nie wieder in der Inselpolitik in Erscheinung.
Statt auf den ganz großen Wurf setzte die PP fortan auf die Hoteliers. Im Gegenzug für die Aufwertung ihrer Hotels durften sie die Zahl an Gästebetten aufstocken. Der 2015 verabschiedete neue Masterplan für die Playa de Palma war für zehn Jahre ausgelegt – wieder landen wir im Jahr 2025. Für 104 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen sollten 60 Prozent der Hotels mindestens vier Sterne haben. 2016 folgte die private Initiative Palma Beach, in der sich Gastronomen, Gewerbetreibende und Hoteliers zusammenschlossen, um die Playa weiter aufzuwerten.
Wie es heute aussieht

Promenade (11).JPG / Nele Bendgens
Der Plan, die Aufwertung der Playa de Palma der Privatwirtschaft zu überlassen, ist in mancher Hinsicht aufgegangen. Der örtliche Hotelierverband beziffert zum Jahresende 2024 den Anteil der Vier- und Fünf-Sterne-Hotels gegenüber der MZ auf 58 Prozent. Auch die Gastronomie zieht nach: Entlang der Promenade eröffnen immer mehr hochpreisige Lokale. Zudem engagiert sich die seit 2023 erneut von der PP gesteuerte öffentliche Verwaltung wieder verstärkt um die Infrastruktur. Seit gut einem Jahr lässt das Rathaus Palma die Kanalisation und die Beleuchtung an der Playa erneuern. Auch das nun teilweise abgetragene, von den Urlauber so geschätzte Mäuerchen soll dann bis zu dem vorgesehenen Ende der Arbeiten im Dezember 2025 wieder aufgebaut sein.
Ein Architekturbüro in Barcelona erarbeitet indes einen Plan zur Renaturierung der Playa. Im Februar ist mit einem ersten Entwurf zu rechnen. So weit möglich, sollen Dünen- und Feuchtgebiete aufgestockt oder geschützt werden. Das Projekt erinnert an Nájeras Plan, ist aber längst nicht so allumfassend. „Niemand hat die Nachhaltigkeit im Kopf oder arbeitet an einer Energiewende. Dabei steht die Lösung in meinem Projektvorschlag“, sagt sie. Nájera verweist zudem auf den Einsturz der Terrasse des Medusa Bleach Club im Mai und den desolaten Zustand vieler Gebäude in Arenal – eine Baufälligkeit, die ihr Plan für die Playa de Palma angehen wollte. „Wir lassen Häuser einstürzen und Menschen sterben. In was für einem Land leben wir denn?“, empört sie sich.
Brigitte RohmStoppen oder durchziehen? Die Krux bei Großprojekten wie Stuttgart 21 oder einer ganz neuen "Playa25"
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