Zauber hautnah: Wie die Könige es schaffen, die Geschenke in Cala Ratjada persönlich vorbeizubringen
Die Heiligen Drei Könige kommen – und mit ihnen die Geschenke. In Capdepera und Cala Ratjada machen die Weisen sogar Hausbesuche. Das setzt viel Planung, eifrige Helfer und jede Menge Magie voraus

Balthasars Helfer zeigt einem Kind in Capdepera, wo der Wunschzettel eingeworfen werden muss. / Sophie Mono
„¿Te has portado bien?“ – warst du brav? Das kleine Mädchen mit den braunen Zöpfen nickt schüchtern, fast verängstigt, und hält dann dem Fragensteller – einem seltsam gekleideten Mann mit Pluderhosen, Turban und Umhang – einen Brief hin. „Ich werde ihn den Königen überbringen. Wirf ihn ruhig hier rein“, sagt der Mann und deutet auf einen gelben Briefkasten neben sich. „Reis“ steht dort in schwarzen Lettern auf gelbem Grund über einer aufgemalten Krone. Könige. Das Mädchen reckt sich ein wenig, dann ist der Wunschzettel auch schon im Schlitz verschwunden. „Nun musst du dich noch ein paar Tage gedulden. Nimm diese Bonbons“, sagt der Mann – und schafft es, doch noch ein Lächeln auf das Gesicht des Kindes zu zaubern.
Es ist Samstagmorgen (28.12.) und auf dem Vorplatz der Sporthalle in Capdepera ist viel los. Die „Pajes Reales“ sind da: drei getreue Helfer der Heiligen Drei Könige. Sie sammeln die Wunschzettel der kleinsten Bewohner ein. Denn in Spanien ist Heiligabend nur ein Warm-up für den Königstag. Die ganz große Bescherung findet am 6. Januar statt, Protagonisten sind dann die „Reis mags d’Orient“.
Pferd, Gefolge und Radau
In der Gemeinde im Inselosten haben die Pagen im Vorfeld besonders viel zu tun. Denn anders als in den Städten und manch anderen Dörfern der Insel legen die Könige die Geschenke am 6. Januar in Capdepera und den zugehörigen Orten Cala Ratjada, Cala Mesquida, Canyamel und Font de Sa Cala nicht einfach nur heimlich unterm Tannenbaum ab, sondern bringen sie persönlich bei jedem Kind an der Haustür vorbei. Mit Pferd, Gefolge und viel Radau. Bei knapp 13.000 Bewohnern ist das ein logistisches Meisterwerk, das die drei Könige trotz der magischen Kräfte, die ihnen hierzulande zugeschrieben werden, unmöglich alleine bewältigen können.
Gut, dass es die pajes gibt, die fast ebenso vornehm aussehen wie ihre Majestäten und nicht nur bei den Umzügen, den cabalgatas, sondern auch beim Geschenkeverteilen mitanpacken. Und eben beim Wunschzetteleinsammeln. Kaum der Rede wert, dass darüber hinaus in Capdepera auch noch eine „Comissió dels Reis“ existiert. Eine Gruppe von knapp zwei Dutzend Bürgern, die zwar nicht aus dem Morgenland angereist kommen und auch nicht zaubern können, dafür aber gut darin sind, Geschenke- und Adresslisten zu führen, Routen auszuarbeiten, Zeitpläne zu erstellen und dafür zu sorgen, dass niemand in der Gemeinde, der sein Geschenk persönlich von den Königen nach Hause gebracht bekommen will, leer ausgeht. Auch Erwachsene nicht. „Jeder, der sich an uns wendet, bekommt sein Geschenk, egal, wie alt er oder sie ist“, verrät eine der Helferinnen. Namentlich genannt werden will niemand der fleißigen Organisatoren. Die Hauptpersonen seien schließlich die Reyes Magos selbst.
Seit rund 40 Jahren machen die Könige bereits Hausbesuche in Capdepera. Dass die finanziellen Zuschüsse vom Rathaus, die die Kommission erhält, minimal sind, ist bekannt. Maximal ist dafür das Engagement der Ehrenamtler. Schon lange, bevor in den spanischen Haushalten Anfang Dezember die typischen Plastik-Tannenbäume aufgestellt werden, sind die fleißigen Helfer dabei, den vorweihnachtlichen Besuch der pajes in den Grundschulen, die Wunschzettelaktion zwischen den Jahren, die Umzüge am Vorabend des Königstags und eben die Geschenkeausgabe zu planen.
Auch magische Könige brauchen profane Dinge
Allein bei der Beschaffung der Geschenke, so munkelt man, sollen die Mamas und Papas im Dorf ebenfalls von Bedeutung sein – neben ganz viel Magie natürlich. Und auch einige ansässige Firmen tragen dazu bei, die Bescherung perfekt zu machen. Selbst Könige aus dem Morgenland brauchen für ihren Tür-zuTür-Geschenke-Service nun einmal profane Dinge wie Lastwagen, Benzin, Pferde, Lagerräume und einen Sicherheitsdienst, der die Geschenkemassen über Nacht bewacht.
Und in Cala Ratjada natürlich auch ein Schiff, mit dem sie am Abend des 5. Januar normalerweise– ähnlich wie in Palma – unter dem Jubel Hunderter Kinder und mit einer spektakulären Soundshow im Hafen einlaufen. Über ihnen die leuchtende Sternschnuppe, die ihnen den Weg weist, in den Taschen die Bonbons, die sie später beim Umzug durchs Dorf in die Menge werfen. Kurz gesagt: verdammt viel Organisationsaufwand!
Nicht zu vergessen: die Kamele
Die Kinder selbst müssen, wie überall im Land, natürlich nicht viel machen, vom Bravsein und Wunschzettelschreiben einmal abgesehen. Empfohlen wird allenfalls, vor dem Zubettgehen am 5. Januar eine Schale Wasser und Bohnen, Gras oder Nüsse auf die Fensterbank oder vor die Tür zu stellen – für die Kamele der magischen Könige, die des Nachts vor dem großen Tag schon einmal die Umgebung auskundschaften.
Wie viele Geschenke es sind, die Caspar, Melchior und Balthasar am 6. Januar in der Gemeinde Capdepera überbringen, will keiner so genau wissen. Auch hier halten sich die Kommissionsmitglieder bedeckt. „Wichtig ist doch, dass der Zauber weiter geht, Jahr für Jahr. So, wie wir ihn als Kind schon erlebt haben“, sagt einer der Helfer hinter vorgehaltener Hand. Ein Zauber, der auf Mallorca deutlich mehr Eindruck schindet, als es der Weihnachtsmann und das Christkind vermögen.
Spektakel in der Großstadt
Auch wo die Könige nicht von Haus zu Haus ziehen, sind die Reyes Magos das Highlight der Weihnachtszeit. Die Parade der Heiligen Drei Könige in Palma zieht Tausende Menschen an und hat sich längst zu einem aufwendigen und vielfältigen Spektakel entwickelt, an dem neben Ihren Majestäten auch zahlreiche Fantasiewesen teilnehmen. In anderen Orten wie beispielsweise Artà überreichen Caspar, Melchior und Balthasar die individuellen Geschenke am 6. Januar persönlich an die Kinder – wenn auch auf einem Platz und nicht an der Haustür.
„Ich glaube, ich bekomme den Roller“, raunt das Mädchen mit den braunen Zöpfe ihrer Mutter zu, als sie dem paje vor Capdeperas Sporthalle den Rücken zuwendet und an dem königlichen Briefkasten vorbeigeht, in dem ihr Wunschzettel verschwunden ist. Die anfängliche Skepsis ist nun gänzlich aus ihrem Gesicht verschwunden – und Vorfreude gewichen. „Die Könige sind lieb“, sagt sie.
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