Wurmloch, Zeitkapsel, verwunschene Orte - was steckt hinter den Erdlöchern auf Mallorca?
Avencs können mehrere Hundert Meter in die Tiefe reichen. Die Schachthöhlen auf der Insel sind Ziel kühner Expeditionen und märchenhafte Orte

Im 167 Meter tiefen Avenc Fonda. / Rafael Minguillón
„Dieser Berg ist hohl“, beginnt die Legende. „In seinem Inneren steht ein großer verzauberter Palast mit großen Sälen und Säulen aus farbigem Marmor und Brunnen mit sprudelndem Wasser und einem nachtschwarzen Loch, in das die Vorwitzigen gesteckt werden. Da wohnen sieben Feen und bewachen den Schatz. An sonnigen Tagen und in hellen Mondnächten schlafen sie. Mindestens eine aber ist immer wach und passt auf. Wenn es gewittert, bei Donner und Blitz, feiern sie große Feste mit Musik und Tanz, rauschende Bällen und Festessen, und es fehlt nicht an den feinsten Speisen und Getränken.“
Der legendäre Ort lässt sich nicht so einfach aufsuchen: Der Avenc de Son Pou zwischen Santa Maria und Orient, den die gleichnamige, vom Historiker Josep Capó i Juan dokumentierte rondalla zum Thema hat, ist seit Jahren für die Allgemeinheit gesperrt. Die Schachthöhle – so die etwas banal klingende deutsche Übersetzung für die bis zu mehrere Hundert Meter tiefen Erdlöcher auf Mallorca – steht als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet unter Naturschutz. Unter anderem Fledermäuse finden hier Zuflucht. Einst war der Saal im Berginneren durch ein oberes Einstiegsloch erkundet worden. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein Zugangstunnel, um Taubenexkremente abzubauen und damit Lehmziegel herzustellen. Dann aber lockte die Atmosphäre im Halbdunkel auch Dichter und Schriftsteller, schließlich die Ausflügler an.
Abseits der Wege
Der Avenc de Son Pou mag die bekannteste Schachthöhle Mallorcas sein, es gibt aber zahlreiche mehr – größere, tiefere, spektakulärere. Der Höhlenforscher Rafael Minguillón, der geologische Formationen erforscht und dokumentiert, spricht von knapp drei Dutzend bedeutenderen avencs auf der Insel, zu finden vor allem in den Gemeindegebieten Escorca und Pollença. Aber wer sich in die Karte von Open Street Map hineinzoomt, findet auch andernorts jede Menge markierte Standorte, etwa im Gebiet von Na Burguesa (Calvià). Sie liegen meist abseits der Wege. Deswegen sei es in der Regel schwierig, versehentlich hineinzustürzen, meint Minguillón. „Einige sind auch geschützt, eingezäunt oder abgesperrt, weil es mal ein Unglück gab, den Sturz von Tieren oder eines verirrten Ausflüglers.“

Nichts für Menschen mit Platzangst: Abstieg in der Sima del Silencio. / Rafael Minguillón
Avencs – auf Spanisch simas – gibt es nicht nur auf Mallorca, sondern auch andernorts in kalkhaltigem Gestein. Entstanden sind die senkrechten oder steil abfallenden Schächte, die zu den Hohlräumen im Erdinneren führen, durch karstige Erosionsprozesse oder auch den Einsturz des Deckenmaterials, wodurch Wasser in tiefere Schichten sickerte. Je nach Gebiet heißen die Löcher in der Erde unterschiedlich, im Französischen aven, im Chinesischen tiānkēng („Himmelsgrube“), im Deutschen streng genommen Tageslichtschacht, Einsturzdoline oder etwa Kamin, wenn der Schacht von unten entdeckt wird.
„Das Adrenalin schießt besonders dann nach oben, wenn man eine sima zum ersten Mal erkundet“, erklärt Minguillón die Faszination im Vergleich zum Einstieg in eine konventionelle Höhle. „Man braucht in der Regel mehr Selbstdisziplin, logisches Denken, körperliche und mentale Stärke, Erfahrung.“ Dazu gehöre, in der Umgebung lesen zu können. Wie lässt sich der Abstieg in den schwarzen, feuchten Abgrund durch knappbemessene Engstellen und zwischen oft scharfkantigen Felsen hindurch aufteilen? Wo lässt sich „umsteigen“? In welchen Abschnitten des Abstiegs und Aufstiegs braucht es 20 Meter Seil, in welchen 40, 60 oder gar 100 Meter?
Im „Abgrund der Stille“
So der Fall in der Sima del Silencio. Den Eingang zu dem 230 Meter tiefen „Abgrund der Stille“, der sich just am Gipfel des Puig de Tossals Verds befindet, hatte Minguillón Mitte der 1990er-Jahre bei einem Ausflug entdeckt. „Ich warf einen Stein ins Loch hinab und kam beim Zählen auf eine geschätzte Tiefe von zehn Metern.“ Erst bei der Erforschung in den folgenden Jahren wurden die Ausmaße klar. Auf den Namen für die sima sei er gekommen, während er sich im längsten, mehr als 150 Meter langen Schacht abseilte: „Es ist, als ob dich in dieser absoluten Dunkelheit und schwermütigen Stille eine unheimliche Kraft auf den Grund hinabziehen will.“

Querschnitt der Sima del Silencio. Die Schachthöhle führt vom Puig de Tossals Verds 230 Meter in die Tiefe. / Minguillón/ Luque/Schenk
Der 56-Jährige, der sich von klein auf für Höhlen begeisterte und im Laufe der Jahre Kurs um Kurs in Speläologie, Orientierung, Topografie bis hin zum Tauchlehrerschein absolvierte, war auch Pionier bei der Erforschung der Cova de sa Campana. Der avenc bei Sa Calobra ist zwar seit den 1950ern bekannt. Bis zu seiner wahren Tiefe war aber noch niemand vorgedrungen. Als Minguillón ab 2013 die Kartografie der Höhle aktualisierte, fand er zusammen mit der Forscherin Pilar García neue Hohlräume und schließlich, nach 304 Metern Abstieg, den tiefstgelegenen See Mallorcas. Ein Tauchgang dort unten ergab eine Wassertiefe von 35 Metern. Die Cova de sa Campana ist seit dieser international für Schlagzeilen sorgenden Expedition nun offiziell 358 Meter tief.

In der Cova de sa Campana befindet sich der tiefstgelegene See der Insel mit einer Wassertiefe von 35 Metern. / Rafael Minguillón
Viele avencs sind Orte, die im Gegensatz zu touristisch erschlossenen Höhlen Mallorcas wie der Cova del Drach nur wenige, erfahrene und mutige Forscher erleben, vom Forat dels Amics (wörtlich „Loch der Freunde“, 183 Meter Tiefe) über den Avenc des Gel („Eishöhle“, 148 Meter Tiefe) bis hin zum Avenc de s’Aigo („Wasserhöhle“, 136 Meter Tiefe): „Beim Abstieg im immensen Hauptschacht fühlt man sich wie ein Staubkorn in der Luft“, sagt Minguillón.
Die letzte Ruhe
Und im Gegensatz zu konventionellen Höhlen, die als Unterschlupf, Lager oder vielerorts an Mallorcas Küste als Versteck für Schmuggelware dienten, ließen sich die avencs wegen ihres vertikalen Zugangs auch nur bedingt zunutze machen. Zuweilen dienten sie dazu, tote Tiere zu entsorgen, waren Wasserreservoir oder Basis für eine casa de neu, in der aus gepresstem Schnee Eis hergestellt wurde. Es fanden sich aber auch menschliche Spuren: Im Avenc de la Punta (Pollença) wurde Ende der 1960er-Jahre eine talaiotische Bestattungsstätte mit mehreren Dutzend Toten entdeckt. In knapp 20 Metern Tiefe ruhten diese in Holzsärgen in Stierform, wohl Ausdruck des hohen gesellschaftlichen Rangs der so Bestatteten.
Darüber hinaus ist so mancher avenc aber auch eine Art Zeitkapsel für wirbellose Tiere, die noch aus dem Tertiär vor mehr als 2,6 Millionen Jahren stammen und in einer Umgebung überleben konnten, in der Feuchtigkeit und Temperatur trotz der klimatischen Veränderungen konstant blieben. Es sind endemische Insekten, die ausschließlich in Höhlen leben und so wenig bekannt sind, dass sie nur wissenschaftliche Namen haben, so etwa die Käferarten Henrotius jordai und Duvalius ferreresi oder der endemische Gliederfüßler Diplura plusiocampa fages, alle entdeckt in der Cova de Can Sion (ebenfalls Pollença).
Auch wenn die Höhlenforscher den avencs inzwischen auf den Grund gegangen sind, schließt Minguillón weitere Entdeckungen nicht aus. Schließlich habe auch niemand mit einem See am Grund der bereits reichlich erforschten Cova de sa Campana gerechnet. Nach 35 Jahren Feldforschung, die Minguillón ausführlich auf seiner Website dokumentiert hat (bttersmallorca.com). konzentriert er sich auf die detaillierte Ausarbeitung und systematische Vervollständigung der topografischen Daten und bereitet ihre Veröffentlichung vor – hier gebe es noch eine Lücke zu füllen.
Magisch und verwunschen
Noch ist also Raum für Fantasie, Märchen und Legenden. Die inseleigenen Elemente der Karstlandschaft, insbesondere die avencs spielen – ähnlich wie in den Märchen der Gebrüder Grimm der deutsche Wald –, eine zentrale Rolle in den rondalles, wie eine Studie von Lluís Gómez-Pujol und Maria Roig López ergeben hat: Von 427 Märchen in der Sammlung von Sprachwissenschaftler Antoni Maria Alcover ist das immerhin bei 63 der Fall. Die geologischen Formationen sind hier von magischer Natur, Versteck für Diebe, Kerker von Edelfrauen oder Domizil mythologischer Tiere.
Da war zum Beispiel die Hexe, die aus Neid auf die schöne Sklavin des Gutsherrn das gesamte Wasser seines Landguts im Avenc de Femenia verschwinden ließ. Das 120 Meter tiefe Erdloch, das sich im Gemeindegebiet Escorca auftut und wie das äußere Ende eines Wurmlochs wirkt, lässt im Gegensatz zu anderen Schachthöhlen seine Dimensionen schon von außen erahnen. Kein Wunder, dass der avenc im Volksmund zu einem Ort wurde, an den man seine ärgsten Feinde wünscht: Wer zur Mittagszeit in ihn stürzt, heißt es, der ist auch abends noch nicht unten angekommen.
Abonnieren, um zu lesen
- Neue Regeln für Powerbanks bei Lufthansa und Eurowings: Das müssen Mallorca-Reisende wissen
- Sonderwarnung vom Wetterdienst: So ungemütlich wird es jetzt auf Mallorca
- Angespülte Leiche an einem Strand im Nordosten von Mallorca entdeckt
- Er will ein Stadthaus in Artà sanieren: Hamburger wartet seit 2024 auf die Baugenehmigung
- Bauingenieur-Kammer warnt vor Krise bei Luxusimmobilien auf Mallorca
- Wo gesetzlich versicherte Urlauber aus Deutschland auf Mallorca zum Arzt gehen können
- Haustierbetrug und Sklaverei: Guardia Civil befreit Rentner aus Fängen krimineller Bande
- Trauerfeier in Madrid: Die spanische Königsfamilie gedenkt Irene von Griechenland
