Ekstase zu Sant Antoni: Wie ein verstaubtes Volksfest in Manacor bei jungen Leuten zum Hype wurde
Seit Damià Bauçà 1994 die Rolle des Sant Antoni in Manacor übernahm, ist das Fest zu einem Massenevent geworden. Jetzt hört der 73-Jährige auf. Hausbesuch bei einer lokalen Berühmtheit

Der große Held des Tages: Wenn Sant Antoni am 16. und 17. Januar durch Manacors Straßen zieht, verfallen die Bewohner in kollektive Ekstase. | FOTO: B. RAMÓN
Schon an der Tür von Damià Bauçàs Wohnhaus begrüßt eine Miniaturausgabe des weißbärtigen Heiligen jeden, der eintritt. Nein, nicht der Nikolaus oder der Weihnachtsmann, sondern der Heilige Antonius. Braune Kapuze, Franziskanerkreuz um den Hals – so kennt man Sant Antoni, jenen Heiligen, der auf Mallorca die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sobald die Heiligen Drei Könige wieder gen Morgenland davongetrabt sind.
30 Jahre hinter der Maske
Auch Damià Bauçà pflegte sich die braune Kutte überzuwerfen, wenn der Patronatstag des Schutzheiligen der Tiere am 17. Januar naht. Rund 30 Jahre lang stellte er in seiner Heimatstadt Manacor – einer der Sant-Antoni-Hochburgen auf der Insel – den Protagonisten dar. Gut versteckt unter einer Maske zwar. „Aber jeder weiß, dass ich es bin, das ist ein offenes Geheimnis“, sagt Bauçà.
Es ist gemütlich in dem Stadthaus, in dem der 73-Jährige mit seiner Frau Isabel wohnt. Ein Feuer flackert im Ofen, die Wände im Wohnzimmer sind mit alten Fotos behangen. Eines zeigt die vier Enkelkinder im Sant-Antoni-Outfit, ein anderes den ältesten Sohn des Ehepaars auf einem Esel der Familie. Es ist der Esel, auf dessen Rücken Bauçà jahrelang zu den beneïdes, den typischen Tiersegnungen am 17. Januar, durch die Stadt ritt. Doch Bauçà wird in diesem Jahr erstmals nach so langer Zeit nicht mehr in Kutte und Maske schlüpfen.

Vorübergehend umzingelt: Sant Antoni und die Teufel im Rathaus von Manacor / B. Ramón
Anstrengende Aufgabe
„Nicht dass ich nicht will. Aber ich kann es einfach nicht mehr“, sagt der 73-Jährige. Nicht die Teufel – auf Mallorquinisch: dimoni – sind es, die ihn in die Knie zwingen. Die besiegte er in seiner Rolle als Heiliger jedes Jahr aufs Neue. Aus den symbolischen Tänzen und Kämpfen am 16. Januar ging Damià Bauçà stets als Gewinner hervor. Es ist die Gesundheit, die ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Bauçà wirkt angeschlagen, in den kommenden Wochen steht eine kleine Operation an. „Halb so schlimm“, betont er. Doch um die Rolle des Heiligen Antonius gut zu spielen, müsse man fit sein. „Was da auf einen zukommt, ist nicht ohne“, betont Damià Bauçà.
Der Sant Antoni von Manacor ist am 16. Januar von mittags bis tief in die Nacht unterwegs, duelliert sich unter dem Jubel Tausender Anwohner mehrmals mit seinen Gegenspielern – in Manacor mit dem dimoni gros und zwei dimonis petits – und zieht mit ihnen durch Straßen, Bars und Wohnhäuser. Auch bei den abendlichen Freudenfeuern (foguerons), die an jeder Straßenecke entfacht werden, ist er mit dabei. „Und nach wenigen Stunden Schlaf geht es am 17. morgens weiter“, sagt Damià Bauçà. Dann kann jeder Anwohner seine Tiere zum Segnen vor die Kirche bringen – und mit dem Heiligen Antonius seinen Sieg über das Böse und dessen Versuchungen feiern.
Totaler Sant-Antoni-Hype
Selbst Bauçà ist jedes Jahr aufs Neue erstaunt darüber, wie populär das Fest in seiner Heimatstadt mittlerweile ist. Zu Sant Antoni herrscht in Manacor – ähnlich wie in anderen Orten im Inselosten und der Inselmitte – Ausnahmezustand. Kaum ein Anwohner, der nicht zu Jeans und dunklem Oberteil das obligatorische rote Halstuch trägt, kaum eine Bar, aus der nicht die rauen Ximbomba-Klänge ertönen – der typische Sound der Feiern. Anderthalb Tage lang befindet sich der Ort in kollektiver Ekstase.
„Früher war das ganz anders“, erinnert sich Bauçà. 1991 übernahm er zum ersten Mal die Rolle eines der Protagonisten, damals des dimoni gros. „Das wollte sonst niemand machen. Heute reißen sich die Leute darum“, sagt Damià Bauçà. Damals habe das Fest nur die Älteren angezogen. „Nicht einmal die Straßen wurden abgesperrt, wenn wir umherzogen. Wir mussten den Autos ausweichen. Die Jugend hat sich kaum dafür interessiert, was zu Sant Antoni passierte, und foguerons gab es auch nur sehr wenige.“
Keine Angst mehr vor den Teufeln
Heute stehen die jungen Leute in der ersten Reihe, wenn es darum geht, inbrünstig die „Tonada de Sant Antoni“ zu singen. Schon unter den Vorschulkindern herrscht ein regelrechter Sant-Antoni-Hype, der sich durch alle Generationen weiterzieht. „Der Wandel setzte etwa Ende der 90er-Jahre ein, da wurde die Feier mit jedem Jahr populärer“, berichtet Bauçà. Er selbst gab die Rolle des dimoni gros 1994 an einen Cousin zweiten Grades weiter – Toni Puigrós, der bis heute die Rolle des großen Teufels spielt – und schlüpfte in die Rolle des Antonius. „Ich bin quasi zum Heiligen aufgestiegen“, sagt Bauçà grinsend. „Obwohl die Kinder heute natürlich viel mehr den Teufeln hinterhereifern als Sant Antoni.“ Tatsächlich haben die Leibhaftigen, die der Erzählung nach den frommen Antonius in Versuchung führen wollten, inselweit Popstar-Status.

Mimte 30 Jahre lang den Heiligen Antonius: Damià Bauçà / Sophie Mono
Wieder so etwas, das sich geändert hat. Vor knapp 70 Jahren, als er selbst noch ein kleines Kind war, habe man sich gemeinhin vor den dimonis gefürchtet, weiß Damià Bauçà. „Hier in Manacor teilten sie keine Schläge aus wie in einigen anderen Orten. Aber ich erinnere mich, dass ich mit vier Jahren auf den Armen meines Vaters einem Teufel begegnet bin, und Angst hatte. Immer, wenn wir unartig waren oder Mist gebaut hatten, drohte man uns: ‚Dann kommt der Teufel und bestraft dich.‘ “
Kaum noch Platz für die Senioren
Zudem lag das Hauptaugenmerk damals nicht auf den Freudenfeuern am Vorabend, sondern auf den volkstümlich gestalteten Wagen (carrosses), die noch immer am 17. durch die Stadt rollen. Wobei sich nicht nur die Feier gewandelt habe, sondern auch die Stadt selbst: „Als ich klein war, war Manacor ein Drittel von dem, was es jetzt ist. Wir lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft. Es war ein Dorf, und die Feier ging von der Kirche aus. Das Patronat, also das Organisationskomitee, das heute alles plant, bildete sich erst viel später, in den 70er-Jahren.“
Natürlich sei es ein schönes Gefühl, dass die Feier heute alle Generationen vereine und eine Tradition, die in Manacor schon Ende des 19. Jahrhunderts gelebt wurde, weitergetragen wird. „Wir haben es geschafft, uns den jungen Leuten anzunähern“, sagt Bauçà zufrieden. Allerdings habe der Hype auch seine Schattenseiten. So, wie bei den completes – auf Latein gesungenen Liturgien, die in der Kirche rezitiert werden und in fetzigen Freudengesängen, den goigs münden, bei denen die Massen wie auf einem Rockkonzert ausrasten. Sie bilden in Manacor den Auftakt der Feierlichkeiten zu Sant Antoni. „Früher gingen nur wenige hin. Wenn sie heute um 19 Uhr beginnen, dann ist die Kirche schon um 17 Uhr gerammelt voll. Wir Älteren halten das nicht so lange durch. Wir können uns dann nur noch die Übertragung im Fernsehen anschauen“, sagt Bauçàs Frau Isabel Rigo.
Melancholischer Abschied
Auch der exzessive Alkoholkonsum, der schon seit Jahren für die Inseljugend zu Sant Antoni dazugehört, sei natürlich ein Wermutstropfen. „Aber alle, die die Feier wirklich leben, also diejenigen, die Sant Antoni und den Teufeln die ganzen Zeit über bei ihrem Gang durch die Stadt folgen, die trinken nicht so viel, denn sonst würden sie es gar nicht so lange durchhalten“, sagt Bauçà versöhnlich.
Im vergangenen Jahr hatte er die Maske des Heiligen am 16. Januar bereits an einen Jüngeren weitergereicht und war nur bei den Tiersegnungen am 17. als Antonius dabei. In diesem Jahr wird er erstmals seit 1994 gar nicht aktiv teilnehmen. Klar, dass da ein wenig Melancholie aufkommt, wenn die „Visca Sant Antoni“-Rufe nun nicht mehr ihm gelten. „Es war eben eine lange Zeit. Aber es ist in Ordnung so“, sagt Damià Bauçà tapfer. „Und die Gesundheit geht nun einmal vor.“
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