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So hat Palmas letzte authentische Markthalle ihre große Krise gemeistert

In Pere Garau ist ein Kunststück gelungen. Nun geht es darum, die Zukunft einzutüten

So lebhaft geht es auf dem Markt in Pere Garau zu

Nele Bendgens

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Samstagmittag um 13.45 Uhr ist eine strategisch interessante Zeit, hier in der Fischabteilung im Markt von Pere Garau. Es ist spät genug, dass man darauf spekulieren kann, dass die Fischhändler die Preise schon ein bisschen gesenkt haben. Aber das Risiko ist groß, dass das Angebot nicht mehr das vom Vormittag ist. Und so stehen die fünf Männer mit ziemlich bangem Gesichtsausdruck vor der Auslage von „Ramón Peix“. Es sind noch einige Kunden vor ihnen dran, die vorher eine Nummer gezogen haben. Gleichzeitig ist die Menge an boquerones (Sardellen) auf dem Crushed Ice an der Theke eher übersichtlich. Die Blicke, das Nägelkauen, das nervöse Wippen – die Atmosphäre gleicht der bei einem Pferderennen.

Paquita Bonnín ist hier im Markt aufgewachsen. Schon ihre Großeltern hatten die Fleischerei eröffnet, die nun sie betreibt. Ihr Vater war 23 Jahre lang der Verwalter der Markthalle. Als er vor zwei Jahren in Rente ging, stellte sie sich zur Wahl. Seither steht sie dem bunten Treiben in der Halle vor. Rund tausend Quadratmeter ist der Markt groß. 54 Geschäfte verteilen sich über die 102 verfügbaren Stände des Marktes.

Pere Garau Markt mercat Paquita Bonnín | FOTO: NAME

Paquita Bonnín an ihrem Marktstand. / PSS

14 Geschäfte leer

Als Paquita Bonnín 2023 ihr Amt antrat, standen 14 Geschäfte leer. Heute ist es ein einziges. Man sei derzeit in Verhandlungen, um zu schauen, welches da hineinkommt. „Wir müssen uns die Frage stellen: Was fehlt auf dem Markt? Was könnte das Angebot sinnvoll ergänzen?“ Eine Sache steht für sie aber außer Zweifel: Eine Bar wird es nicht. „Ich sehe es als meine Aufgabe, das Erbe, das mein Vater hinterlassen hat, zu wahren. Wir wollen ein traditioneller Markt bleiben.“ Traditionell, das heißt für Bonnín, dass die Leute hier vor allem zum Einkaufen kommen. „Wenn sie nach dem Einkauf noch ein variat in einer unserer vier Bars essen wollen, perfekt. Aber es kann nicht sein, dass die Leute vor allem zum Essen und Trinken kommen und nichts mehr bei den Händlern kaufen.“ Die Sorge, dass es so kommen könnte, ist nicht unberechtigt. Die Märkte in Santa Catalina und der Mercat Olivar haben sich in den vergangenen Jahren just in diese Richtung entwickelt.

Wenn man es genau nimmt, besteht der Markt Pere Garau aus zwei strikt voneinander getrennten Bereichen – auch wenn die wenigsten Besucher das so wahrnehmen dürften. Drinnen hat Paquita Bonnín das Sagen. Draußen ist es die Stadtverwaltung. Montags, mittwochs und freitags werden auf den beiden Vorplätzen Klamotten verkauft. Dienstags, donnerstags und samstags bieten Landwirte der Insel und Händler draußen Obst und Gemüse an. Gerade am Wochenende nutzen viele die Gelegenheit, um beim Bauern Gemüse zu kaufen, und sich im Innenbereich mit Fisch, Fleisch oder Käse einzudecken.

Markthalle erfolgreich wiederbelebt

Der letzte leerstehende Stand in Pere Garau. / PSS

Kunden kommen sogar aus Bunyola

Der Einzugsbereich ist dabei größer, als man denkt. Adrian ist mit seinem Vater gekommen, der gerade zu Besuch auf Mallorca ist. Sie haben Fleisch für den Grill gekauft. Der 28-Jährige ist in Santa Catalina aufgewachsen. Heute lebt er in Bunyola. Den Markt im Viertel seiner Kindheit besucht er schon seit Jahren nicht mehr. „Hier ist alles authentischer“, sagt er. „Wir haben während der Corona-Pandemie damit angefangen, häufiger herzukommen. Wir wollten dazu beitragen, dass das hier nicht verloren geht. Wir müssen die Arbeit der Leute wertschätzen.“

Die Essenz nicht aufs Spiel setzen

Als Paquita Bonnín den Vorsitz übernahm, stand sie vor der kniffligen Frage: Wie schafft man ein attraktives Angebot, um den Markt wiederzubeleben – ohne aber seine Essenz dabei aufs Spiel zu setzen? „Das Marktpublikum ist sehr treu. Die Menschen gehen immer zum selben Stand. Man redet über die Familie. Man fragt, ob sie die Erkältung von vergangener Woche ausgestanden haben. Es gibt eine große Nähe“, weiß sie.

Die 58-Jährige setzte auf eine vielschichtige Strategie. Zum einen versuchte sie, ein möglichst vielfältiges Angebot zu schaffen. So gibt es heute einen eigenen Parfumladen. Und einen Stand, an dem Kaffee unverpackt verkauft wird – neben Schokospezialitäten. Es gab sogar kurzzeitig ein Geschenkartikelgeschäft, das aber nicht lief. Was die Vielfalt angeht, wollte Paquita Bonnín den angehenden Betreibern keine Grenzen setzen.

Zum anderen verstärkte sie die Werbemaßnahmen. An und in der Halle prangen jetzt farbenfrohe Plakate. Der Markt hat eigene Merchandise-Artikel wie Einkaufstüten oder Wasserflaschen. Zahlreiche Autos von Zulieferern sind mit dem Logo der Markthalle geschmückt. Zudem verstärkte Bonnín die Bemühungen um das junge Publikum, ließ den Instagram-Auftritt erneuern. Seither finden immer wieder Verlosungen und andere Aktionen statt. Dass sich das Engagement lohnt, hat Bonnín im Oktober bewiesen bekommen. Da konnte sie für die Wiederbelebung des mercat einen Preis des spanischen Markthallen-Verbandes entgegennehmen.

Jetzt geht es um die Zukunft

Die größte Aufgabe steht aber noch bevor: In zehn Jahren läuft die Konzession der Stadt für den Markt aus. „Theoretisch könnte danach hier ein Gesundheitszentrum entstehen.“ Damit es nicht so weit kommt, will Bonnín jetzt schon mit dem Rathaus verhandeln. „Für die Händler ist es essenziell, für die Zukunft planen zu können. Ansonsten lohnen sich die Investitionen in den Stand nicht mehr.“ Geht es nach Bonnín, wird die Verlängerung der Konzession noch in dieser Legislaturperiode festgezurrt. Es ist ein langer Weg, aber Bonnín ist vorsichtig optimistisch: „Im Rathaus haben sie nicht Nein gesagt.“

Am Fischstand haben die Männer derweil Glück. Eine Verkäuferin erbarmt sich ihrer. Alle gehen mit boquerones nach Hause.

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