Nach Räumungsbefehl: Wer sind die Menschen, die freiwillig im Gefängnis leben?
Die Obdachlosen, die in der Ruine hausen, sollen in den kommenden Tagen ausziehen

Ein Vierteljahrhundert Verfall auf Mallorca: So sieht es im alten Gefängnis von Palma heute aus / Bernardo Arzayus
"Um 6 Uhr morgens standen sie auf der Matte. Das weiß ich so genau, weil ich mich gerade für die Arbeit fertig gemacht hatte. Sie wollten uns alle amtliche Bescheide in die Hand drücken. Ich wollte ihn weder entgegennehmen noch unterzeichnen", sagt Gustavo. Er ist einer der 250 Obdachlosen, die in Palmas ehemaligen Gefängnis untergekommen sind. Sie, das ist die Polizei, die am Mittwochmorgen (12.3.) Räumungsbescheide verteilte, in denen die Obdachlosen aufgefordert wurden, binnen zehn Tagen aus dem verlassenen Gebäude zu verschwinden. Die MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" hat den Menschen einen Besuch abgestattet und ihre Geschichten angehört.
Geld in die Heimat schicken
Der Marokkaner Amou Ouali kommt am Mittag von der Schicht heim in seine Gefängniszelle, die er mit anderen Obdachlosen teilt. Er bewegt sich mit einem Elektroroller durch die langen Gänge. Auf dem Rücken trägt er den Rucksack vom Essens-Lieferdienst JustEat. "Mein Vater ist tot. Meine Mutter kümmert sich alleine um meine kleine Schwester und meinen Bruder, der studiert. Ich muss arbeiten und Geld nach Marokko schicken", erzählt er. "Nur zu gerne würde ich eine Wohnung anmieten. Das ist aber unmöglich, da die Mieten auf Mallorca zu hoch sind und ich nicht so viel verdiene." Seine Mitbewohner in der Zelle begrüßen ihn. Alle sind sie planlos, wo es hingehen soll, wenn sie aus dem Gefängnis herausgeworfen werden.
Auch Nourdine Abdad, Haroune Erreqyq und Hamzaben Hamdoch sind Marokkaner. "Wir teilen uns einen Flügel im Gebäude. Wir sind ruhige Leute und behandeln uns wie Brüder. In anderen Ecken im Gefängnis hausen wesentlich gefährlichere Leute", erzählen sie. Vor vier Monaten sind sie nach Mallorca gekommen - mitunter im Flüchtlingsboot.
Hamzaben Hamdoch schwamm zur spanischen Enklave Ceuta, flog mit dem Flugzeug nach Valencia und setzte mit der Fähre nach Mallorca über. "Wir haben nichts. Wir kamen her, um unser Glück und Arbeit zu suchen. Derzeit können wir nur auf die Unterstützung des Roten Kreuz setzen, das uns Essen, Kaffee und Decken bringt."
Zu viel über Gott und die Welt geredet
Der Kolumbianer Broly Alexander (Name von der Redaktion geändert) wohnt bei ihnen. Er hat einen Hahn auf dem Arm. "Die Kolumbianer in einem anderen Zimmer haben mich herausgeworfenen, da ich ihnen zu viel von Gott erzählte", sagt er. Bis vor Kurzem hatte er noch eine Krankenversicherung. "Ich hatte einen kleinen Unfall und verlor alle meine Ausweise. Jetzt darf ich mich in keiner Wohnung mehr anmelden und bekomme keine neue Versicherung." Was das für ein "Unfall" war, erzählt er nicht. Mutmaßlich eine Straftat.
"Ich darf selbst nur noch selten in den Supermarkt um die Ecke hinein", sagt der Kolumbianer. "Nur wenn ich Geld vorzeige, lassen sie mich." Er hat Angst vor dem Rauswurf aus dem Gefängnis. Die Obdachlosenunterkünfte seien alle überfüllt. "Wir landen auf der Straße. Und die ist hart. Die Bibel ist die Straße und die Straße die Bibel, verstehen Sie?"
Eine ganze Familie
In der Zelle gegenüber haust Gustavo mit seiner Frau, seinem 21-jährigen Sohn und einem kleinen weißen Hund. "Ich bin schon seit 16 Monaten hier. Früher lebte ich in einem Wachturm. Als meine Familie nachkam, haben wir uns diese Zelle gesucht", sagt der Venezolaner, der früher als Soldat in seiner Heimat gearbeitet hat. "Ich wollte im Tourismus auf Mallorca einen Job finden. Meine Frau und ich arbeiten beide. Wir kommen zusammen aber nur auf 20 Stunden die Woche. Das reicht nicht für die Miete. Allein für den Einzug braucht man 8.000 Euro für Kaution und die ersten Monate."
Er putzt, seine Frau arbeitet in einem Restaurant. "Viele Leute, die hier wohnen, haben Jobs. Andere sind in der Welt der Drogen und des Diebstahls verloren", sagt Gustavo. "Als wir herkamen, haben wir den ganzen Bereich geputzt. Ich habe sogar ein wenig Gemüse angepflanzt."
Auch er fürchtet den Rauswurf. "Die Polizei macht Ernst. Ich finde es unmenschlich, dass sie uns gerade mal zehn Tage geben. Ein halbes Jahr wäre angebrachter gewesen. Ich werde mit meinem Sozialarbeiter darüber sprechen und mich beraten lassen", sagt er. "Die ganze Blase wird platzen. Das Rathaus lässt die Leute nicht mal in Wohnwagen leben. Was sollen wir denn machen?" Seine Worte hallen durch das ehemalige Gefängnis.
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