Mitgraben statt zuschauen: Auf der Suche nach talaiotischen Schätzen am Puig de sa Morisca
An der Stätte in Santa Ponça kann man den Archäologen nicht nur über die Schulter schauen, sondern selbst mitmachen. Die Steine aus der Talaiot-Zeit sind dabei nur Mittel zum Zweck für ein Projekt über Kontakte zwischen den Kulturen über die Jahrtausende, das schon jetzt erlebbar ist

Mit Pickeln, Kellen und Besen legen die Helfer die Reste eines einstigen Turms am Puig de sa Morisca frei.
„Ich werde die Erste sein, die die frühzeitliche Mauer zu Gesicht bekommt“, sagt Kristin, halb im Scherz, aber mit Begeisterung in der Stimme. Die Belgierin kniet auf der Erde und legt, mal mit einer Kelle, mal mit dem Handbesen, eine Reihe von Steinen frei, die zur Ummauerung eines prähistorischen Turms gehören. Viel scheint von dem Bauwerk nicht geblieben. Aber so genau lässt sich das noch nicht sagen, die Antworten liegen im Untergrund: In welcher Tiefe ist das Fundament des Turms? Und lässt sich mit den Funden das Bauwerk aus der Talaiot-Zeit, wie die Epoche zwischen Bronzezeit (1.600 v. Chr.) und später Eisenzeit (123 v. Chr.) heißt, rekonstruieren?
Die Archäologen haben auf der Fundstätte am Puig de sa Morisca noch viel Arbeit vor sich – und lassen sich dabei nicht nur über die Schulter schauen, sondern freuen sich auch auf die Hilfe von Freiwilligen. An diesem Donnerstag (20.3.) haben sich ein Dutzend Helfer eingefunden, Dozenten von der Balearen-Universität (UIB), Projektmitarbeiter, Studenten. Im Prinzip kann aber jeder mitbuddeln: Im Parc Arqueològic del Puig de sa Morisca bei Santa Ponça, einer der wichtigsten talaiotischen Fundstätten Mallorcas mit rund 70.000 Besuchern pro Jahr, wird Partizipation großgeschrieben.
Anpacken statt Zuschauen
Und beim Transportieren von Steinen und Erde kann man ja hoffentlich nicht so viel falsch machen. Mit einem voll beladenen Tragekorb aus schwarzem Gummi geht es querfeldein zu einer Stelle, an der zwei Eisengestelle aufgebaut sind, darauf jeweils ein Sieb mit Rollen. Beim Entladen der Erde auf eines der Siebe steigt eine Staubwolke auf. Dann das Sieb hin- und herrollen, bis nur noch grobe Steine auf dem Drahtgitter übrig sind. Steine? Helferin und Restauratorin Cristina Rubio schaut sich die Siebreste genauer an, sortiert Ästchen oder Teile von Schneckenhäusern aus und fährt mit der Fingerspitze an Kanten entlang, um zu prüfen, ob es nicht doch Keramik ist. Nichts.
Weitere Körbe mit Erde treffen ein. „Der hier ist UE 347, das UE 348“, heißt es zur Erklärung. UE steht für Unidad Estratigráfica – das Material entstammt unterschiedlichen stratigrafischen Einheiten, wie die Schichten von Ablagerungen genannt werden. Sie sind das Hauptgesprächsthema an diesem Vormittag – begleitet vom Scharren der Spachtel und dem Picken der Spitzhacken im Kreisrund von „Turm Nummer fünf“ am Puig de Sa Morisca.

Die Erde, die beim Graben anfällt, wird durchsiebt und nach Keramikscherben sowie anderen relevanten Objekten durchsucht. / Frank Feldmeier
Die Türme – talaiots – haben der Epoche mit ihrer als weitgehend eigenständig geltenden Entwicklung auf den Balearen auch ihren Namen gegeben. Aus einer ersten Phase sind vor allem allein stehende Türme, Grabstätten oder Wasserspeicher bekannt, in einer zweiten Phase kamen ummauerte Einfriedungen hinzu. Von Säulen getragene Säle (Hypostyle) sind das Markenzeichen der dritten Phase. Keramikfunde lassen auf Handel mit seefahrenden Kulturen schließen. In einer vierten Phase entstanden zahlreiche Heiligtümer (Sanktuarien) – besonders eindrucksvoll zu bewundern auf Menorca, wo die Fundstätten auch UNESCO-Welterbe sind.
Handel mit den Phöniziern
Der Puig de sa Morisca dürfte im Talaiotikum ein wichtiger Handelsstützpunkt gewesen sein, dank intensiver Kontakte zu den Phöniziern auf Ibiza. So fanden sich etwa ein Dutzend Amphoren, die vom Weinimport zeugen. Seit knapp 30 Jahren wird hier inzwischen gegraben, doch bislang dürften nur rund zehn Prozent der archäologischen Reste freigelegt sein, schätzt Daniel Albero, einer von fünf Co-Direktoren des Parks. Die einstige Wohnsiedlung sei noch völlig unerschlossen, so Albero – Arbeit für die nächsten Jahrzehnte.
Der Forscher, der an der UIB unter anderem Ethnoarchäologie lehrt, erklärt, wo wir uns befinden. Der Ort der aktuellen Ausgrabung grenzt an die einstige Siedlungsmauer, die ebenfalls noch zu erforschen ist, direkt daneben eine Felsnase mit Aussichtspunkt, weiter oben auf dem Hügel die restaurierten Reste zweier Türme. Am eindrucksvollsten ist Talaiot Nummer eins mit seinen neun Meter Durchmesser, von wo aus Besucher auch den Park ringsum mit seinen insgesamt rund 35 Hektar sowie die Meeresküste bestaunen können.

Der Puig de Sa Morisca in Santa Ponça ist Teil eines Archäologieparks und soll bald auch ein eigenes Museum haben. / Parc Arqueològic.
Geschichten statt Steine
Ein aufgetürmter Haufen Steine, die wissenschaftlich nicht weiter von Interesse sind und vielleicht für Trockensteinmauern Verwendung finden, zeugt von den Grabungen der vergangenen Jahre. Freigelegt wurde die einstige Müllhalde. Zu besichtigen ist davon nichts. Aber alles, was hier zutage kommt, wird gesäubert, inventarisiert, konserviert, wenn möglich zusammengesetzt, gezeichnet, mit der Radiokarbonmethode datiert, auf Material und Beschaffenheit hin erforscht oder virtuell am Computer in 3D-Simulationen eingefügt. „Das Wichtige sind nicht die Fundstücke, sondern das, was wir mit ihrer Hilfe erzählen können“, sagt Albero. Sie seien nur das nötige Medium.
Das ist auch das Konzept für das geplante Museum am Puig de sa Morisca, für das es die mit der Touristensteuer finanzierten Räumlichkeiten und das Konzept gibt, aber noch keinen Zeitplan. Statt Steine in Vitrinen zu beleuchten, soll die Geschichte kultureller Kontakte erzählt werden, die in der Gegend über die Jahrtausende hinweg stattfanden. „Humans in Contact“ heißt das Konzept. Es umfasst Handelskontakte (Talaiots und Phönizier), Besetzung und Fremdherrschaft (Ankunft der Römer), kriegerische Konflikte (Christentum und Islam) oder den Tourismus im 20. Jahrhundert.

Einsatzort für die Arbeiten ist Turm Nummer fünf, hier aus Sicht der Drohne. / Laura Perelló
Einerseits ist der Archäologiepark von Santa Ponça finanziell und institutionell gut aufgestellt: Der Inselrat bezahlt die derzeitigen Ausgrabungen, und es besteht eine vor 20 Jahren ins Leben gerufene Stiftung der Gemeinde Calvià, der Landesregierung und der UIB. Andererseits macht die Zahl der Akteure das Projekt schwerfällig, und die Übertragung der für das Museum ausgewählten archäologischen Fundstücke an die Stiftung zieht sich hin. So lagern sie, vor der Öffentlichkeit verborgen, im Fundus des Museu de Mallorca. Außer mit Steinen sei man auch mit einer unglaublichen Menge Papierkram beschäftigt, berichtet Manuel Calvo. Der Direktor des Parc Arqueològic stößt gerade nach einer Sitzung im Rathaus zu den Arbeiten – und wird gleich in die Debatte über die stratigrafischen Einheiten verstrickt.
Das Museum nehme seine Aufgaben in jedem Fall schon jetzt wahr, sagt Co-Direktor David Jaraloyas: Auf dem Programm stehen Workshops, Vorträge und Führungen. Kinder lernen und erproben, wie Talaiots errichtet wurden, oder gehen zwischen Steinen und Mauern auf Schnitzeljagd. Erwachsene besuchen prähistorische Kochkurse oder sehen eine Dokumentation über die touristischen Anfänge des nahe gelegenen Magaluf.
„Brutaler Eingriff“
Oder graben mit Steine aus, so wie Seniorin Kristin. Seit sie in Rente sei, könne sie endlich ihrer wahren Leidenschaft nachgehen, der Archäologie, erzählt die Belgierin, während ihr beim Schaben und Kehren die weißen Haare ins Gesicht fallen. „Das wollte ich schon als Jugendliche machen, aber ich konnte nicht die Lateinkenntnisse vorweisen, die damals für das Studium gefordert waren.“ Inzwischen sei sie im Fach Geschichte an der UIB eingeschrieben und habe die ersten Prüfungen bestanden.
Am Puig de Sa Morisca sammelt sie nun Praxiserfahrung und lässt sich Tipps geben. Auf den ersten Blick ist wenig ersichtlich, wann nur gekehrt werden und wann die Spitzhacke zum Einsatz kommen darf, die Albero immer wieder beherzt ins Erdreich rammt. Zwischendurch zeigt er den heute bislang wichtigsten Fund, den Boden einer Amphore. Letztendlich sei jede Ausgrabung ein brutaler Eingriff, so der Archäologe. Umso wichtiger sei es, nicht nur Funde, sondern auch Restaurierung und Rekonstruktion penibel zu dokumentieren: Jeden einzelnen Stein, den man zur Stabilisierung oder Veranschaulichung an seiner wohl ursprünglichen Stelle im Turm Nummer fünf wieder einsetze, werde man dezent markieren.
Besucher-Infos
- Der Parc Arqueològic del Puig de sa Morisca ist ganzjährig geöffnet, der Eintritt ist frei.
- Carrer Puig de sa Morisca, Santa Ponça,
- Tel.: 971-13 92 18, E-Mail: morisca@calvia.com
- Der Park hat noch keine eigene Website, Programm und weitere Infos auf Facebook (parcsamorisca) und Instagram (@parcsamorisca).
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