"Ball de bot“: Wie Mallorca seinen traditionellen Tanz neu erfindet
Der mallorquinische Volkstanz erobert die Plazas und steht dabei auch Ausländern offen. Die Scham, sich lächerlich zu machen, weiß ein neues Buch zu nehmen

Illustration:"Ball de bot" auf der Plaza. / Jaume Vich García /Insula Literària
Alexandra Bosse
Wenn man mit Margalida Cerdá über den traditionellen mallorquinischen Volkstanz „Ball de bot“ (wörtlich übersetzt: Tanz der Sprünge) spricht, möchte man am liebsten gleich selbst ein paar Schritte von ihr lernen. Die 40-jährige Autorin des gerade erschienenen Buchs „Ball de bot. Guia de supervivència a plaça“ (Ball de bot. Anleitung, um auf der Plaza zu überleben) sprüht förmlich vor Leidenschaft für den gehüpften, kreisenden Tanz ihrer Heimat.
Cerdà widmet dem Ball de bot unter dem Pseudonym Madò Llucia seit 20 Jahren einen Blog (madollucia.wordpress.com) und seit Ende 2020 einen Podcast (Rebosillo Radioactiu). Ihr tägliches Brot verdient Margalida Cerdá aber tagsüber als Mitarbeiterin in einem Seniorenheim in Felanitx. Ein Gespräch über einen Tanz im Wandel, der erst auf einer Plaza richtig Spaß macht.
Wie entstand die Idee zu diesem Buch?
Es war wirklich höchste Zeit dafür, denn die letzte Veröffentlichung zu dem Thema erschien 1990 und war viel zu theoretisch und ernst. Außerdem feiern wir gerade den 50. Jahrestag der Rückkehr des echten Ball de bot auf die Plazas, denn während der Franco-Diktatur wurde dieser typisch balearische Tanz instrumentalisiert. Er war stärker reglementiert, choreografiert und teilweise von seiner ursprünglichen, improvisierten Form entfremdet. Letztendlich hat mich aber ein Freund, der Illustrator Jaume Vich García von „Melicotó“, dazu gebracht, das Buch zu schreiben. Melicotó ist eine mallorquinische Marke für T-Shirts, Geschenke und Merchandising, die beispielsweise mit typisch mallorquinischen Redewendungen spielt. Zusammen mit dem Verleger Adrià Garcias von Ínsula Literària haben wir dann das Buch herausgegeben. Garcias hat von Anfang an das Projekt geglaubt und sagte: „Wir drucken gleich 1.500 Exemplare, ich bin mir sicher, dass wir eine zweite Auflage machen werden.Tiro la casa por la ventana (spanische Redewendung für: Da scheue ich keine Kosten, Anm. d. Red.).“

Ball-de-bot-Spezialistin Margalida Cerdà mit einer Ball-de-bot-Tasche / Alexandra Bosse
In ihrem Buch erklären Sie, dass es zwei verschiedene Versionen des Ball de bot gibt, wo liegt der Unterschied?
Es gibt einmal den traditionellen Tanz für die Vorführungen auf den Dorffesten und für die Touristen. Da kleidet man sich wie aus dem 18. Jahrhundert und tanzt eine festgelegte Choreografie. Und dann haben wir den Ball de bot von heute, den wir jetzt tanzen, in Straßenkleidung, ohne Kostüme. Dieser Tanz ist völlig improvisiert, ohne dass uns jemand anleitet, und das macht ihn so lebendig. Es ist, als ob man auf eine Party geht. Es zieht einen dorthin, wo die Musik gespielt wird, und man tanzt mit, solange man möchte.
Und welche Version tanzen Sie?
Ich habe viele Jahre lang in einer traditionellen Gruppe getanzt, als ich noch jünger war. Aber das macht mir heute keinen Spaß mehr. Zudem ist man da verpflichtet, immer wieder ein neues Kleid anzuschaffen. Diese Kostüme kosten richtig viel Geld: Für jedes Kleid müsste ich um die 1.500 Euro zahlen, schließlich ist das traditionelle mallorquinische Handarbeit.
Kann denn dann jeder beim modernen Ball de bot mittanzen?
Na ja, Sie sollten schon erst ein wenig Unterricht nehmen und die Schrittfolgen lernen. Es gibt viele Tanzschulen dafür, hier in Palma etwa die Escola de Música i Danses. Danach können Sie dann dazu übergehen, von Plaza zu Plaza zu ziehen, wie wir das nennen, und auf jedem Fest mittanzen. Deshalb ist das Buch ja ein „Überlebensführer für die Plaza“. Wobei ich das Wort Überleben aus zweierlei Gründen verwende. Das Überleben bezieht sich einmal darauf, dass es immer weniger Mallorquiner gibt. Wenn wir den Ball de bot tanzen, signalisieren wird damit gleichzeitig: „Hallo, wir sind Mallorquiner, wir sind hier, und wir tanzen unsere traditionellen Tänze.“ Der Tanz ist wie ein Ausruf, und man kann ihn dazu nutzen, sich zu integrieren. Wenn man sich ihm anschließt, lernt man unsere Geschichte, unsere Kultur und unsere Sprache kennen. Es gibt viele Ausländer, die mitmachen. Richard aus Schottland, zum Beispiel, oder Wolfgang aus Deutschland. Und seit der Pandemie haben auch eine Menge junger Leute Gefallen daran gefunden.
Welche andere Bedeutung hat das „Überleben“ im Titel Ihres Buches?
Damit meine ich auch, das Schamgefühl zu überstehen, in der Öffentlichkeit zu tanzen. Da denkt man schnell: „Ups, ich muss jetzt vor anderen tanzen, hoffentlich überlebe ich das.“ Es gibt eine Menge Leute, die zuschauen und ihre Meinung sagen, da ist jede Menge Neid, Klatsch und Tratsch im Spiel. Ich möchte mit meinem Buch den Leuten humorvoll die Angst davor nehmen. Deswegen gibt es auch das 5. Kapitel mit den typischen Charakteren, die man auf jeder Plaza antrifft. Witzigerweise sind das immer wieder dieselben Typen. Aber bis man nicht ein Teil dieser Welt ist, bemerkt man das nicht. Außerdem wird beim Ball de bot auch viel geflirtet, und es gibt immer mehr gleichgeschlechtliche Paare. Es ist nun eine ganz moderne Tradition, von heute. Viele sagen, jetzt wo sie Ball de bot tanzen, fühlten sie sich erst so richtig hundertprozentig mallorquinisch.
Beim „Ball de bot“ führen traditionell die Frauen im Tanz, richtig?
Meiner Ansicht nach nur bedingt. Deshalb erkläre ich die Rolle des rebolé in meinem Buch. Er war auf den Dörfern der Mann, der den Tanz organisierte. Damals arbeiteten die Männer und Frauen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf den Feldern, und die einzige Zeit, die sie für die Freizeit hatten, war am Ende des Tages der Ball de bot. Das war damals wie eine Partnerbörse, und der rebolé bestimmte, wer mit wem tanzte. Die Frauen konnten sich ihre Tanzpartner nicht aussuchen, aber sie konnten es dem Tanzpartner beim Tanzen so schwer machen, dass dieser schnell keine Lust mehr hatte, weiterzutanzen. Mit der Veränderung der Geschlechterrollen ist heute nicht mehr so klar, wer führt. Außerdem gibt es viele männliche Tanzlehrer, und die dirigieren ihre Schüler auch auf dem Platz. Man kann also nicht mehr so klar sagen, wer das Kommando übernimmt. Auch dabei wird nun improvisiert. Es ist immer eine Geste, die bestimmt, wer Regie führt. Normalerweise hat derjenige das Sagen, der zu tanzen anfängt. Viele sind aber auch zu bequem, um zu führen und lassen sich lieber leiten.

"Ball de bot. Guia de supervivència a plaça" von Margalida Cerdá alias Madò Llucia. / Insula Literària
Das Buch
„Ball de bot. Guia de supervivència a plaça“. Insula Literària, auf Katalanisch, 16 Euro. Erhältlich etwa bei Insula Literària im Passatge Particular Joan XXIII, 1, B, Palma (nahe Mercat Olivar).
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