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Survival-Camp auf Mallorca: Ein Kindergärtner lehrt, die ersten 72 Stunden nach Krisenausbruch zu überleben

Wenn er nicht gerade auf die Kleinen aufpasst, gibt der Uruguayer Gabriel Vairoletti in Bunyola ein Survival-Camp für die ersten drei Tage nach dem Zusammenbruch der Versorgung

Hier zeigt Gabriel Vairoletti gerade, wie man Fleisch in Salz einlegt, um es haltbar zu machen.  | FOTO: BERNARDO ARZAYUS

Hier zeigt Gabriel Vairoletti gerade, wie man Fleisch in Salz einlegt, um es haltbar zu machen. | FOTO: BERNARDO ARZAYUS

Ralf Petzold

Ralf Petzold

Holzfällerhemd, Rauschebart, die Hosen voller Werkzeug und Krempel – Gabriel Vairoletti sieht wie ein Typ aus, an dessen Fersen man sich in einer post-apokalyptischen Welt heften möchte. Der 52-jährige Uruguayer, der hauptberuflich in Bunyola kleine Kinder betreut, bietet mit seiner „Bushcraft Forest School“ Kurse an, um zu lernen, wie man als Überlebender von Extremsituationen in den ersten 72 Stunden handeln sollte. „,Hoffe das Beste, erwarte das Schlimmste‘, lautet mein Motto“, sagt der selbsterklärte Naturbursche.

Dabei will sich der Survival-Coach auf kein spezifisches Szenario festlegen. Ob erneute Pandemie oder Naturkatastrophen wie die Überschwemmung in Valencia – seine Tipps seien für alle Fälle hilfreich. An schlauen Sprüchen mangelt es dem Kindergärtner jedenfalls nicht. „Wenn der Moment zum Handeln gekommen ist, ist die Trainingszeit vorbei.“ Er selbst greift auf eigene Erfahrungen zurück. Sei es die Kindheit im Wald oder die Militärausbildung bei der Marine. „Ich gehöre noch zur Generation, die im Freien ohne Handy aufgewachsen ist.“

Das Thema Survival ist in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr in den Vordergrund gerückt. Nicht nur durch Serien und Filme, die Endzeit-Dramen zeigen. Die französische Regierung gab im März die Devise aus, dass sich die Bevölkerung für den Ernstfall vorzubereiten hat, und verteilte entsprechende Handbücher. Die EU schlug einen gepackten Notfall-Rucksack vor, der in keinem Haushalt fehlen dürfte. „Daher bereite auch ich auf die ersten 72 Stunden vor“, sagt Gabriel Vairoletti. „Das ist in der Regel der Zeitraum, den die Regierung benötigt, um Nachschub bei ausbleibenden Ressourcen zu besorgen.“

Für diesen Zeitraum solle man gewappnet sein, wobei in den ersten drei Tagen ohne Strom und Supermarkt wohl noch kein Mitmensch daran denken dürfte, wie in dem Film die „Schneegesellschaft“ am Nebenmann zu knabbern. Bei dem Flugzeugabsturz 1972 überlebte eine Gruppe Uruguayer nur dank Kannibalismus inmitten von Schnee und Eis.

Was gehört in den Survival-Kit?

Trinkwasser sollte jeder daheim horten“, rät Vairoletti. „Zwei Liter pro Person und Tag für insgesamt drei Tage.“ Hinzu kommt weiteres Wasser, das zum Kochen und Waschen benutzt werden kann.

„Bei den Lebensmitteln sollte darauf geachtet werden, dass sie schnell und einfach zubereitet werden können“, sagt der Survival-Coach. „Wie beispielsweise Couscous oder Kartoffelbrei aus der Tüte, der mit etwas Wasser zusammengerührt wird.“ Auch Konserven seien dank der langjährigen Haltbarkeit ratsam.

Vervollständigt wird der von ihm vorgeschlagene Notfall-Rucksack mit einem Radio, um Nachrichten hören zu können und Medikamenten. „Ganz wichtig ist ein Mittel gegen Durchfall. Der kann einen im Extremfall schnell das Leben kosten“, sagt der Uruguayer. „Zudem etwas gegen Erbrechen und Fieber sowie Schmerzmittel.“ Ein Erste-Hilfe-Kasten mit Binden und Pflastern sollte ohnehin im Haushalt vorhanden sein.

Prinzipiell versucht Vairoletti, den Leuten die Angst zu nehmen. „Viele hocken den ganzen Tag auf dem Sofa. Durch das Survival-Camp kommen sie raus aus dem Haus und begeistern sich für die Natur“, sagt er. Nicht wenige würden ihm danken, dass er sie aus der Komfortzone rausholt. „Die Teilnehmer sind im Anschluss oft ungläubig und meinen, dass sie sich viele erlebte Dinge gar nicht zugetraut hätten.“ Bei den Theorieeinheiten bespricht der Uruguayer mit der Gruppe, was für die Teilnehmer das Wichtigste im Leben ist. „Im Ernstfall kann man oft gut beobachten, wie sich Menschen binnen kurzer Zeit verändern“, sagt der 52-Jährige. „Während Corona ging das tagtäglich.“

Die praktischen Tipps

In dem meist zweitägigen Kurs am Wochenende gibt es neben dem Theorieblock einen praktischen Teil. Vairoletti zeigt dann zum Beispiel, wie man Fleisch in Salz einlegt, um es haltbarer zu machen. Auch die Basisthemen eines Survival-Camps dürfen nicht fehlen: Wie mache ich Feuer? Wie knote ich ein Seil richtig? Wie baue ich einen Unterschlupf? Welche Pflanzen sind essbar? Wie jage ich Beute?

„Selbst in der Stadt sind manche der Tipps umsetzbar. Beispielsweise wenn ich im Obergeschoss wohne und mich aus einem brennenden Haus vom Balkon abseilen muss. Dann muss ich einen anständigen Knoten machen können“, sagt Vairoletti. Die Jagd sei zwar nicht sein Steckenpferd, dennoch zeigt er, wie man Fallen aufstellt. „Ich bin dagegen, Tiere mit Waffen zu jagen. Aus der Ferne lässt es sich schlecht einschätzen, ob es ein Muttertier ist oder vielleicht ein krankes Exemplar, das ich letztlich nicht essen kann. Zudem bin ich dafür zu naturverbunden.“ Mit Stöcken und Seil baut der Uruguayer Fallen, in die Ziegen hineintappen. „Alles theoretisch. Ich lasse keine scharfen Fallen herumstehen.“ Durch die passive Jagd könne er aus der Nähe entscheiden, ob er das Tier wirklich töten will.

Wenn nicht in Bunyola, tourt der Survival-Experte durch Spanien und bietet seine Camps an. „Die sind gut besucht. 20 bis 25 Personen kommen immer zusammen. Kurioserweise sind 80 bis 90 Prozent davon Frauen. Warum, kann ich mir nicht erklären“, sagt er.

Neben Spanisch bietet der Kindergärtner die Kurse auch auf Englisch an. Das nächste englischsprachige Camp ist am 24./25. Mai. Infos und Kontakt hier.

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