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Ich bin keine Gläubige – doch diese Madonna auf Mallorca sprach meine Sprache

Die Schriftstellerin und Journalistin Charlotte Kerner über eine (un)heilige Begegnung der besonderen Art in Pollença – zwischen Zufall und Zeichen, Fremdsein und Dazugehören

In Erwartung der Prozession: die vom Puig de Maria (o.) hinabgestiegene Muttergottes an der Umgehungsstraße.

In Erwartung der Prozession: die vom Puig de Maria (o.) hinabgestiegene Muttergottes an der Umgehungsstraße. / Charlotte Kerner

charlotte kerner

Es war ein besonderer Tag, dieser Samstag, der 26. April, für mich als Ex-Katholikin und heutige Atheistin. Zum einen entkam auch ich kaum den Nachrichten aus Rom, wo sich just an diesem Tag die Welt auf die Messe für den vor sechs Tagen verstorbenen Papst Franziskus vorbereitete. Und in Pollença, meiner Wahlheimat, bereitete sich der ganze Ort auf die "Davallada" vor, den Abstieg der Mare de Déu, der Gottesmutter vom Puig de Maria, dem Dorfberg.

Und beide Ereignisse hingen zusammen. Weihnachten 2024 hatte der Papst im Petersdom – bereits krank und im elektrischen Rollstuhl – die „Heilige Pforte“ durchquert, ein Ritual, mit dem jedes Heilige Jahr beginnt. 2025 ist ein „ordentliches Heiliges Jahr“, wie es nur alle 25 Jahre ausgerufen wird.

Eine der vielen aus Anlass der Davallada in Pollença an den Häusern hängenden Fahnen.

Eine der vielen aus Anlass der Davallada in Pollença an den Häusern hängenden Fahnen. / Charlotte Kerner

Dieses Jubeljahr nahmen in Pollença die Kirche und die Stadt zum Anlass, nach 27 Jahren die Marienfigur aus der Klosterkirche auf dem Puig wieder nach unten und damit „Hoffnung“ unter die Menschen zu bringen: Denn „Esperanza“ ist das Motto dieses Heiligen Jahres, um das sich laut dem Wunsch des verstorbenen Franziskus 2025 die große und kleine Welt drehen soll. Und gegen mehr Zuversicht in Zeiten von Krieg und Klimakrise haben weder Gläubige noch Ungläubige etwas einzuwenden.

Die Madonna ist im Tal angekommen

Eine große Festgemeinde schaute gemeinsam in den Himmel und applaudierte, als aus den grünen Holzkäfigen der Vereinigung Alada Pollensina Tauben losflogen und zum Friedenszeichen wurden, die Madonna war im Tal angekommen. Nur alle 50 Jahre war sie bislang vom Berg gestiegen: In jüngster Zeit 1948 und 1998, nun also außerordentlich auch 2025.

Eine dreizeilige Ankündigung dieser „Baixada“ und zwei Fotos – das ältere schwarz-weiß, das neue in Farbe – hatte ich im gedruckten Programm der Semana Santa zufällig entdeckt. Ich fragte bei einem befreundeten Pollençiner genauer nach: Denn alle Informationen gab es nur auf Mallorquinisch. Und ja, ich ärgerte mich als Spanisch lernende deutsche Zweithausbesitzerin.

Doch nur kurz war ich verstimmt, weil ich verstand: Zu frisch waren in meinem Kopf noch die Bilder der fotowütigen Urlaubermassen, die zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag christliche Folklore erleben und auf Selfies mit nach Hause nehmen wollten; dieses Jahr hatte ich sie als besonders respektlos empfunden, vor allem in Nähe der Plaça Major wucherte ein Wald hochgestreckter Arme, dessen Kronen die Mobiltelefone waren.

Feierlich und würdevoll durchschritt die Prozession nur abgelegene stille Straßen, deren Fenster mit Kerzen erleuchtet waren. Ich verstand, dass die Stadtgemeinschaft eine Woche nach Ostern diesen besonderen Gast, die Mare de Déu, für sich allein haben wollte.

Ich sehe den Puig de Maria jeden Tag beim Aufwachen und beim Zubettgehen aus meinem Schlafzimmerfenster. Zu dem Turm mit den markanten Zinnen blicke ich nicht mit religiösen, sondern mit Heimatgefühlen. In den 25 Jahren, die wir in unserem Dorfhaus leben, habe ich diese 330 Meter oft erklommen. Früher schneller und noch ohne Wanderstöcke und weniger schnaufend als kürzlich, anfangs auf der geteerten Straße, später auf dem mit Steinen gepflasterten Pilgerweg zum Santuari de la Mare de Déu hinauf.

Eine Madonna auf Mallorca: die Mare de Déu vom Puig de Maria in Pollença.

Eine Madonna auf Mallorca: die Mare de Déu vom Puig de Maria in Pollença. / Charlotte Kerner

Die Muttergottes hat gut lachen, sie bleibt ewig jung

Dort hatte mich Maria, den Sohn auf dem linken Arm haltend, immer sanft lächelnd begrüßt. Sie hat gut lachen, sie bleibt ewig jung, während ich vor den gekrönten Figuren mein Alter, die Vergänglichkeit spüre.

Apropos Vergänglichkeit: An diesem besonderen Samstag, als Maria vom Berg stieg und der Papst beerdigt wurde, hatte ich früh morgens via Mail erfahren, dass ein Freund im fernen Berlin verstorben war. Wir hatten uns 20 Jahre lang öfters in Pollença gesehen als in Deutschland. Die Todesnachricht genau an diesem besonderen Tag war Zufall, aber es hätte passender nicht sein können. Denn in Prozessionen zu gehen und in Kirchen zu sitzen, öffnet besondere Trauerräume und beflügelt Gedanken über Zufälle und Zeichen.

Als die Gottesmutter nach ihrer zwei Stunden dauernden Baixada um fünf Uhr nachmittags mit Salutschüssen und Applaus am Platz des Denkmals in Pollença begrüßt wurde, flatterte in einem Holzrahmen ein himmelblaues Banner mit den Worten Jubileu d’Esperanza 2025, darunter das offizielles Emblem des Jubeljahres: Es zeigt vier regenbogenfarbige „Pilger der Hoffnung“, ein Kreuz mit Anker verhindert, dass die Gruppe im Wasser – angedeutet durch eine sanfte blaue Wellenlinie – versinkt, sie scheinen zu schweben.

Mallorca ist längst eine Einwanderungsinsel

Sind wir nicht alle Hoffnungssuchende? Gleichgültig, ob hier Einheimische stehen oder nur vom Norden Europas nach Süden Gekommene, die nur zeitweise auf der Insel leben. Oder ob Menschen hier Flüchtende waren ohne eine „Bleibefreiheit“, die aus bitterer Not ihre Heimat verließen und von Süden nach Norden zogen, um hier zu arbeiten. Auch Mallorca ist längst, sichtbar überall im Alltag und besonders im Tourismusbusiness, eine Einwanderungsinsel.

Nach dem Priester begrüßte der Bürgermeister von Pollença die Jungfrau vom Puig, die auf einem gezimmerten weißen Podest die Huldigungen entgegennahm. Als ich in der mallorquinischen Rede die Wörter „Lampedusa“ und „globalització“ hörte, war klar, dass die Botschaft von Franziskus zitiert wurde, die 2013 – am Anfang seines Pontifikats – vom italienischen Flüchtlingslager auf Lampedusa um die Welt ging: „Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt. Es betrifft uns nicht. Es interessiert uns nicht. Es geht uns nichts an! (…) Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit genommen zu weinen!“

Bis zum 8. Juni in Stadt und Hafen

Die Muttergottes vom Puig de Maria wird bis zu ihrer Rückkehr auf den Hausberg in der Kirche an der Plaça Major in Pollença ausgestellt. Am 10. Mai unternimmt sie einen Ausflug nach Port de Pollença zu einer Meeresprozession. Nach Pollença kehrt sie am 25. Mai zurück. Wieder hinauf auf den Puig de Maria geht es dann am 8. Juni.

Im Applaus danach, und als die Dorfkapellen laut aufspielte, war ich alles andere als gleichgültig. Ich dachte an die wachsende Zahl der Toten, die in den vergangenen Monaten an die Küsten dieser schönen Insel gespült wurden, ertrunken als Hoffnungssuchende. Ihre dunkle Hautfarbe ähnelt meistens der von Maria und ihrem Sohn, die ich unter dem hölzernen Baldachin vor mir sah. Ein Zeichen und kein Zufall: Denn braun und schwarz sind die Madonnen auf vielen Klosterhügeln Mallorcas, deren Herkunftsgeschichten aus dem 13. und 14. Jahrhundert sich gleichen.

In Pollença wies – so die Legende – eine Lichterscheinung auf dem Berg den Weg zur Mare de Déu. Als man sie ins Dorf bringen wollte, konnten selbst starke Männer die Figur nicht bewegen. Weshalb ihr als Heimstatt das Kloster gebaut wurde, auf das ich morgens und abends so gerne schaue.

Die Verehrung einer braunen oder schwarzen Madonna, oft mit orientalischen Gesichtszügen, bildete damals eine Brücke zu den maurischen Nichtchristen, die nach der Rückeroberung Mallorcas, der Conquista, konvertierten.

Im Stimmengewirr war kein Deutsch, Englisch oder Französisch zu hören

Meine in die Geschichte zurückwandernden Gedanken verscheuchte fröhlicher Applaus für das tanzende Giganten-Paar, der sich für die Gedichte aufsagenden Schulkinder und Volkstanzgruppen noch steigerte und auch den hölzernen Pferden und den bunten Adlern galt, die an Sant Sebastià und zu Corpus Christi in den Inselgassen auftauchen. Im Stimmengewirr war kein Deutsch, Englisch oder Französisch zu hören. Pollença blieb unter sich dank der schützenden mallorquinischen Sprachmauer. Ein „Bollwerk“, das ich nicht nur respektierte, sondern an diesem Tag schätzte.

Zwischen dem Puig und dem vollen Platz verlangsamten auf der Umgehungsstraße immer wieder Touristenbusse und Mietwagen ihre Fahrt. Zufall und Zeichen. Die Insassen fragten sich wohl, was da los war. Der Wind ließ die an jedem Haus und Balkon am Platz des Monuments aufgehängten himmelblauen Fahnen flattern. Etwas ungelenk wirken die darauf gedruckten Umrisse der Mare del Déu.

Nur in ausgewählten Geschäften war diese „Banderola Balconera“ zu erstehen gewesen, für fünf Euro Minimum, Spende erwünscht. Ich hatte einige Tage zuvor noch gezögert, ob ich als eine Ungläubige diese kleine Flagge erstehen und an unserem Haus aufhängen sollte. Meine Antwort lautete Ja, weil ich mich an ein naives Ölbild der braunen Mare de Déu erinnerte, das in Pilgerräumen auf dem Puig hängt. Darauf verschmilzt Maria mit ihrem weiten Umhang mit dem Berg und wird zu Pachamama, der Mutter Erde, oder zu Gaia, der Erdgöttin. Hier können sich viele wiederfinden, Gläubige und Ungläubige wie ich (aber mit öko-feministischem Herzen).

Aushang mit der Fahne zur Davallada de la Mare de Déu in Pollença.

Aushang mit der Fahne zur Davallada de la Mare de Déu in Pollença. / Charlotte Kerner

Ein wenig fühlte ich mich als Pollençinerin

Ich fragte guten Gewissens am Donnerstag vor dem Fest nach der Fahne in einer der gelisteten Verkaufsstellen, einem Elektro-Geschäft, bei dem ich schon länger Kundin bin. Nicht mehr da, war die erste Antwort, während ich mit kritischem Blick beäugt wurde. Ich war ehrlich enttäuscht und fragte, wann Nachschub käme, es sei mir wichtig? Am Nachmittag, wurde mir versprochen. Also war ich in den Augen der Verkäuferin doch keine Fremde, die nur ein billiges Andenken suchte. Um 17 Uhr trug ich die kleine Flagge nach Hause und befestigte sie am Fenstergitter im ersten Stock unseres Hauses. Die Nachbarin nickte wohlwollend, sie werde das auch gleich machen. Ein wenig fühlte ich mich nun als Pollençinerin.

Etwas von diesem Gefühl blieb, als ich drei Tage später, an diesem besonderen Samstag, dem 26. April, den Prozessionsweg vom Platz des Monuments zur großen Basilika, der Parròquia de la Mare de Déu dels Àngels begleitete. Auf den Straßen lagen Buchszweige und Rosenblätter, die ich genau wie die einheimischen Schulkinder früher als Mädchen in der Domstadt Speyer bei Fronleichnams-Prozessionen gestreut hatte. Jetzt hielt ich nur fünf weiße Rosen in der Hand für die für 19 Uhr angesetzte "ofrena floral". Die empfohlenen weißen Nelken waren schnell ausverkauft gewesen.

In ihrer Kirche an der Plaça Major stand die Maria von Puig unter dem hölzernen Baldachin nun am Ende des Mittelgangs vor dem Altar. In der überfüllten Basilika bildete sich davor schnell eine lange Schlange. Die Blumen wurden nicht abgelegt, sondern wanderten sogleich in die Hände von Messdienern, die sie nach rechts an Helferinnen weitergaben. Diese steckten ein großes florales Wandbild, vor dem die Mare de Déu bis in den Juni hinein Hoffnung verkörpern und verweilen soll.

Den Blumen ist nicht anzusehen, wer sie und aus welchen Beweggründen gebracht hat. Unwichtig auch, welche Sprache jemand gesprochen hat. Oder ob die Blumen von Mallorquinern oder einer Deutschen gekauft wurden. Zusammen sind sie schön und formen ein Bild. Und genau das gilt auch für die ganze Insel.

Charlotte Kerner ist Schriftstellerin und Journalistin (hier geht es zu ihrer Website). Ihr jüngstes Buch ist "We are Volcanoes: Die Öko-Visionärinnen: Rachel Carson, Lynn Margulis, Donna Haraway". Mehr dazu in diesem Interview.

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