Mein Weg zur Mallorca Zeitung – eine persönliche Reise zu den Anfängen
Wolfgang Schönborn war der erste Chefredakteur der Mallorca Zeitung. Erinnerungen an eine erfolgreiche Zeitungsgründung

Wolfgang Schönborn, der erste Chefredakteur der Mallorca Zeitung, beim Joggen an der Hafenpromenade von Palma. / Nele Bendgens
Es ist im Frühling 1999, als ich zum ersten Mal davon höre. Auf Mallorca soll es eine zweite deutschsprachige Zeitung geben. Eine andere liegt schon seit den 70ern an den Inselkiosken. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht viel über Mallorca. Bereits verblichene Erinnerungen eines Kurzurlaubs an der Ostküste steigen wie Luftblasen an die Oberfläche. Eine Ferieninsel als Standort für einen Journalisten? Ich wohne seit Jahren in der spanischen Hauptstadt. Warum nicht die Hektik der Großstadt gegen ein beschauliches Leben mit Sonne und Strand eintauschen? Ich beschließe, Näheres in Erfahrung zu bringen.
Ein paar Wochen später sitze ich im Erdgeschoss eines frisch renovierten Altstadtgebäudes in Palma. Ich bin Teil einer kleinen Redaktion, die noch im Sommer 1999 das deutschsprachige Zeitungsprojekt eines ehemaligen "Bild"-Journalisten auf den Markt bringen soll. Zumindest dieses Vorhaben wird gelingen. Allerdings ohne mich, denn wiederum nur wenige Wochen nach meiner Einstellung merke ich, dass meine Idee von Journalismus sich nicht mit den Vorstellungen des Projektleiters deckt. Der Projektleiter merkt es auch. So muss ich mich im Frühsommer jenes Jahres mit Übersetzungsjobs über Wasser halten, den Abbruch meines Mallorca-Abenteuers vor Augen.

25 Jahre Mallorca Zeitung - Eine Auswahl aus unseren Titelseiten / Redaktion MZ
Irgendwann im Juli eine Anzeige im spanischsprachigen "Diario de Mallorca": Redakteure für deutschsprachige Zeitung gesucht. Wie bitte? Noch ein Blatt auf Deutsch? Das Bewerbungsgespräch findet in der barocken Führungsetage des "Diario" statt. Ein zweites Gespräch mit dem Vorstandschef des Mutterverlags Prensa Ibérica folgt. Ich bin beeindruckt von der Seriosität des Vorhabens und der Akteure.
Erst einmal auf den Zahn fühlen
Im August 99 werde ich Redakteur des "Diario de Mallorca". Bis auf Weiteres zuständig für Sonderthemen und längere Reportagen in der Sonntagsausgabe. Mit der deutschsprachigen Zeitung sei man noch nicht so weit. Aber man bereite schon die zukünftigen Redaktionsräume in der vierten Etage des Verlagsgebäudes vor. Weiteres Personal werde vorläufig allerdings nicht rekrutiert. Man will mir also zunächst auf den Zahn fühlen.
Was meine Aufgabe bei der ersten deutschsprachigen Zeitung des Verlags sein wird? Die Verantwortlichen halten sich bedeckt. Stattdessen sitze ich gefühlt jeden Abend nach getaner Arbeit im Büro des damaligen Diario-Chefredakteurs. Der Chefredakteur stellt mir viele Fragen. Mitunter wirkt es wie ein nicht enden wollendes Bewerbungsgespräch. So vergeht ein halbes Jahr.
Zu Beginn des Jahres 2000 werde ich zum Ressortleiter des "Diario" befördert. Ressortleiter ohne Ressort. Kurze Zeit später folgt der nächste Schritt. Die vierte Etage sei einzugsbereit, die Schreibtätigkeit für den "Diario" beendet. Die neue Aufgabe, nun als Chefredakteur: in zwei, höchsten drei Monaten soll die Mallorca Zeitung am Kiosk liegen.
Ich sitze in einem großzügigen Büro mit Blick aufs Meer. Der Chefredakteur und der Geschäftsführer des Diario gratulieren mir. Man habe keine Zweifel, den Richtigen ausgesucht zu haben. Nur ein Mal sei man verwundert gewesen. Aber das sei schon ein paar Monate her, als es noch sommerlich heiß war. Auf dem Weg zum Drucker hätte ich meine Sandalen unter dem Tisch stehen lassen und sei barfuß durch die Redaktion des "Diario" marschiert. Die irritierten Blicke ob dieses unzivilisierten Verhaltens habe ich nicht wahrgenommen.
"Ich bin also Chefredakteur"
Ich bin also Chefredakteur. Doch angesichts der Verantwortung wächst in mir statt Vorfreude die Anspannung. Ich kann nur erahnen, wie viel Geld das Projekt schon gekostet hat und noch kosten wird. Erfreulich: Schon bald bin ich nicht mehr allein. Seit meiner Ankunft auf Mallorca habe ich ein paar Journalisten kennengelernt, die nun den Kern des Redaktionsteams bilden. Weiteres Personal wird aus Deutschland rekrutiert.
Der Verlag des Diario unterstützt das Vorhaben mit den besten Leuten für Design und das überlebenswichtige Anzeigengeschäft. Der anfänglich hohe Puls weicht einer fiebrigen und gleichzeitig (noch) entspannten Produktionsphase. Der journalistische Kühlschrank muss mit Reportagen, Interviews, Porträts, Analysen und Kolumnen gefüllt werden.
Das Erscheinungsdatum der ersten Ausgabe wird auf den 12. Mai terminiert. Als die Nummer 1 am Abend des Vortages durch die hauseigenen Druckmaschinen rauscht, stehen wir daneben –staunend und stolz wie Erstklässler mit der Schultüte. Das Problem: Von jetzt an muss Woche für Woche eine Zeitung produziert werden. Auch, wenn der Kühlschrank leer ist. Nahezu unvorstellbar, zu diesem Zeitpunkt.
Dritte deutschsprachige Publikation am Markt
Außerdem: Die Zahlen müssen stimmen. Dass die Mallorca Zeitung als mittlerweile dritte deutschsprachige Publikation am Markt ist, macht die Sache nicht einfacher. In der Redaktion fühlen wir uns wie in einer Fußballliga mit drei Vereinen, von denen einer absteigen muss. Woche für Woche treten wir gegen unsere Gegner an.
Von gegenseitiger Antipathie und emotionalem Kampfgeist zu sprechen scheint mir nicht übertrieben. Die deutsche Presse hat anscheinend den gleichen Eindruck. "Spiegel", "Welt" und andere kommen auf die Insel und bringen Berichte mit dramatischen Schlagzeilen wie "Zeitungskrieg auf Mallorca – wer wird überleben?".
Durchatmen und weitermachen
Ein gutes Jahr später steht der Verlierer fest. Künftig geht es also nur noch gegen einen Gegner. Durchatmen und weitermachen. Um die selbst auferlegte Qualität der Zeitung zu sichern, werden die Computer oft erst nach Mitternacht ausgeschaltet. Sonne und Strand liegen vor der Tür, interessieren jedoch von Tag zu Tag weniger. Es gibt Wichtigeres und zudem wenig Zeit für Müßiggang.
Die Mallorca Zeitung wird eine hart erarbeitete Erfolgsgeschichte. Der 25te Geburtstag im Mai 2025 belegt dies eindrücklich. Ich gratuliere meinem Nachfolger Ciro Krauthausen, der seit Jahren die Geschicke der Zeitung leitet, und dem gesamten Team zu dieser Leistung. Es macht mich stolz, meinen Beitrag geleistet zu haben.
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