Adiós "Chinesen-Arbeit": Warum Mallorcas junge Chinesen sich neu orientieren
Den chinesischen Einwanderern auf Mallorca haftet noch immer das Stereotyp des arbeitswütigen Asiaten an. Dabei ist die jüngere Generation längst dabei, sich umzuorientieren

Like Ye hat in Son Castelló einen Indoor-Spielplatz eröffnet. / B. Ramon
Weltweit sind sie bekannt für ihre unermüdliche Arbeitsdisziplin, in Spanien hat sich gar der Ausdruck trabajo de chino (Chinesen-Arbeit) für besonders harte Beschäftigungen eingebürgert. Auch auf Mallorca hält sich seit vielen Jahren das Stereotyp des chinesischen Einwanderers, der nichts anderes tut als arbeiten. Dabei haben sich die jüngeren Generationen längst anders orientiert.
Anders als die Eltern

Minwei Jiang betreibt eine Immobilienagentur in Palma. / B. Ramón
„Unsere Eltern mussten zwölf Stunden am Tag arbeiten, weil sie eine Familie versorgen mussten, die noch in China lebte, und gleichzeitig ihre Ausgaben auf Mallorca decken. Wir jungen Leute haben ein größeres finanzielles Polster, das uns mehr Freiheit gibt“, sagt Minwei Jiang. Der heute Enddreißiger kam 2001 im Alter von 14 Jahren auf die Insel, vor fünf Jahren gründete er eine Immobilienagentur in Palmas Einwandererviertel Pere Garau. Jiang gehört zur zweiten Generation der Chinesen auf der Insel und hat sich bewusst von den mit ihnen assoziierten Tätigkeiten entfernt: der Arbeit in den Billig-Kramläden, Bars und Restaurants.
Die chinesische Gemeinschaft auf Mallorca sei sehr solidarisch untereinander, sagt Jiang. Viele neue Geschäftsmodelle seien mit dem Ziel entstanden, Dienstleistungen für Landsleute auf der Insel anzubieten. So auch seine Immobilienagentur – die meisten seiner Kunden stammen aus China. „Wir haben eine starke Verbindung zueinander und helfen uns“, betont Jiang.
Wurzeln beibehalten

Xialin Liu leitet das Bildungszentrum in Palmas Stadtviertel Pere Garau / Pere Morell
Das kann Xialin Liu bestätigen: „Wir kennen uns alle und sind stark miteinander verbunden.“ Liu kam vor knapp zehn Jahren nach Palma. Dort leitet sie das Bildungszentrum Huayue, mitten im Viertel Pere Garau – dem Stadtteil mit der höchsten chinesischen Bevölkerungsdichte. Hier unterrichtet sie Chinesisch und Spanisch und hilft Chinesen, die neu sind in Spanien. „Das Bildungszentrum dient auch dazu, dass die Kinder chinesischer Einwanderer ihre Wurzeln nicht vergessen“, erklärt Liu. „Gleichzeitig sollen alle Interessierten die Möglichkeit haben, mehr über diese Jahrtausende alte Kultur zu erfahren.“ Die Balance zwischen Verwurzelung und Offenheit für Neues zeichne die jüngere Auswanderer-Generation aus.
Dabei ist der Run auf die Balearen abgeebbt. Noch bis vor wenigen Jahren erlebte die chinesische Bevölkerung auf den Balearen ein starkes Wachstum: von 686 registrierten Personen im Jahr 2000 auf 4.627 im Jahr 2012 – ein Anstieg von fast 600 Prozent. In jüngster Zeit jedoch hat sich dieses Wachstum verlangsamt. Im Jahr 2024 sind auf dem Archipel 5.307 Chinesen registriert – nur etwa 14 Prozent mehr als 2012.
„Früher kamen die Chinesen nach Mallorca, weil die Situation in unserem Land sehr schwierig war. Heute hat sich China weiterentwickelt, und weniger Menschen müssen auswandern“, erklärt Jiang. Auch die gestiegenen Immobilienpreise auf der Insel hätten viele Landsleute abgeschreckt.
Jiangs Vater kam zur Zeit der Immobilienblase als Bauarbeiter auf die Insel. „Früher ging es nur ums Arbeiten, und wir hatten kaum Zeit für die Familie“, so Jiang. Die jüngeren Leute wollten so ein Leben nicht mehr. „Heute gibt es Chinesen, die reisen und ihre Freizeit genießen – das war früher undenkbar.“ Die Pandemie habe diese Denkweise verstärkt.
Spielpark statt Basar

Like Ye betreibt einen Indoor-Spielplatz in Son Castelló / B. Ramon
Auch Like Ye hat sich bewusst dafür entschieden, nicht denselben beruflichen Weg zu gehen wie seine Eltern. Statt deren Basar-Laden in Santa Ponça weiterzuführen, eröffnete er vor etwa fünf Monaten einen Indoor-Spielpark in Palmas Industriegebiet Son Castelló. „Jeden Tag wird es für meine Eltern schwieriger, sich über Wasser zu halten. Die Rohstoffpreise sind stark gestiegen, und es ist sehr schwierig, mit großen Märkten zu konkurrieren“, berichtet er. Nicht zu vergessen der Online-Handel, die größte Konkurrenz vieler chinos, wie die Kramsläden umgangssprachlich genannt werden.
Ye lebt seit 15 Jahren auf Mallorca, hat sich an das Leben hier gewöhnt. „Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung, einen anderen Weg eingeschlagen zu haben“, sagt er. Vor allem, weil seine Eltern sie mittragen. „Sie haben mich sehr unterstützt.“
Tourismusführer bei Uber

Shuoyan Luo arbeitet jetzt als Touristen-Chaffeur bei Uber / Pere Morell
Shuoyan Luo ist ebenfalls seit 15 Jahren auf der Insel. Seine Eltern arbeiteten bis zu ihrer Rente in einem chinesischen Restaurant in Alcúdia. Er selbst möchte das Städtchen verlassen und sich eine Wohnung in Arenal kaufen. Beruflich hat sich Luo bereits neu orientiert: Er arbeitet als Uber-Fahrer und kutschiert chinesische Touristen über die Insel. Seine Kunden gewinnt er über ein chinesisches soziales Netzwerk: „Der chinesische Tourismus ist stark gewachsen, Mallorca ist in den vergangenen Jahren sehr berühmt geworden“, sagt er.
Er kenne die Insel „besser als viele Mallorquiner“, rühmt sich Luo. In Hunderten von Restaurants habe er bereits gegessen und Dutzende von Buchten besucht, um sie seinen Kunden anzupreisen. Die Arbeit sei besser bezahlt und „ruhiger“ als seine frühere Tätigkeit: Er schuftete einst in einer Sojafabrik von früh bis spät. Doch damit habe er abgeschlossen. Wie viele seiner Generation verfolgt auch er das Motto: arbeiten, um zu leben, statt leben, um zu arbeiten.
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