10 Euro sind die Grenze: Besuch auf dem Klamotten-Markt in Palmas Stadtteil Pere Garau
Der Mercat de Pere Garau ist für seine Obst-, Gemüse- und Tierstände bekannt. Doch es gibt dreimal die Woche noch einen weiteren, den der Gitanos mit ihren Stoffen und Kleidern

Auch Wühltische mit Waren für 1 Euro das Stück finden sich auf dem Markt von Pere Garau. / Nele Bendgens
Es ist ein eher grauer Montagmorgen, und Palma erwacht nur langsam aus dem Schlaf. An der Plaça de les Columnes hat der Reinigungs-Wagen der Stadtwerke gerade erst den Boden mit Wasser sauber gespritzt, während auf den Bänken bereits die ersten Grüppchen von Männern ihr Bier trinken. Der in der Mitte liegende Spielplatz ist um diese Zeit verlassen, die Kinder sind längst auf dem Weg zur Schule. Mehrere ältere Frauen laufen mit ihren Einkaufs-Trolleys Richtung Mercat de Pere Garau. Hier sind auf dem Außengelände der Markthalle die Stände der Textilwaren-Händler bereits montiert, aber noch laufen nur wenige Kunden durch die Reihen.

Am Montagmorgen ist noch nicht so viel los auf dem Pere Garau Markt mit Kleidung. / Nele Bendgens
Platz für 108 Marktstände
Eine 52-jährige Markt-Inspektorin mit blonden Haaren, die nicht namentlich genannt werden möchte, prüft gerade, ob alles korrekt aufgebaut ist. „Insgesamt gibt es hier Platz für 108 Marktstände mit jeweils 2,20 Meter Länge“, erzählt sie. „Es sind 56 auf der Vorder- und 52 auf der Rückseite des Marktgebäudes.“ Die Plätze werden jedes Jahr im September vom Rathaus vergeben. „Aber es werden wenige Plätze frei, es gibt bereits Wartelisten“, fügt die Inspektorin hinzu. Früher mischten sich auf diesem Markt am Dienstag, Donnerstag und Samstag die Textilwaren mit dem Angebot an Obst, Gemüse und lebenden Tieren. Es herrschte stets dichtes Gedränge. Um das in der Pandemie zu vermeiden und Sicherheitsabstände einzuhalten, beschloss das Rathaus im Jahr 2020, den Handel mit Textilien auf Montag-, Mittwoch- und Freitagvormittag zu verlegen. Und so ist es bis heute.

Auf dem Markt von Pere Garau gibt es neuwertige Ware für maximal 10 Euro. / Nele Bendgens
„Die Regierung hat uns komplett vergessen“, sagt Concepción Moreno López (48). „Sie hat das Pandemie-Konzept einfach beibehalten, aber wir haben dadurch viel weniger Kunden und Einnahmen als vorher. Wer kommt schon für ein Paar Socken auf den Markt?“ Das Angebot an ihrem doppelten Stand ist nicht sonderlich abwechslungsreich: Unterhosen für Männer und Frauen sowie Socken auf fünf Meter verteilt. Alles günstigste Ware. López steht bereits seit 30 Jahren hier auf dem Markt, mit 18 hat sie den Stand von ihren Schwiegereltern übernommen. „Erst habe ich das mit meinem Mann gemeinsam gemacht, aber seit der Änderung wirft das Geschäft nicht mehr genug ab, und so muss er jetzt woanders arbeiten.“ Von ihren vier Kindern wolle niemand eines Tages den Stand übernehmen.
Bei Soledad Conteras Vargas (51) war das anders. Sie hat als die älteste von sechs Schwestern vor sieben Jahren den Stand von ihrer Mutter übernommen, die ihn wiederum von ihrer Mutter bekommen hatte. Vargas nutzt ihren Platz perfekt aus und hat sich eine Art Bude mit Kleidungsständern in doppelter Höhe um sich herum gebaut. „Ich bin schon seit 6 Uhr morgens da, wie immer die Erste hier“, sagt sie, während sie den Frauen, die sich vor ihrem Stand drängen, immer wieder neue Kleidungskombinationen vorführt. Sie bietet auch Restposten von El Corte Inglés an, die Etiketten muss sie herausschneiden. „Ich komme jede Woche zu ihr, sie hat immer andere Ware“, sagt eine ältere, adrett gekleidete Dame, die früher einmal eine Bäckerei in dieser Gegend hatte.

Soledad Conteras Vargas berät ihre Kundinnen. / Nele Bendgens
"Touristen verirren sich fast nie hierher"
Sie ist nicht die einzige Stammkundin. Auch Antonio (30) berichtet, dass die Käuferinnen seiner Damenmode vor allem „gente de costumbre“ seien. „Touristen verirren sich fast nie hierher. Dieser Markt ist ein Stück Kultur von Mallorca. Viele Stände werden von Generation zu Generation weitergegeben. Es gibt viele Familien, die nur das hier haben“, sagt er. Die meisten Händler hier sind katalanische Gitanos, wie die Roma in Spanien genannt werden. Auch Antonio hat den Stand von seiner Mutter übernommen. Wegen der veränderten Markttage hat er andere Märkte auf der Insel aufgegeben. Er verkauft Lagerbestände, ausgewählte Stücke für jeweils 10 Euro. Mit Kartenzahlung kommt man hier nicht weit, fast alle wollen in bar bezahlt werden.

Miguel Senior an seinem Marktstand mit Stoffen / Nele Bendgens
„Al ataque chicas! Hay oferta!“ (Greift zu Mädels! Sonderangebot!), hört man Miguel (33) einen Gang weiter rufen. Er verkauft alle Kleidungsstücke für nur 2 Euro das Stück. „Bei dem Publikum hier kann man nicht teuer verkaufen, maximal für 10 Euro“, sagt er. Eine Kundin will trotzdem verhandeln und erst anprobieren. „Umtausch gibt es aber nicht“, stellt er klar. Seine Frau Sonia sitzt mit der zweijährigen Tochter in der Karre vor dem weitläufigen Stand und achtet darauf, dass niemand etwas mitgehen lässt. Zwei Stände weiter vorne bietet Miguels Vater (55), der ebenfalls Miguel heißt, Stoffe an. „Ein Lager brauche ich nicht. Wir haben zwei Lieferwagen im Parkhaus und da bewahren wir die Ware drin auf“, erzählt Miguel junior, der seit seinem 20. Lebensjahr auf dem Markt steht, auch in Sóller, Sineu und Santa Maria. Kann er seine Familie davon ernähren? „Genauso schlecht wie alle anderen auch, aber es ist alles, was ich kann“, antwortet er.
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