Eine Hölle für Spielsüchtige: Besuch in Mallorcas größter Bingohalle
Ein Blick hinter die Kulissen der Glücksspielhalle zeigt: Es macht Spaß, aber die Stimmung vor Ort ist deprimierend

Jedes Bingo-Kärtchen kostet jeweils zwei Euro. / Ralf Petzold
Eine Halle voller Menschen, und doch verspürt man so viel Einsamkeit. Sie sitzen an den runden Tischen und blicken auf ihre Bingokärtchen. Im Eiltempo kreuzen sie Nummern weg. Es ist still, bis auf die Computerfrauenstimme, die Zahlen durchsagt: „66, sechs, sechs.“ Bevor man überhaupt die Zahl wegkreuzen kann, ist schon die nächste an der Reihe. Eine Person sagt lustlos „Bingo“, dann ein kollektives Stöhnen im Raum – und wie das kontinuierliche Drehen einer Bingotrommel geht die endlose Schlaufe von Adrenalin, Demut, Anspannung und Nervosität weiter.
Der erste Eindruck
Die Bingohalle Rosales am Carrer Manacor in Palma sieht schon von außen nicht gerade nach großem Spaß aus: ein hässliches Gebäude mit roter Aufschrift auf dem Dach. Eine Frau kommt aus der Halle heraus und zündet sich eine Zigarette an. Die mittelalte Latina erzählt, sie sei schon seit etwa fünf Stunden da und habe noch nichts gewonnen. „Ich bin fast jeden Tag hier“, sagt sie, drückt die in etwa zwei Minuten vollständig aufgerauchte Zigarette aus und eilt zurück in die Halle. Bloß keine Runde verpassen.
Im Eingangsbereich befinden sich Glücksspielautomaten. Apathisch sitzen einige Männer vor den blinkenden Bildschirmen. Die Frau hinter dem Tresen steckt den Ausweis in ein Lesegerät. „Spielsüchtige können sich selbst anzeigen“, erklärt sie. Zudem gebe es auch eine hauseigene schwarze Liste von Menschen, die in der Vergangenheit negativ aufgefallen seien – etwa durch Alkoholkonsum.
Die Atmosphäre und der Ablauf im Saal
Die Halle ist groß und gut gefüllt an diesem Montagabend. Einige sitzen in Gruppen, aber viele auch alleine vor ihren Bingokarten. An den Wänden hängen Bildschirme, auf denen Bingokugeln mit Zahlen eingeblendet werden, sowie eine Anzeigetafel, die den Gewinn für Bingo, eine Linie, den Preis der Kärtchen, die Anzahl verkaufter Karten und die letzte gezogene Zahl zeigt.
So funktioniert Bingo
Wer die durchgesagte Zahl auf dem Kärtchen hat, muss sie durchstreichen. Wenn alle Zahlen in einer Reihe durchgestrichen sind, gewinnt man eine „Línea“; wer alle Zahlen auf dem Kärtchen durchstreicht, hat das Spiel gewonnen. Es gibt auch Sonderrunden mit einer „Prima“ – etwa 1.000 Euro mehr Gewinn, wenn der Sieger in weniger als 57 Kugeln Bingo ruft.
Je mehr Karten verkauft werden, desto höher der Gewinn. Beim Verkauf von 166 Kärtchen beträgt der Gewinn 566 Euro, bei 385 Karten sind es 1.385 Euro. Die meisten Menschen spielen mit mehreren Karten gleichzeitig. Die Zahlen kommen nicht aus einer klassischen Trommel, sondern vom Computer, und die Kärtchen haben Seriennummern. So kontrolliert das Personal nur die Nummer des Siegerkärtchens – nicht jede einzelne Zahl.

Noch guter Dinge in einer eher trostlosen Atmosphäre: die MZ-Reporterin in der Bingohalle Rosales in Palma. / RALF PETZOLD
So läuft es in der Halle ab
Nach jeder Runde eilen mehrere junge Frauen durch den Raum und verkaufen die Karten: 2 Euro das Stück. Wenn man nicht explizit Nein sagt, möchte man automatisch bei der nächsten Runde mitmachen. Kurz vor Beginn rufen sie mehrfach „No más“ (nicht mehr), um die letzte Chance für den Kauf anzudeuten.
Es gibt auch Essen und Getränke. Die Kellner sind ausschließlich Männer, und das Angebot entspricht einer typischen spanischen Bar: Bocadillos (belegte Brote) und Menú del día (Tagesmenü). Statt Sonne und frischer Luft sorgt hier die Computerstimme und kollektive Frustration für das Ambiente. Die Preise sind etwas höher als üblich: 2,80 Euro für ein Bier, 5,15 Euro für ein Serrano-Schinken-Brot. Das Essen kann man mit Karte zahlen, die Bingokarten nur bar. Ein Mann mit Anzug und Kartenlesegerät geht durch den Raum und bringt später das Bargeld, wobei die Halle eine Kommission von ein Prozent nimmt.
Gewinnen heißt nicht automatisch Freude
Bingo Rosales ist ein Paradies für Spielsüchtige: immer Essen, Trinken, Bargeld vor Ort und immer neue Runden Bingo. Die Zeit vergeht schnell, und bei jeder Zahl spürt man ein Kribbeln. Obwohl die Stimmung trostlos ist, macht das Spiel auch Spaß. Doch die Frustration, immer knapp vor dem Gewinn zu scheitern, ist groß. Der Frust verschwindet oft nicht einmal nach dem Gewinn. Eine ältere Frau, die gerade mehrere hundert Euro gewonnen hat, wirkt genauso traurig und lustlos wie zuvor bei vergeblichen Runden.
Wer spielt und wer ist betroffen?
Im Saal sitzen meist Frauen, obwohl Spielsucht überwiegend Männer betrifft. „90 Prozent unserer Spielsüchtigen sind Männer, nur zehn Prozent Frauen“, sagt Tomás Femenias, Direktor des Suchtbehandlungszentrums in Inca von Projecte Home. Frauen suchen seltener Hilfe. Die meisten Betroffenen verspielen ihr Geld vor Ort (72 Prozent), nur 28 Prozent online. Sie spielen in Spielhallen, Casinos und Bingohallen.
Die Mehrheit stammt aus Mittel- oder Unterschicht, häufig mit hohen Schulden. Femenias sagt vorsichtig: „Die Betreiber wollen möglichst viel Umsatz. Der ausgeschenkte Alkohol trägt zum Kontrollverlust bei, Stammkunden werden manchmal eingeladen.“ Er betont aber auch, dass nicht alle Besucher Spielsüchtige sind: „Glücksspiel ist gesellschaftlich geduldet, manche spielen einfach zum Spaß.“
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