Würde für die Ausgestoßenen: das Erbe von Mallorcas Skandal-Priester Santandreu
Mit dem Tod von Jaume Santandreu verliert Mallorca nicht nur einen schwulen Ex-Geistlichen, sondern vor allem einen Mann, der sich über alle Konventionen hinweg für Randgruppen einsetzte - und sich dabei bis zum Ende treu blieb

Kämpfte unermüdlich für die Würde der Ausgestoßenen: Jaume Santandreu / Redaktion DM
Revoluzzer und Poet, Hausbesetzer und Politiker, Homosexueller und Pfarrer - Mallorca hat mit dem Tod Jaume Santandreus den wohl vielschichtigsten und zugleich menschlichsten Kämpfer gegen soziale Ungleichheit, Ausgrenzung von Randgruppen und Missständen in der katholischen Kirche verloren. Santandreu starb am Sonntagmorgen (1.6.) mit 86 Jahren und nach schwerer Krankheit in dem einst von ihm gegründeten Obdachlosenheim Can Gazà.
Versöhnung im Oktober

Jaume Santandreu (2.v.l.) neben Bischof Sebastià Taltavull (3.v.l.) bei der Buchvorstellung am 24. Oktober in der Crist-Rei-Kirche in Manacor / Sophie Mono
Sieben Monate ist es her, da stand Santandreu noch einmal im Fokus der Öffentlichkeit. Ende Oktober 2024, als er in seiner Heimatkirche in Manacor sein letztes Buch vorstellte - und trotz der jahrelangen Hass-Liebe zur katholischen Kirche eine Versöhnung mit derselben anstrebte. Nicht nur die MZ war damals vor Ort, sondern auch Mallorcas Bischof Sebstià Taltavull. Und setzte damit ein klares Statement: Auch die katholische Kirche scheint in der Lage, vergeben zu können. "Erst die Geste des Bischofs, mich zu begleiten, gibt dem Ganzen Gewicht", verriet Jaume Santandreu nach dem Akt sichtlich bewegt der MZ.
Schon damals schien er geahnt zu haben, dass sein Leben zu Ende geht. „Ich habe meinen Frieden gefunden“, erklärte er im Oktober. Frieden, den der 86-Jährige benötigte, um zu sterben, so hörte man heraus. „Mein Weg ist irgendwann zu Ende", betonte der Ex-Priester. Dass der Tod ihn tatsächlich sieben Monate später ereilt hat, macht den Versöhnungsakt in Manacor, bei dem er nicht nur seine Weggefährten, sondern auch seine Familie, Bekannte und Kritiker herzlich umarmte, um so bedeutender.
Anfänge als Geistlicher
Bei allem Querulantentum – Fairness war schon immer ein Teil von Santandreus vielschichtigem Charakter. Geboren am 9. Juni 1938 an der Küste des Cós de Manacor, trat er 1948 ins Priesterseminar ein. Im Dezember 1960 wurde er in der Kathedrale von Mallorca zum Priester geweiht. "Er war tätig in den Pfarreien Sant Francesc de Paula in Palma, Sa Pobla und vier Jahre lang in Piura, im Nordosten von Peru", erinnert Jaume Mateu i Martí, Freund und Wegbegleiter von Santandreu, jetzt in einem Nachruf.
Nach der öffentlichen Bekanntmachung seiner Homosexualität und dem Rücktritt vom Priesteramt heiratete er 2022 Miquel Àngel Castell. Doch bereits zuvor war er ein Revoluzzer, bei dem die Kirche immer wieder mehr als zwei Augen zudrücken musste. Einst trat er für die Rechte der Armen einen Hungerstreik an, protestierte mit Eisenketten und Palästinensertuch für den Fortbestand eines seiner Sozialprojekte, der Finca Casa Llarga in Palma, und besetzte die Einrichtung zeitweise sogar. Noch in seiner aktiven Priesterzeit sprach er freimütig über seine Homosexualität und amourösen Abenteuer. Und er Bücher schrieb über sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen und seine kommunistischen Überzeugungen, die er, angetrieben vom Drang nach Gerechtigkeit, auch als aktives Mitglied der Partei ERC vertrat. Kein einfacher Zeitgenosse also für eine Institution, die bis heute vieles tabuisiert.
Nicht nur meckern, auch machen

Jaume Santandreu im Can Gazà / Redaktion DM
Doch Jaume Santandreu war niemand, der nur meckerte. Vor allem war er jemand, der anpackte - und dabei keine Scheu hatte, sich die Hände schmutzig zu machen. Sein Engagement für die Armen zieht sich durch sein gesamtes Leben. 1973 gründete er „Acolliments“, einen Treffpunkt für Arbeiter in s’Arenal, die durch die damalige Krise Arbeit und Wohnung verloren hatten. 1981 stellte er das „Hospital de Nit“ auf die Beine, ein Wohnheim, das sich hauptsächlich um Menschen kümmerte, die im Alkohol gefangen waren. 1993 gründete er die „altruistische Vereinigung El Refugi“, die sich der Betreuung von Opfern verschiedenster Formen von Sucht widmet. 2003 folgte die Gründung von Can Gazà, Institut gegen soziale Ausgrenzung", das sich um abstinente Menschen kümmert, die keinerlei Unterstützung haben. Es ist Santandreus Herzensprojekt, bis zum Ende lebte er dort mit den Bewohnern zusammen. Es sei eine "Höhle der Ausgestoßenen, in die sich nicht einmal Gott traut", sagte Santandreu im vergangenen Oktober mit zärtlichem Unterton.
Nicht vergessen
"Jaume bleibt für immer in Can Gazà. Seine große und letzte Lebenslektion war es, selbst zu bestimmen, wo, mit wem, wann und wie er die Ewigkeit beginnt. So kam er nicht aus dem Krankenhaus von Son Espases nach Can Gazà zurück, um zu gehen, sondern um für immer zu bleiben. Und deshalb bleibt er uns nahe, beschenkt uns mit dem Blau seines Blickes und seiner unerschöpflichen Großzügigkeit", so Can-Gazà-Leiter Jaume Mateu i Martí im Nachruf. Und betont: "52 Jahre minus acht Tage ununterbrochene, engagierte und ausdauernde Fürsorge für die Würde Ausgegrenzter. Bis heute kann niemand außer ihm einen solchen Lebenslauf vorweisen. Das darf nicht vergessen werden."
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