Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

Wie Putins Waffenzar Nikolai Kolesov sich trotz Sanktionen gleich fünf Immobilien auf Mallorca sicherte

Ein Dokumentarfilm der Filmemacher Maria Pevchikh und Georgy Alburov stellt detailliert dar, wie sich die russische Elite Eigentum unter den Nagel reißt

Äußerst versiert im Verschleiern von Vermögenswerten: Nikolai Kolesov.

Äußerst versiert im Verschleiern von Vermögenswerten: Nikolai Kolesov. / DM

Patrick Schirmer Sastre

Patrick Schirmer Sastre

Er taucht in keiner "Forbes"-Reichenliste auf, auch seinen Namen haben die wenigsten jemals gehört. Doch der russische Unternehmer Nikolai Kolesov könnte durchaus einer der vermögendsten Menschen der Welt sein. Als Chef des Unternehmens Russian Helicopters ist er für die Produktion von rund einem Drittel der weltweit gebauten Kampfhubschrauber verantwortlich. Aber selbst in Kriegszeiten darf man diese Einnahmequelle wohl eher als Nebenverdienst bezeichnen.

Über ein kompliziertes Firmennetz, bestückt mit zahlreichen Strohmännern, und mittels der in Russland grassierenden Korruption ist es dem 68-Jährigen in den vergangenen Jahrzehnten offenbar gelungen, gleich mehrere staatliche Unternehmen in den Familienbesitz zu überführen und eine Summe in unbekannter Höhe beiseite zu schaffen.

Das zumindest legt der Dokumentarfilm "МИЛЛИАРДЫ НА ВОЙНЕ. История самого крупного хищения в оборонке" (MILLIARDEN IM KRIEG. Die Geschichte des größten Diebstahls in der Rüstungsindustrie) der Filmemacher Maria Pevchikh und Georgy Alburov nahe. Minutiös legen sie dar, mit welch dreisten Methoden Kolesov versucht, sein Vermögen zu verschleiern – und westliche Sanktionslisten gegen Kreml-nahe Unternehmer und Politiker zu umgehen. Und das auch auf Mallorca.

Immobilienkauf im Jahr 2014

Die Geschichte des Unternehmers, der kurzzeitig als Gouverneur der russischen Region Amur fungiert hatte, beginnt auf der Insel im Jahr 2014. Kolesov war damals im Vorstand des russischen Rüstungskonzerns Rostec, sowie Chef des Unternehmens Elekon. Die in der Stalinzeit gegründete Firma hat in ihrer langen Geschichte neben Kriegsmaterialien auch elektrische Anschlüsse und Modellautos gebaut. 2014 erwarb die Firma ein Anwesen im Carrer Joan Miró, 41 in der Siedlung Sol de Mallorca in der Gemeinde Calvià.

Doch im Jahr 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, wechselte das Fünf-Millionen-Euro-Anwesen den Besitzer – kurze Zeit, bevor Elekon in die westlichen Sanktionslisten aufgenommen wurde. Neue Eigentümerin ist seither Nicole Kolesova, die damals vierjährige Tochter von Kolesov.

Schräg gegenüber, mit der Adresse Avinguda Joan Miró, 24A, befindet sich eine etwas kleinere Villa, die aber über eine Treppe einen Privatzugang zum Meer hat. Auch diese war seit Jahren auf den Namen einer russischen Rüstungsfabrik namens Tambov eingetragen. Im Oktober 2021 wechselte sie plötzlich den Besitzer. Seither nennt sich eine Liudmila Tenna die glückliche Eigentümerin – niemand anderes als Kolesovs ältere Schwester.

Das rot umkreiste Haus gehört Kolesovs Tochter Nicole, das blau umkreiste seiner Schwester Liudmila Tenna.

Das rot umkreiste Haus gehört Kolesovs Tochter Nicole, das blau umkreiste seiner Schwester Liudmila Tenna. / Google Maps

Beide Immobilien wurden erworben, als Elekon und Tambov zumindest teilweise in staatlicher Hand waren. Die absolute Kontrolle Kolesovs über die Firmen sorgte aber dafür, dass sie ohne Hindernisse in den Familienbesitz übergingen.

Drei Villen für einen Fünfjährigen

Doch Kolesovs Lust am Immobilienbesitz auf Mallorca war mit den beiden Häusern nicht befriedigt. Und so erwarb er im Jahr 2024 gleich drei Villen im Carrer Vista del Mar in Cala Vinyes, ebenfalls in Calvià. Allerdings wurden die natürlich nicht auf seinen Namen eingetragen. Käufer war der damals fünfjährige Sohn Aleksey, der wie Nicole ebenfalls aus Kolesovs zweiter, mittlerweile geschiedener Ehe stammt. Zehn Millionen Euro sind die drei Immobilien wert, die direkt nebeneinander stehen und selbstredend über Meerblick bis nach Magaluf verfügen. Verkäufer bei der Immobilientransaktion war eine Firma namens Star, ebenfalls ein russisches Rüstungsunternehmen, das sich im Firmennetzwerk Kolesovs findet.

Nicht schlecht für einen Fünfjährigen: Diese drei Villen gehören dem kleinen Aleksey.

Nicht schlecht für einen Fünfjährigen: Diese drei Villen gehören dem kleinen Aleksey. / Google Maps

Da der fünfjährige Aleksey, der über die spanische Staatsbürgerschaft verfügt, nicht selbst zum Notar gehen konnte, wurde er von einer Jekaterina Blohina vertreten – ihres Zeichens Kolesovs Nichte. Auf Videos ist zu sehen, wie die Familie auf der Terrasse eine Party feiert. Kolesov singt Karaoke, die Kinder, unter ihnen auch der Hausbesitzer, tanzen vergnügt.

Zwei Privatjets, ein Helikopter

Auch wie die Familie zu ihren Besuchen auf die Insel gekommen ist, haben die beiden Journalisten recherchiert. Demnach verfügt die Familie Kolesov – ebenfalls über Strohleute – gleich über zwei große Privatjets und – quasi von Amtswegen – einen Helikopter. Auch nach Kriegsbeginn flogen die Maschinen regelmäßig auf die Insel. Die Angehörigen des Magnaten aus dem Schattenreich des Putin-Russlands verfügen alle über serbische Pässe, seine Kinder aus zweiter Ehe sogar über spanische. Die Einreise ist also nicht kompliziert.

Die beiden Journalisten erklären im Film, dass sie alle ihre Erkenntnisse den europäischen Behörden zur Verfügung stellen werden. Denn zumindest Kolesovs Schwester Liudmila Tenna könnte schnell ihr Haus am Meer loswerden, wenn die Behörden aktiv werden. Offizielle Dokumente zeigen, dass sie mit zahlreichen russischen Rüstungsfirmen, darunter Elekon, verbandelt ist. Somit wäre es einfach, sie auf die Sanktionsliste zu setzen.

Die ganze Doku ist auf Youtube verfügbar – und ist durchaus sehenswert. In einem lockeren, häufig unterhaltsamen Stil decken Pevchikh und Alburov auch schockierende Details aus dem Privatleben des Magnaten auf. Zudem wird eindringlich sichtbar, wie es einer kleinen Elite gelingen kann, sich große Teile an öffentlichen Unternehmen einzuverleiben – solange Putin es ihnen erlaubt.

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents