Geflochtene Identitäten am Ballermann – und die Angst vor der Polizei
Wenn Afrikanerinnen am Strand „braids“ anbieten, steckt dahinter viel mehr als ein Feriengag

Drei Urlauberinnen aus Frankreich an der Playa de Palma mit eingeflochtenen Haaren / Nele Bendgens
An der Playa de Palma ist es schon gegen 10 Uhr morgens knallheiß. Zwischen den wie Sardinen in der Büchse liegenden Urlaubern geht eine in einen langen weißen Anzug gehüllte Frau mit einem ebenfalls weißen Cap auf dem Kopf umher. Auf dem Rücken trägt sie einen großen schwarzen Rucksack und in der rechten Hand eine zusammenklappbare Tafel mit Abbildungen von afrikanischen Haarstilen. So wandert sie von Handtuch zu Handtuch: „You like some braids or twists?“, fragt sie. Willst du Zöpfe oder Twists?
Sie hat kein Glück, alle winken ab. Anscheinend hat zumindest an diesem Morgen niemand Lust auf geflochtene Zöpfe. „In Magaluf oder Cala Millor ist das meist anders“, erzählt die Senegalesin, die Fatima heißt. „Da wollen sehr viele Touristen Zöpfchen. Hier an der Playa de Palma läuft es derzeit nicht so gut“, sagt die 35-Jährige.
In ständiger Angst vor der Polizei
Als wir ein Foto machen wollen, läuft sie plötzlich weg und ruft „Policía!“. Ein anderer afrikanischer Strandverkäufer, der gerade versucht, Tücher und Hüte an den Mann zu bringen, schaut panisch in ihre Richtung. Erst nachdem geklärt ist, dass wir nicht von der Polizei, sondern Journalisten sind, schlendert der Verkäufer weiter durch die Handtuchreihen.
„Gestern hat mir die Polizei meine gesamten Arbeitsmaterialien abgenommen“, erklärt Fatima ihre Angst. „Zum Glück sind die Zöpfchen nicht meine einzige Arbeit. Ich bediene abends in der Bar Bamboleo beim Balneario sechs“. Sie ist dreifache Mutter. Sowohl ihr Spanisch als auch ihr Englisch ist gebrochen. Sie lebe seit fünf Jahren an der Playa de Palma, den Touristen hier braids zu flechten sei bloß ein Zuverdienst. Fotografiert werden möchte sie nicht, wir dürfen nur ein Bild von ihrer Werbetafel mit den verschiedenen Frisuren machen.

Fatima hat all ihre Friseur-Utensilien in einem Rucksack parat / Nele Bendgens
Im Schnitt nur eine Kundin am Tag
Auch Mafi und ihre Tochter wollen nicht fotografiert werden. Die beiden sitzen auf der Mauer der Promenade und bieten dort ihre Flechtkünste an. Ihre Werbetafel sieht exakt so aus wie die von Fatima. Auch die beiden sind aus dem Senegal und sprechen nur gebrochen Spanisch. Je nachdem, für welche der aufwendigen Frisuren auf dem Plakat sich die Kundinnen und Kunden entscheiden, liege der Zeitaufwand zwischen zwei und fünf Stunden. Für ihr improvisiertes Frisörstudio haben sie einen Klappschemel dabei. Im Schnitt hätten sie nur eine Kundin oder Kunden am Tag, sagen sie.
Dann unterhalten sie sich untereinander in einer Sprache, die wir nicht verstehen, und klappen ihre Werbeschilder zu. Auch sie trauen uns nicht wirklich, haben Angst, wir wären Beamte in Zivil. Sie erwirtschaften ihren Verdienst schwarz, ohne Genehmigung oder Steuern. „Wenn uns die Polizei erwischt, müssen wir eine Strafe von 300 Euro zahlen“, sagt Rafi. Da lohne es sich nicht, nur eine einzelne Strähne mit Kunsthaar oder einer Zierperle einzuflechten, so wie es an anderen touristischen Orten auf Mallorca angeboten werde. Rafis Preise liegen zwischen 60 und 80 Euro, je nach Schwierigkeitsgrad der Frisur.
So viel zahlt man auch bei Fatima oder in den Afro-Friseurshops in Palma. Für sogenannte cornrows, mit sehr dicht am Kopf geflochtenen und oft in Mustern verlaufenden Zöpfen, muss man je nach Länge mit bis zu 100 Euro rechnen. Die Frisuren hielten drei bis vier Wochen, sagen die Frauen, die Haare könne man trotzdem waschen. Die Enden der Kunsthaare werden dafür mit der Flamme eines Feuerzeuges verschweißt. Da Europäer aber eine andere Haarstruktur als Afrikaner haben, öffnen sich die Zöpfe Erfahrungsberichten zufolge meist schon viel früher.

All diese Flechtvariationen bietet Fatima den Touristen am Strand an. / Nele Bendgens
Viel mehr als modischer Style
Während die braids für die Touristen ein witziger Feriengag sind, verbinden viele afrikanische Kulturen damit eine soziale Identität. Die geflochtenen Zöpfe können dabei das Alter, den Familienstand oder den Reichtum, die Macht oder die Religion einer Person anzeigen.
Nicht zu verwechseln sind die braids mit den dreads. Diese entstehen durch das gezielte oder natürliche Verfilzen von Haarsträhnen. Dreadlocks haben oft eine tiefe spirituelle und kulturelle Bedeutung und sind ein Zeichen des Glaubens an das Göttliche. Im Kontext der afrikanischen Geschichte und später der Rastafari-Bewegung sind sie ein Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung. Dreadlocks drücken zudem die Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln sowie das Ablehnen von westlichen Schönheitsidealen aus.
Später treffen wir noch drei französische Freundinnen. Sie haben sich ihre braids selbst geflochten. Nach einem Kurztrip an die Playa de Palma warten sie auf den Bus zum Flughafen – und sind mit ihren Haaren ein echter Hingucker. Egal ob blond, rothaarig oder dunkel gefärbt – auch ihre Zöpfe zeugen von afrikanischem Selbstbewusstsein und sind dabei wunderschön.
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