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Auf der Spur verschollener Städte Mallorcas: War das hier einmal Tucis?

Palma, Pollentia, Bocchoris, Guium und Tucis – laut Überlieferung gab es einst auf der Insel fünf römische Städte. Doch nur drei von ihnen konnten bislang verortet werden. Nun gibt es über das verschollene Erbe neue Erkenntnisse und Theorien – sowie noch eine Menge Arbeit

Vicenç Lull in der Ruinenstadt von Son Fornés. Das große Forschungsteam koordinieren außerdem Rafael Micó, Camila Oliart, Cristina Rihuete und Bea Palomar.  | FOTO: MANU MIELNIEZUK

Vicenç Lull in der Ruinenstadt von Son Fornés. Das große Forschungsteam koordinieren außerdem Rafael Micó, Camila Oliart, Cristina Rihuete und Bea Palomar. | FOTO: MANU MIELNIEZUK

Frank Feldmeier

Frank Feldmeier

Können ganze Städte einfach verschwinden? Von ihren Bewohnern aufgegeben, dem Verfall überlassen und im Laufe der Jahrhunderte quasi vom Erdboden verschluckt werden?

So beinahe geschehen mit den römischen Städten auf Mallorca. Dass es davon mal fünf gab, das bezeugt im Grunde einzig eine Notiz von Plinius dem Älteren. „Die Balearen, deren Bewohner besonders gut mit der Schleuder umzugehen wissen, nennen die Griechen die Gymnasischen“, schrieb der Gelehrte im ersten Jahrhundert nach Christus in dem enzyklopädischen Werk „Naturalis Historia“. „Die größere (Mallorca) hat eine Länge von 100.000 und einen Umfang von 475.000 Schritten. Von ihren Städten haben Römisches Bürgerrecht: Palma und Pollentia; Lateinisches: Guium und Tucis; eine verbündete Stadt war Bocchoris.“

Palma befand sich wohl tatsächlich am Ort der heutigen Balearen-Hauptstadt. Überreste von Pollentia wurden ab dem 16. Jahrhundert bei Alcúdia entdeckt. Dass es Bocchoris tatsächlich gab, davon zeugte erstmals eine 1765 bei Port de Pollença gefundene Gedenktafel.

Aber Guium? Und Tucis?

Auf die Spur gekommen ist dieser Stadt jetzt der Archäologe Vicenç Lull mit seinem Team bei Ausgrabungen auf der eigentlich talaiotischen Fundstätte Son Fornés bei Montuïri – wobei die bislang freigelegten Strukturen und Funde, die auf eine Fläche mit Bauten aus römischer Zeit von rund einem Hektar deuten, noch keinen Beweis darstellen und es sich auch um Guium handeln könnte.

„Darüber führen wir eine intensive Debatte“, sagt Lull. Der emeritierte Professor der Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) plädiert für Tucis – aus Intuition, aber auch in einer Art Ausschlussverfahren. So gibt es Indizien, dass Guium bei Ses Salines gelegen haben könnte. Die Südküste war das Einfallstor der Römer, als sie 123 vor Christus die Insel eroberten. Hier fanden sich auch römische Zeugnisse, Grabplatten, Keramik.

„Sicher wissen wir nur, dass Tucis und Guium dem lateinischen Recht unterlagen“, so Lull, also einer Art Light-Version des römischen Bürgerrechts für Latiner und Bundesgenossen.

Sah so einst die mit den Römern föderierte Siedlung Bocchoris an der Nordküste aus?  | QUELLE: DAMIÀ CERDÀ

Son Fornés: links Talaiots, in der Mitte die jetzigen Ausgrabungen, rechts das künftige Museum. / ASOME UAB

Son Fornés weist nicht nur den größten Talaiot Mallorcas auf - die Turmbauten sind benannt nach der Talaiot-Zeit, wie die Epoche zwischen Bronzezeit und später Eisenzeit heißt – sondern auch bedeutende Strukturen aus der Römerzeit, wie die jetzigen Ausgrabungen gezeigt haben. Die Siedlung wurde offenbar nicht nur von den Römern assimiliert, sondern auch entscheidend geprägt: „Wenn wir das bislang freigelegte Raster auch im Rest der Siedlung vorfinden, die wir noch freilegen müssen, deutet dass auf eine komplette Neubebauung hin“, so Lull.

In den Strukturen aus der römischen Kaiserzeit ab dem Jahr 30 vor Christus, die nach und nach ans Licht kommen, lasse sich das Hippodamische Modell erahnen – ein Streifenstadtmodell mit rasterförmig angelegten Parzellen und rechtwinklig kreuzenden Straßen. „Die Funde aus der imperialen Phase zeigen ganz klar den Einfluss Roms.“

Strategische Lage im Zentrum

Die Mutmaßung, wonach sich Tucis auch zwischen Manacor und Petra befunden haben könnte, hält der Archäologe für wenig überzeugend. Zwar finden sich dort ähnlich klingende Ortsnamen oder auch die Ruinen der frühchristlichen Basilika von Son Peretó. Doch für Son Fornés spreche neben den jetzigen Funden auch der strategische Standort, gelegen im Inselzentrum, auf der Verbindungsachse zwischen Palma und Pollentia.

Im Gegensatz zu späteren Eroberern, die die Insel ihrer Kultur unterwarfen oder die Bewohner gleich ganz vertrieben, hatten die Römer vor allem kommerzielle Interessen gehabt. Dafür waren strategische Standorte wichtig. Palma im Westen, Pollentia im Norden, Guium im Süden, Tucis im Zentrum - das könnte Sinn ergeben. Nicht in diese Überlegung passt dagegen eine weitere Mutmaßung, wonach Guium auch bei Alcúdia gelegen haben soll – Indiz ist etwa ein dortiger Gutshof mit dem ähnlich klingenden Namen Guieyent. „So nah bei Pollentia, das wäre seltsam, oder?“, meint aber Lull

Rätsel um Bocchoris

Zumal nicht weit entfernt von Pollentia auch Bocchoris lag, die fünfte römische Stadt, die trotz ihrer Verortung Rätsel aufgibt. Warum entstand sie so nah an der Küste, während beim Siedlungsbau aus Angst vor Piratenangriffen sonst eigentlich ein Sicherheitsabstand gewahrt wurde?

Son Fornés: links Talaiots, in der Mitte die jetzigen Ausgrabungen, rechts das künftige Museum. | FOTO: ASOME-UAB

Sah so einst die mit den Römern föderierte Siedlung Bocchoris an der Nordküste aus? / DAMIÀ CERDÀ

Im Gegensatz zu den anderen vier Städten hatte Bocchoris nur den Status einer föderierten Stadt. Die Geschichte der Siedlung im Vall de Bóquer reicht bis ins 14. Jahrhundert vor Christus zurück. Bei den bislang nur spärlichen Ausgrabungen wurden talaiotische Strukturen genauso wie Reste einer römischen Stadtmauer entdeckt. Offenbar hatten sich die Bewohner mit den Eroberern verständigt und so ihren Status bewahrt. Dass später das nahe gelegene Pollentia Bocchoris wirtschaftlich den Rang ablief, dafür sprechen zwei bronzene Patronatstafeln, die auf die Jahre 10 vor und 6 nach Christus datiert wurden – sie zeugen davon, dass sich die Bewohner Schutzherrn unter römischen Konsuln und Senatoren suchten.

Niedergang mit Fragezeichen

Wie und warum die römischen Städte an Bedeutung verloren und schließlich ganz im Nebel der Geschichte verschwanden, ist unklar: Im 3. Jahrhundert nach Christus geriet das Römische Reich in Turbulenzen, und die archäologischen Funde auf Mallorca aus dieser Zeit sind lückenhaft und schwer einzuordnen.

Der römische Einfluss brach nicht abrupt ab, verlor aber an Bedeutung, wobei die Prägung Bestand hatte. Im 5. Jahrhundert fielen die Vandalen auf der Insel ein, dann die Byzantiner, schließlich zu Beginn des 10. Jahrhunderts die Araber. Das Beispiel Palma zeigt, wie sehr die römischen Zeugnisse unter immer neuen historischen Schichten verschwanden und heute nur noch an wenigen Stellen auszumachen sind, etwa in Tiefgaragen oder Kellergewölben.

Zeitkapsel über tausend Jahre

Dabei habe die Antike wichtige Botschaften für uns, und im Fall von Son Fornés seien sie wie in einer tausend Jahre umfassenden Zeitkapsel konserviert, so Lull. Sie zeige, wie sich eine indigene Gesellschaft den externen Einflüssen geöffnet habe, die im Gegensatz zu den vorherigen Kontakten mit den Phöniziern nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller und politischer Natur waren. Die Gesellschaft wurde kosmopolitischer, die Individuen gewannen gegenüber dem Kollektiv an Bedeutung: „Es war so etwas wie die Geburt des Kapitalismus.“

Lull ist zuversichtlich, dass sich bei den für die kommenden zwei, drei Jahre geplanten Ausgrabungen in Son Fornés – in diesem Jahr finanziert von Inselrat, Gemeinde und UAB – Gewissheit über den Standort von Tucis einstellen wird. Er rechne mit aussagekräftigen Funden.

Ohnehin scheint ein Großteil des römischen Erbes auf Mallorca noch im Erdreich zu stecken. Obwohl sich in Pollentia eindrucksvolle Reste von Tempeln, Tavernen oder Amphitheater bestaunen lassen, sind bislang wohl mehr als drei Viertel der Stadt noch nicht freigelegt. In Palma kamen wichtige Zeugnisse erst bei Bauarbeiten der vergangenen Jahre zutage. Für Bocchoris fehlen seit rund 15 Jahren die nötigen Gelder für weitere Ausgrabungen. Und Guium bietet – neben einem zugkräftigen Namen für einen Mallorca-Wein – weiterhin vor allem Stoff für Legenden. „Wir bräuchten ein übergreifendes Forschungsprojekt für die römischen Städte“, meint Lull. „Aber so etwas ist teuer, und Mallorca hat andere Prioritäten.“

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