Schmuggler, Bombenkrater und ein erster Kuss: Erinnerungen eines 101-Jährigen
Als Arturo Suñer ein Kind war, war Palmas Luxus-Viertel Son Vida nicht mehr als Ackerland. Und auf der heutigen Einkaufsstraße Jaume III liefen die Lämmer entlang. Jetzt wurde der Mallorquiner 101 Jahre alt - und hat viel zu erzählen

Arturo Suñer redet gerne und viel von früher. / Bernardo Arzayus
Immer mehr Menschen auf Mallorca werden mehr als 100 Jahre alt. Arturo Suñer ist einer von ihnen - er feierte am Donnerstag (6.11) seinen 101. Geburtstag. Dabei bewahrt er die Energie und das Lächeln eines Menschen, der viel erlebt hat, aber noch lange nicht müde ist, davon zu erzählen.
Von Schmugglern und Bombenkratern

Seinen 101. Geburtstag feiert Arturo Suñer in seinem Haus in Palma / Bernardo Arzayus
Seinen Ehrentag feiert dieser „Mallorquiner, Mallorquiner“, wie er sich selbst nennt, in seinem Haus in Palma – einem über hundert Jahre alten Gebäude, das wie aus einer anderen Zeit wirkt: mit antiken Möbeln und Hunderten aufbewahrter Papiere. Während des Bürgerkriegs war das Erdgeschoss Ziel eines Bombenangriffs. „Dieses Haus ist so alt, wie der Krieg her ist“, sagt Suñer. Eine weitere Bombe sei damals weiter unten in der Straße, in der Nähe der Plaça Madrid, eingeschlagen. „Diesen Krater nannte man es clot (das Loch).“ Es ist nur eine von vielen Anekdoten, die Suñer auftischt, wenn er einmal ins Plaudern gerät.
Geboren wurde Arturo Suñer im heutigen In-Viertel Santa Catalina, im Carrer Caro. Später zog die Familie in ein anderes Viertel, nach Son Espanyolet. Der Sohn eines Mannes, „der alles war – Kapitän, Schmuggler, Maschinist, Köhler“, wuchs in einer Kindheit voller Gegensätze auf. „Mein Vater war im Gefängnis. Er bekam vier Jahre, saß vier Monate, dann erwischten sie ihn wieder, und er bekam nochmal vier“, erinnert er sich.
Arturo Suñer besuchte die Schule Mar y Tierra, „als noch die Seile des alten Theaters dort hingen“, das dort zuvor untergebracht war, und verbrachte seine Tage zwischen Windmühlen und Mandelbäumen. Seine erste Arbeit fand er in einer Parfümerie, doch bald wurde er in der Fabrik Casa Buades angestellt, wo man ihn den „Tüftler“ nannte. „Es gab eine Maschine, die nicht funktionierte, und mit einem Stück Watte brachte ich sie wieder zum Laufen. Ich baute auch eine Drehbank in fünf Minuten auseinander, als der Meister es nicht schaffte“, erzählt er. „Sie legten sich nie mit mir an, aber gelobt haben sie mich auch nicht“, fügt er lachend hinzu.
Lämmer statt Luxus-Läden
Palma, sagt er, habe sich so sehr verändert, dass man es manchmal kaum wiedererkenne. Die heutige Einkaufsstraße Carrer Jaume III sei früher voller Mandelbäume gewesen und mit Lämmern, die dort entlangliefen. Das Mühlenviertel Es Jonquet war wenig besiedelt. Und das heutige Prestige-Viertel Son Vida kannte Suñer in seiner Kindheit nur als Ackerland. "Ohne Häuser; wenn irgendwo ein Baum mit Früchten stand, gingen wir essen, nicht stehlen", sagt er.
Aus jenen Jahren bewahrt er kuriose Erinnerungen – etwa an die Stiere, die per Schiff auf die Insel gebracht wurden. „Früher kamen die Stiere in einer Kiste. Ich schaute durch ein Fenster, und Nase an Nase stand einer vor mir. Auch wenn er eingesperrt war – rannte ich weg“, lacht er.
Sein Leben war einfach, aber voller Geschmack. „Wir aßen viele Hülsenfrüchte und abends arengades (getrocknete Heringe). Ananas oder Bananen zu essen war etwas für Reiche“, sagt er. Damals spielten die Kinder Räuber und Gendarm und sammelten die Kronkorken der Coca-Cola-Flaschen wie Schätze.

Noch immer gut informiert: Arturo Suñer mit einer Ausgabe der MZ-Schwesterzeitung "Diario de Mallorca" / Bernardo Arzayus
Erster Kuss - noch immer unvergessen
Unter seinen liebsten Erinnerungen ist María Sabater Serra, seine erste Ehefrau und Mutter seiner beiden Kinder. „Sie war es, die mich wollte. Sie sagte, wenn ich vorbeiging, machte ich sie fröhlich, und ich sah sie nicht einmal an. Eines Tages traf ich sie – und seitdem waren wir zusammen. Sie gab mir den ersten Kuss, so einen flüchtigen, keinen aus dem Wilden Westen“, erzählt er.
Auch die Nachkriegszeit hat sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. „Es gab Rote und Blaue, wie heute", sagt Suñer und spielt auf die politischen Lager an. "Der Vater von Arturito Pomar, dem mallorquinischen Schachspieler, war Falangist (Anhänger einer faschistischen, ultranationalistischen Bewegung, die den Diktator Franco unterstützte). Sie spazierten, und er fuhr immer vorneweg mit dem Fahrrad, wie der Hund der Legion. Als ich in Son Espanyolet lebte, kannte ich ihn, aber man spielte nicht mit ihm, weil sie Faschisten waren“, berichtet er. Pomar, 1931 geboren, war ein Schachwunderkind und erlangte Weltruhm, als er mit nur zwölf Jahren gegen den Weltmeister Alexander Aljechin remis spielte. Suñer war überrascht, als er erfuhr, dass Pomar gestorben war: „Neulich sah ich das Grab, und ich wusste gar nicht, dass er tot ist. Er müsste in meinem Alter gewesen sein.“
Suñer reiste, so oft er konnte. „Ich war in Asturien: gute Leute, gutes Essen, guter Umgang." Auch England gehörte zu seinen Reisezielen. Zudem war Suñer ein Kapitän ohne Lizenz: „Wir benutzten ein Boot, das meinem Onkel gehörte. Wenn sie mich erwischt hätten, wäre ich dran gewesen – ich, das Boot und der Besitzer.“ Das Boot, das im Yachtclub lag, hieß Cala Figuera. „Ich schrieb den Namen mit Blei, und was passiert, wenn man die Farbe abkratzt? Das Blei bleibt. Ich war der Dumme deswegen“, lacht er.
Geliebt und umsorgt
Heute lebt Arturo ruhig, umsorgt und geliebt. Seine Ehefrau seit fünf Jahren, Sonia Holguín, und deren Schwester Bremis kümmern sich liebevoll um ihn. Große Wertschätzung empfindet er für seinen Arzt, Miquel Góngora, und für die Krankenschwester Elsa Mas, die ihn zu Hause besucht. Genauso wie für seine Freunde, die noch leben und mit denen er Erinnerungen und Gespräche teilt.
„Um so alt zu werden, musst du sie besuchen“, sagt er und zeigt auf die Gesundheitsfachleute, die ihn betreuen. Und tatsächlich – in seinem alten Haus, umgeben von Zuneigung, Erinnerungen und einem Tablett voller Garnelen für den Geburtstagsumtrunk, bleibt Suñer, der ewige Mallorquiner, der lebende Beweis dafür, dass das Leben, mit einem Lächeln betrachtet, immer noch ein weiteres Jahrhundert wert ist. /somo
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