Zum Hauptinhalt springenZum Seitenende springen

MZ-Serie "50 Jahre nach Franco": Neue Arte-Doku erzählt vom Aufwachsen nach der Diktatur

Am 20. November 1975 starb Diktator Franco. Teil 1 unserer Reihe zum Thema widmet sich einem Film von Pedro Barbadillo und Cosima Dannoritzer – mit zwei speziellen Protagonisten

Der Bruder der Menschenrechtsaktivistin Pilar Zabala war baskischer Nationalist.

Der Bruder der Menschenrechtsaktivistin Pilar Zabala war baskischer Nationalist. / MIKEL KONATE, VINCENT PRODUCTIONS

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Geschichtsdokumentationen können mitunter trocken sein. Der FilmDas Erbe des Diktators – 50 Jahre Demokratie in Spanien“, eine Produktion von Vincent Productions, dem Sender Radio Bremen und Arte, der am 1 1. November bei dem Sender TV-Premiere feiert, ist ein erfrischendes Gegenbeispiel.

Er hat zwei große Stärken: In 53 Minuten liefert er eine kompakte und lückenlose Zusammenfassung über die Geschehnisse seit dem Tod des Diktators Francisco Franco am 20. November 1975. Vor allem aber verfügt die Doku über eine persönliche Note, die einem originellen Ansatz zu verdanken ist. Der auf Mallorca lebende Pedro Barbadillo mit andalusisch-deutschen Wurzeln, der mit Cosima Dannoritzer Regie führte, wählte dazu zwei „Geburtstagskinder“, die am Todestag Francos das Licht der Welt erblickten – Óscar Martín und Paloma Rodríguez.

Geburtstage fallen mit historischen Ereignissen zusammen

Mit ihnen bewiesen die Filmemacher ein glückliches Händchen. „Sie können sich beide sehr gut ausdrücken und aus ihrer Sicht erzählen, was in diesen Jahren passierte“, sagt Barbadillo. So denkt Martín etwa daran zurück, wie er 1992, als 16-Jähriger, mit seinem Bruder zur Weltausstellung nach Sevilla fuhr und miterlebte, wie sich Spanien kulturell und sozial öffnete. „Ich hatte das Gefühl, mein eigenes Land zu verlassen und die Welt zu entdecken“, schwärmt er im Film.

Rodríguez wiederum erinnert sich an die „besondere Emotion“, als sie 1996 mit 20 erstmals wahlberechtigt war. Barbadillo erklärt der MZ: „Mir schien es eine gute Idee zu sein, die Geschichte anhand von Personen zu entwickeln, die seither 50 Jahre ihres eigenen Lebens erlebt haben. Ihre jeweiligen Geburtstage fielen mit wichtigen historischen Ereignissen zusammen.“

Ein Wort in aller Munde: Freiheit

In den ersten Jahren der Umbruchzeit waren die beiden Protagonisten selbst freilich noch kleine Kinder, ihre Erinnerungen sind dementsprechend lückenhaft. Es gibt aber noch viele weitere Stimmen, die den Film bereichern. Der Jurist und Autor José María Beneyto beschreibt das kollektive Gefühl, als es zum ersten Mal wieder Wahlen gab, mit den Worten: „Es ist eine Art plötzliches Öffnen, als ob man aus einer Flasche den Korken herauszieht. Und dann schießt die ganze Kraft, der ganze Geist, der darin war, heraus. Ich erinnere mich an ein grundlegendes Wort, das in aller Munde war: das Wort Freiheit.“

Zur Auswahl der übrigen Zeitzeugen erklärt der Filmemacher, er hätte ursprünglich versucht, an die ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten Felipe González (Amtszeit: 1982 bis 1996), José María Aznar (1996 bis 2004) und José Luis Rodríguez Zapatero (2004 bis 201 1) heranzukommen. „Aber keiner von ihnen konnte oder wollte.“ Dann sei ihnen klar geworden: Diese Schlüsselfiguren mussten natürlich auftauchen, aber ihre direkten Aussagen waren für die Doku entbehrlich. „Im Endeffekt ist es viel relevanter, was Menschen zu sagen haben, die auf die eine oder die andere Weise am eigenen Leib erlebt haben, welche Herausforderungen dieser demokratische Prozess mit sich brachte“, betont Barbadillo.

Protagonisten mit Doppelfunktion

Da ist etwa Carla Antonelli, Senatorin und Trans-Aktivistin. Die baskische Menschenrechtsaktivistin Pilar Zabala, die sich für die Aufarbeitung des ETA-Terrorismus engagiert und deren Bruder selbst Nationalist war, der ins Exil floh und später gefoltert und ermordet wurde. Oder Emilio Silva, der das Schicksal seines republikanischen Großvaters klären wollte und eine Exhumierung einleitete. Dass die Protagonisten fast immer eine Doppelfunktion erfüllen, schafft eine Kohärenz: Sie sind „Experten“ für einen Aspekt, aber auch selbst involviert und schildern aus erster Person.

Emilio Silva in der Arte-Doku.

Emilio Silva in der Arte-Doku. / MIKEL KONATE, VINCENT PRODUCTIONS

Dass die Wirklichkeit viele Graustufen hat, zeigt sich in der Doku am Beispiel der katholischen Kirche: Zum einen wird erklärt, inwieweit ihr in der Demokratie ungebrochen starker Einfluss problematisch war – etwa im Hinblick auf vorherrschende, konservative Moralvorstellungen. Zum anderen bleibt Raum für Óscar Martíns persönliches Plädoyer: In seinem Leben gab ihm die Kirche stets Halt und Orientierung. „Wir fanden es wichtig zu zeigen: Auch wenn gewisse Archetypen der Rollen existieren, die die jeweiligen Institutionen gespielt haben, sah es im Privatleben der Menschen oft ganz anders aus“, erklärt Barbadillo.

Aufräumen mit Mythen zur "Transición"

Der Film räumt auch mit Mythen auf, die sich in manchen Köpfen festgesetzt haben mögen. „Die ersten Jahre der Demokratie sind quasi als Paradebeispiel der friedlichen und linearen Übergangsphase in die Geschichte eingegangen. Es gab aber einige wissenschaftliche Arbeiten darüber, dass es nicht so gewesen ist“, sagt Barbadillo. Eine stammt von der französischen Historikerin Sophie Baby, die hier zu Wort kommt und interessante Standpunkte mit einbringt.

Manche Vorgänge ließen sich mit etwas Distanz klarer betrachten, sagt Barbadillo. Das gelte auch für ihn selbst, der die transición intensiv miterlebte und nun erst durch den zeitlichen Abstand in vollem Umfang begreife, wie konfliktreich und chaotisch diese Jahre tatsächlich waren. Bilder aus der frühesten Phase der Transición, von 1976 und 77, die damals in den aktuellen Nachrichten gezeigt wurden und seitdem nie wieder, gehören zu den besonderen „Schätzen“ dieses Films. Der Off-Erzähler kommentiert dazu: „In den Städten ist die Stimmung angespannt. Rechte und linke Demonstranten prallen auf den Straßen aufeinander. Die Gewalt eskaliert.

Schlussbotschaft trifft einen Nerv

Intensive Recherche in öffentlichen und privaten Archiven verschlang den Löwenanteil der Zeit für das Projekt. Begonnen hatten Dannoritzer und Barbadillo im März 2025, kurz nachdem der Filmemacher als Leiter der Mallorca Film Commission abgetreten war. Der Rest ging verhältnismäßig fix: zwölf Drehtage, zwei Wochen Schnitt.

Als Arte-Produktion richtet sich der Film vornehmlich an deutsches und französisches Publikum. „Wir mussten daher Dinge erklären, die für Spanier offensichtlich sind“, sagt Barbadillo. Dazu gehörten etwa die Hintergründe rund um den ETA-Terrorismus. Angesichts der derzeit erstarkenden rechtsextremen Kräfte trifft die Schlussbotschaft aber einen Nerv. Sie lautet: Die Demokratie muss jeden Tag aufs Neue erkämpft und verteidigt werden.

TV-Tipp: "Das Erbe des Diktators – 50 Jahre Demokratie in Spanien", Sendetermin: Dienstag, 11. November, um 22 Uhr bei Arte und im Anschluss in der Mediathek

Abonnieren, um zu lesen

Tracking Pixel Contents