Nach Sepsis-Schock: Ehrenamtliche retten Alpaka-Finca auf Mallorca
Der Betreiber der Erlebnis-Finca erkrankte vor einigen Monaten schwer. Seine Frau steht ihm in Deutschland im Krankenhaus bei - doch die Tiere und das Anwesen auf Mallorca können nicht sich selbst überlassen werden. Warum es trotzdem weiter geht

Die Alpaka-Finca bei Felanitx / Nele Bendgens / Nele Bendgens
Er kann es nicht lassen. Immer wieder schiebt sich Kimokai vor die Linse der MZ-Kamera. Na gut, noch ein Foto. Riesige Augen, kecke Ausstrahlung, Top-Frisur - es gibt definitiv schlechtere Fotomodels. Kimokai ist eins von acht Alpakas, die auf der Finca "Hacienda d'Armado" zwischen Felanitx und Porreres leben. Ein kleines Paradies, mitten auf der Insel. Wäre da nicht die Tragödie, die derzeit alles überschattet.
Anfassen ja - aber nur in Maßen
Kimokai mag menschliche Gesellschaft, keine Frage. Zu viel Körperkontakt muss aber auch nicht sein. Einmal am Hals streicheln, das ist okay. Ohrenkraulen oder Umarmungen, das nicht. Kimokai setzt seine Grenzen sehr deutlich - ganz ohne aggressiv zu werden. Man spürt sie einfach. Und so vergeht auch der erste Impuls, das knuffige Tier einfach mal kräftig zu knuddeln, schnell. Schon nach wenigen Minuten in Kimokais Gesellschaft wird man ruhig - und akzeptiert die wenig körperliche und doch intensive Verbindung, die das Alpaka aufbaut. Einfach nur, in dem es neben einem steht, Blickkontakt sucht, beobachtet.
"Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass bei Menschen das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet wird, wenn sie Alpakas in die Augen schauen. Deshalb werden sie so häufig als Therapie-Tiere eingesetzt", sagt Tanja Hermanns. Es mag stimmen oder nicht, aber umgeben von Kimokai und seinen tierischen Mitbewohnern fällt es schwer, die Zufriedenheit abzustreiten, die sich breitmacht.

Tanja Hermanns sorgt momentan mit Hansi Nagler und Lisa Heine dafür, dass auf der Alpaka-Finca alles glatt läuft / Nele Bendgens
Therapi und Erlebnis
"Alpakas sind Distanztiere, aber sie sind sehr neugierig. Das macht das Zusammensein mit ihnen so besonders", fährt Tanja Hermanns fort. Menschen mit Behinderungen, Kinder und auch Erwachsene, die neugierig sind auf eine Begegnung mit Alpakas, kämen hier auf ihre Kosten. Nein, Hermanns ist keine große Alpaka-Expertin und auch nicht die Besitzerin der "Hacienda d'Armado". Bis Anfang des Jahres wusste sie nicht einmal, dass das idyllische Anwesen auf der Insel existiert. Zum ersten Mal selbst hier war sie bei ihrer Anreise am 1. August 2025. "Da war noch alles in Ordnung", erinnert sich die 42-Jährige.
Die Betreiber Iris und Armin Haider nahmen Hermanns damals mit offenen Armen auf ihrem Anwesen auf - ebenso, wie viele andere Gäste, die hier eines der fünf Zimmer für längere Aufenthalte mieten. Einige bezahlen dafür, andere bekommen Kost und Logis frei, wenn sie auf dem Gelände mit anpacken. "Für mich war es der Anfang einer geplanten Weltreise", so Tanja Hermanns, die als Expertin für private Krankenversicherungen von überall auf der Welt arbeiten kann. Eigentlich sollte ihr Mallorca-Aufenthalt Ende September enden. "Aber dann kam alles anders."
Plötzlicher Schicksalsschlag

Armin und Iris Haider auf ihrem Anwesen, bevor er auf die Intensivstation musste / privat
Bereits vor 25 Jahren, also kurz, bevor die Haiders nach Mallorca auswanderten, hatte sich Armin Haider einen multiresistenten Keim eingefangen, der über die Jahre mehr als 50 Operationen erforderlich machte. Als sich der 63-Jährige Ende August zu einer geplanten Rücken-OP nach Deutschland aufmachte, habe sich dennoch niemand allzu große Sorgen gemacht. Bis er dort plötzlich eine Sepsis bekam - eine Blutvergiftung, die ihn auf die Intensivstation brachte.
"Es war ein Schock, vor allem natürlich für seine Frau. Sie flog sofort zu ihm", so Tanja Hermanns. Zunächst war unklar, ob Armin Haider überleben wurde. Ihm mussten beide Beine amputiert werden, dann vier Fingerkuppen. Die Niere arbeitete nicht mehr richtig, er bekam Wasser in die Lunge, hatte mehrere Rückschläge. Erst seit Kurzem geht es langsam aufwärts, "er ist soweit stabil", sagt Iris Haider am Telefon. Trotzdem liegt noch ein weiter Weg der Genesung vor ihm. Die ganze Zeit über war Iris Haider an seiner Seite. "Sie war nur einmal für knapp zwei Tage auf Mallorca, um Sachen zu holen", so Hermanns. Wann das Paar dauerhaft zurück auf die Insel kommen kann, ist noch vollkommen unklar.
"Wir wollen kein Mitleid"
Allein: Das 25.000 Quadratmeter große Anwesen, die Mieter und allen voran die Alpakas können nicht einfach sich selbst überlassen werden. Aktuell kümmert sich ein Dreier-Gespann ehrenamtlich darum, dass alles irgendwie läuft: Iris Haiders Bruder Hansi Nagler, der ohnehin auf Mallorca lebt und nun vorübergehend auf der "Hacienda d'Armado" eingezogen ist, Lisa Heine, eine Social-Media-Managerin aus Deutschland, die schon mehrfach auf dem Anwesen zu Gast war und sich sofort bereit erklärte, einzuspringen, als sie hörte, was passiert war. Und eben Tanja Hermanns, die ihre Weltreise nun nach hinten verschiebt.
"Wir haben Glück im Unglück, wir sind eine tolle Truppe. Wir bekommen das hin und ich bin sehr gerne hier", sagt Tanja Hermanns zuversichtlich. Mitleid sei daher das Letzte, was sie wolle. Dennoch: Einfach ist es nicht. Nicht nur, dass die Alpakas zweimal am Tag gefüttert werden müssen. Bei Hitze gilt es auch, sie mehrmals täglich abzuspritzen. "Zudem sind es Tiere, die nicht zeigen, wenn es ihnen schlecht geht. Man muss sie genau beobachten, um die Anzeichen wahrzunehmen und mit ihnen in Kontakt bleiben."
Nicht zu vergessen die Erlebnis-Angebote mit den Alpakas, die auch weiterhin auf der Finca möglich sind. Spaziergänge über die Felder, Pickniks im Beisein der Tiere. Selbst Yogastunden und Kindergeburtstage können in der Gesellschaft von Kimokai und seinen Artgenossen gebucht werden. All das organisiert Iris Haider weiter von Deutschland aus - bei ihr gehen die Buchungen und Anfragen ein. Um die Umsetzung vor Ort kümmert sich das engagierte Dreier-Gespann.

Auch Kinder können in Begleitung Erwachsener Zeit mit den Alpakas verbringen / privat
Hilfe anzunehmen fällt schwer
Und nicht nur das: 12.700 Euro hat Tanja Hermanns bereits durch eine Spendenaktion im Netz zusammengetragen. Geld, das für Tierarztkosten und Futter immer gut gebraucht werden kann. "Wir wollen einfach weiterführen, was die Haiders hier aufgebaut haben. Es ging ihnen bei den Alpakas nie darum, groß Geld zu verdienen", betont Hermanns. Vielmehr habe das Paar die Tiere seit 2019 aufgenommen, weil sie neue Besitzer suchten. Auch die Preise sind moderat (23 Euro pro Erwachsener für eine Stunde mit dem Alpaka, Kinder zahlen nichts). Die wertvolle Alpaka-Wolle spenden die Deutschen jährlich an ein Kinderheim auf Mallorca. Die Haiders seien herzliche Menschen, betont Hermanns. Solche, die jeden gerne aufnehmen, und denen es stets schwerfällt, Hilfe anzunehmen. Aktuell bleibt ihnen keine Wahl, als genau das zu tun.
Kimokai scheint es nicht zu stören, dass sich derzeit andere Menschen als die Haiders seiner annehmen. Und wenn doch, dann hat er sich mit der Situation gut arrangiert, genau wie alle anderen. Bis auf wenige Zentimeter nähert sich Kimokai Tanja Hermanns. "Ich will Kontakt", sagt sein Blick. Sie lacht, berührt ihn am Hals und Kimokai kommt noch etwas näher. Alpaka hautnah - und die Welt ist für kurze Zeit vergessen.
Mehr Infos zu Angeboten auf der Alpaka-Finca finden Sie auf www.alpakas-mallorca.com oder auf Instagram alpakas_mallorca
Abonnieren, um zu lesen
- Kind auf Mallorca totgefahren: Neue Einzelheiten zum Unfall bekannt
- Spanien bekommt jetzt auch ein 'Deutschlandticket
- Spanische Weihnachtslotterie auf Mallorca: Diese Nummer wird den Gordo gewinnen
- Kampf gegen die illegale Ferienvermietung: Saftige Millionenstrafe für Airbnb
- Messerangriff in Latino-Bar auf Mallorca – Polizei ermittelt
- Tumulte im Flugzeug, Abflug abgebrochen: Neun Passagiere am Flughafen Mallorca festgenommen
- Teures Busfahren: Palma schafft vergünstigte Mehrfahrtenkarten für Nichtresidenten ab
- Esther Schweins entschlüsselt bei Lesung auf Mallorca die ewige Liebe
