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„Der ewige Faschist“: Was Franco für das Verständnis heutiger Autokraten bedeutet

Teil 2 unserer MZ-Serie "50 Jahre nach Franco": Der Historiker Till Kössler hat zum Todestag am 20. November eine neue Biografie vorgelegt

Eine 1964 aufgestellte Reiterstatue von Franco zerbricht beim Abbau 1983 in Valencia.

Eine 1964 aufgestellte Reiterstatue von Franco zerbricht beim Abbau 1983 in Valencia. / EFE

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

Till Kössler (55) ist Professor für historische Bildungsforschung an der Universität zu Köln. Pünktlich zum 50. Todestag von Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco nimmt er in seiner Franco-Biografie eine „Neuvermessung“ des Diktators vor.

Franco-Biografien gibt es viele. Welches ist Ihr so noch nicht gewählter Ansatz?

Das grundlegende Interesse rührt daher, dass ich den Eindruck habe, dass in der Gegenwart autoritäre Führungspersönlichkeiten und Diktatoren eine Renaissance erleben und ich es deshalb interessant finde, noch einmal auf Franco zu gucken – nicht, um schnell irgendetwas gleichzusetzen, aber doch, um zu sehen: Was kann man aus der Beschäftigung mit einem Diktator in der Geschichte für den Umgang mit gegenwärtigen, autoritären Herrschern lernen? Und dann hatte ich das Gefühl, dass Franco immer sehr psychologisierend behandelt wurde. Ist er deshalb Diktator geworden, weil er in der Kindheit gehänselt wurde? Ich überspitze das etwas. Man hat gefragt: War er jetzt ein kaltblütiger Mörder oder doch eher ein wohlmeinender Diktator?

Warum ist das so unergiebig?

An die Psyche kommt man doch sehr schwer ran. Man hat dazu wahnsinnig wenige Quellen und das sind oft Aussagen, die Personen Jahrzehnte später gemacht haben. Wenn dann auch die ganzen Schrecken seiner Herrschaft immer schnell mit Charaktereigenschaften erklärt werden, sieht man gar nicht die Umstände, in denen Franco Wirkmacht entfalten und in eine Position gelangen konnte, um etwa Gewalt auszuüben. Ich fand es wichtig, ihn in breitere gesellschaftliche und kulturelle Trends der Zeit einzubetten und ihn als Ausdruck dieser Tendenzen zu verstehen: In welchem Milieu wächst er auf, wie kommt er im Militär voran, welche Erfahrungen prägen ihn und andere in seinem Umfeld?

"Einblicke, wie die Diktatur im Kleinen funktionierte"

Als wertvolle Quelle nennen Sie die Aufzeichnungen seines Cousins und Privatsekretärs Francisco Franco Salgado-Araujo. Warum?

Er hat fast wie ein Tagebuch über weite Teile der 50er- und frühen 60er-Jahre seine Gespräche mit Franco aufgezeichnet. Wir sehen bei ihm etwa, dass Franco viel Zeit auf der Jagd zubringt oder im Sommer auf seiner Jacht, und dass sich um diese Freizeitvergnügungen Netzwerke angliedern. Man kann das ein wenig mit Donald Trumps Golfplatz-Touren vergleichen, wo dann alle, die versuchen, Einfluss zu nehmen, dort auftauchen. Es sind Einblicke, wie die Diktatur im Kleinen funktionierte, welche Rolle Seilschaften spielten und wie sich jenseits der Propaganda das Regime konstituierte. Franco war der oberste Part, das muss man sich ein bisschen mafiös vorstellen.

Er gilt ja nun nicht gerade als charismatischster Diktator.

Wobei auch interessant ist zu sehen: Obwohl er als Mensch im Auftreten als uncharismatisch beschrieben wird, hat er es aber doch geschafft, sich schon seit den 20er-Jahren zu einer nationalen Heilsfigur zu stilisieren. Denn er versprach, mit dem Schlechten und dem Alten zu brechen. Das sieht man schon im Kolonialkrieg in Marokko, wo er eine Rolle als der junge, frische Offizier spielte, der mit den ganzen Kriegsniederlagen nichts zu tun hat und nun eine neue erfolgreiche Militärpolitik verfolgt. Er war schon vor dem Bürgerkrieg eine Figur mit beträchtlichem Zuspruch und schafft es dann, diese Aura im Bürgerkrieg noch weiter zu festigen, wo er für viele auf der franquistischen Seite die leuchtende Gestalt wird, die den Sieg verspricht und auch tatsächlich erreicht. Von diesem Nimbus zehrt er über die kommenden Jahrzehnte weiter.

Autor Till Kössler.

Autor Till Kössler. / Torben Keiser

Den Rückhalt, den Franco aus der Bevölkerung bekam, beschreiben Sie als „negative Zustimmung.“ Können Sie das erläutern?

Das bezieht sich vor allem auf die Zeit nach dem Bürgerkrieg, in der laut meinem Eindruck ein großer Teil der Bevölkerung Franco befürwortet – das ist wichtig zu sehen. Sie sind gewissermaßen die Nutznießer des Bürgerkriegs, weil sie in wichtige politische Positionen aufsteigen und ökonomisch profitieren. Dann gibt es auch einen großen Teil, der nicht unbedingt Franco anhängt, aber die Erfahrung des Bürgerkriegs so deutet, dass ein neuer Krieg unter allen Umständen verhindert werden sollte. Franco erscheint dann als kleineres Übel, wo man sagt: Wir leben zwar in einer Gesellschaft, die ungerecht ist und in der man sich nicht frei äußern kann, aber immerhin sind wir nicht mehr in den Schrecken des Krieges verstrickt.

"Etwas, das einen immer wieder aufs Neue erschreckt"

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie zutage gefördert, die Sie selbst überrascht haben?

Einerseits, obwohl ich das auch vorher schon wusste, das massive Ausmaß an Gewalt gegen die Gegner der Diktatur – während des Bürgerkrieges, aber auch darüber hinaus. Das ist schon etwas, das einen immer wieder aufs Neue erschreckt. Das andere ist der Umgang der westlichen Öffentlichkeit mit Franco, die oft viel verständnisvoller war, als man das heute denken würde. Er wurde oft als ein „südländischer Diktator“ entschuldigt, bei dem es ja doch nicht so streng zugeht wie in „nördlichen Diktaturen“. Im Nachhinein wirkt es fast verstörend, wenn man das liest.

Wie kam es zu dieser Fehleinschätzung?

Eine große Rolle spielen kulturelle Stereotype, die viele Politiker oder Beobachter der 50er- und 60er-Jahre hatten und die teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Spanien wird entweder positiv-romantisch verklärt oder als ein rückständiges Land angesehen. Zwischen dem industriellen Nordwesteuropa und Spanien als südländisches Land, wo „Uhren und Menschen anders ticken“, wird eine klare Grenze gezogen. Da wird gesagt: Vielleicht ist so ein Land nicht wirklich fähig zur Demokratie und braucht einen starken Führer. Franco ist dann zumindest nicht ganz der Falsche und in der Lage, „diese Spanier zu zähmen“ und da „Ordnung hineinzubekommen“.

"Er ist Teil des Lebens, eine Großonkel- oder Großvater-Figur"

Was das Nachwirken der Diktatur betrifft: Wie lässt sich erklären, dass die Abkehr von Franco in Spanien so mühsam war und ist?

In der Gegenwart gibt es ja sogar eine gewisse Franco-Renaissance, in der angesichts der Krisen auf einmal die Diktatur in einem güldenen Licht erscheint – fatalerweise, muss man sagen, und vollkommen konträr zu den Fakten der Zeit. Dann spielt auch hinein, dass viele Menschen Franco mit ihrem Lebenslauf verbunden haben und – geschickt unterstützt von der Propaganda – das Gefühl hatten: Er ist Teil des Lebens, eine Großonkel- oder Großvater-Figur, gehört gewissermaßen zur Familie. Sich davon zu trennen, ist vielen nicht leichtgefallen. Hinzu kommt, dass nach 1975 die Aufarbeitung sehr schleppend verlief und schnell polarisiert wurde. Die Erinnerung an die Diktatur wurde in einen politischen Streit zwischen links und rechts gerückt, was nicht dazu beitragen hat, ein möglichst objektives Bild der Zeit zu zeichnen.

Warum „Der ewige Faschist“ als Untertitel?

Mir war wichtig, ihn als Faschisten zu kennzeichnen, weil ich den Eindruck habe, dass man etwas zu kurz greift, wenn man ihn nur als autoritären Herrscher bezeichnet. Mit dem Begriff des Faschisten wollte ich auch seine Gesellschaftsvorstellung ansprechen, die auf der klaren Trennung von „wir“ und „die anderen“ beruht – mit einer radikalen Ordnungspolitik, die alles Fremde aus Spanien entfernen sollte.

Till Kössler, „Franco. Der ewige Faschist. Eine Biografie“, erschienen im Oktober 2025 im Verlag C. H. Beck, 367 Seiten, 28 Euro (Hardcover), E-Book: 23,99 Euro

Das Buchcover zur neuen Franco-Biografie.

Das Buchcover zur neuen Franco-Biografie. / C. H. Beck

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