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Bereit für die Zeitreise! Einblicke aus dem neuen Eisenbahnmuseum auf Mallorca

In Son Carrió hat am Montag (10.11.) das seit Jahren geplante Eisenbahnmuseum eröffnet. Es ist ein neues Highlight für die Insel

Dank moderner Museumstechnik lässt sich in Son Carrió jetzt auch eine Reise über die Insel unternehmen.

Dank moderner Museumstechnik lässt sich in Son Carrió jetzt auch eine Reise über die Insel unternehmen. / Nele Bendgens

Sophie Mono

Sophie Mono

Ja, es riecht genau so, wie man es in einem Eisenbahnmuseum erwartet. Nach Eisen, nach altem Schmieröl – und irgendwie nach Vergangenheit. Es mag an der alten Dampflok liegen. Sie steht mitten in der großen Halle, die hergerichtet ist wie ein Bahnhof vergangener Jahrhunderte. Auch ein Gepäckwagen mit antik anmutenden Koffern steht am imaginären Bahnsteig. Alles alt, aber ganz real. Dann plötzlich das Unerwartete: Hologramme leuchten auf, aus Licht geformte Passagiere erscheinen, gekleidet wie zu Vorkriegszeiten. Ein Schaffner, der zum Einsteigen drängt. Die zuvor dunklen Museumswände zeigen auf einmal Projektionen eines Mallorcas, wie man es heute nicht mehr kennt. Da ist Palmas Kathedrale, umgeben von Eselskarren und bäuerlich gekleideter Bevölkerung. Die Vergangenheit so unwirklich nah, möglich durch modernste Technik.

Sammlerstücke zum Anfassen

Selbst, wer sich bisher wenig für Eisenbahnen im Allgemeinen und Mallorcas Schienennetz im Speziellen interessiert hat: Im neuen Eisenbahnmuseum in Son Carrió wird man schnell angesteckt. Von der Nostalgie um Meisterleistungen der Ingenieure. Aber auch von der Leidenschaft um ein Verkehrsmittel, das es in dieser Form so nicht mehr gibt. Hier kommen Laien, Kinder und Familien auf ihre Kosten – aber auch wahre Eisenbahnfreunde und Tüftler. „Die Ausstellungsstücke und ihre Geschichten verdienen einen Ort, an dem sie nicht vergessen werden. An dem die Bahnkultur weiterleben kann, auch bei jüngeren Generationen“, sagt Guillem Febrer. Als Vorsitzender der Stiftung der Eisenbahnfreunde Ferrocaib und Geschäftsführer der Betreiber-Gesellschaft in Son Carrió ist er maßgeblich daran beteiligt, dass aus der Idee ein Museum wurde.

Eine historische Schaffnermütze. |

Eine historische Schaffnermütze. |

An ansprechenden Ausstellungsstücken mangelte es zu keiner Zeit. Seit Jahren sind zahlreiche alte Eisenbahnen im Besitz der Stiftung, einige wurden jüngst hinzugekauft. Jetzt sind sie arrangiert in der großen Halle und den Nebenhallen, die einst als Lagerstätte für Zug-Zubehör für die Bahntrasse von Manacor nach Artà gebaut worden waren. Da ist die kleine Lokomotive mit dem verheißungsvollen Namen „Ángel de Campo“ (Feldengel), die 1918 von der Firma Henschel in Deutschland gebaut wurde und an die Loks erinnert, die einst in Palmas Hafenbereich eingesetzt wurden.

Dahinter steht der edle Passagier-Waggon „Carde y Escoriaza“, gefertigt 1930 in Zaragoza, der kurz darauf nach Mallorca kam, um den Insel-Fuhrpark zu modernisieren. Einsteigen: erlaubt! Die gepolsterten Sitzbänke – ein Komfort vergangener Reisezeiten. Nicht zu vergessen der Waggon „Correu“, gebaut 1874 in Swansea (England), der damals, vor 150 Jahren, auf Mallorcas erster Bahnlinie zwischen Palma und Inca zum Einsatz kam und ab 1879 als Postwagen genutzt wurde. Heute gilt er als der älteste Wagen seiner Art in Spanien und wahrscheinlich einer der ältesten in ganz Europa.

Es sind nur einige der Schmuckstücke, die das neue Museum bereithält. In angrenzenden Räumen sind zahlreiche weitere Fahrzeuge mit Sammlerwert ausgestellt: von der Lokomotive E95 (gebaut 1910 in Decauville), die noch immer Dampf ausstoßen kann, über die 1929 in Görlitz gebaute Wumag, die als Reparationszahlung nach dem Ersten Weltkrieg an Portugal ging, bis hin zur 1964 gefertigten Alsthom 1000 Diesellok, die in Nordspanien zum Einsatz kam.

Eine der Dampfloks in Son Carrió.  |

Eine der Dampfloks in Son Carrió. |

„Mehr als ein Museum ist es eine Zeitreise, um die mallorquinische Eisenbahn von einst zu erleben“, heißt es in einer Broschüre, die im Eingangsbereich ausliegt. Auch im ersten Stock geht es modern und interaktiv weiter. Zahlreiche Touchscreens informieren über die Dampf- und die Dieselloks, die einst über die Insel rollten. In fünf Sprachen – Spanisch, Mallorquinisch, Deutsch, Englisch und Französisch – kann sich jeder Besucher selbst durch die intuitiv und ansprechend aufbereiteten technischen und historischen Details scrollen, bequem sitzend auf Bänken, die alten Zugabteilen nachempfunden sind. Wer will, kann sogar selbst das Steuer übernehmen und eine virtuelle Zugfahrt durch das Mallorca von heute unternehmen.

An den Wänden hängen alte Fotos und Zeitleisten, die die vergangenen 150 Jahre zusammenfassen. Ein interaktiver Ganzkörper-Screen ermöglicht den direkten Kontakt zu Eusebi Estada – jenem Ingenieur, der als Erster Mallorcas Schienennetz entwarf. Originale Relikte aus vergangener Zeit, ausgestellt in klassischen Vitrinen, runden den Besuch ab: alte Öllampen der Schaffner, Signaltröten, Fahrermützen ...

Leidenschaftlich und Hartnäckig

Man merkt schnell: All das, was ab sofort in Son Carrió zu bestaunen ist, ist nichts, was mal eben so aus dem Boden gestampft worden ist. Im Gegenteil. 17 Jahre ist es her, dass die Idee für das Museum zum ersten Mal aufkam. „Das war 2008, als wir das erste Mal einen konkreten Vorschlag ausarbeiteten“, erinnert sich Guillem Febrer. Der studierte Rechtswissenschaftler steht als Geschäftsführer der von drei Behindertenhilfen getragenen Betreibergesellschaft des Museums vor. „Züge waren nie mein Beruf – aber schon seit der Kindheit meine Leidenschaft. Sie haben mich immer fasziniert und das hat nie aufgehört“, sagt er.

Als Vorsitzender der Ferrocaib-Stiftung gaben er und seine rund zehn Mitstreiter den Traum vom Eisenbahnmuseum über Jahre nicht auf. „Wir waren sehr hartnäckig“, räumt Febrer ein. Das Rathaus von Sant Llorenç habe von Anfang an an das Vorhaben geglaubt. Bei den höheren Inselinstitutionen habe es mehr Überzeugungsarbeit gebraucht. „Nicht immer wurden wir ernst genommen“, so Febrer.

Einspielungen lassen die Geschichte aufleben. |

Einspielungen lassen die Geschichte aufleben. |

Wichtiger Meilenstein, um die öffentlichen Institutionen auf ihre Seite zu ziehen, war eine Nachfragestudie im Jahr 2016, basierend auf Umfragen unter Urlaubern. Das Ergebnis: Potenziell könnte das neue Museum rund 90.000 Besucher pro Jahr anziehen. Eine Zahl, die wohl ausschlaggebend war, um auch die Balearen-Regierung vollends zu überzeugen. Heute fungiert die öffentliche Bahngesellschaft SFM sogar als Träger des Museums. Die 3,7 Millionen Euro, die das Museum gekostet hat, finanzierte die Landesregierung über EU-Gelder.

In der Ferrocaib-Stiftung, die alles initiierte, kämen verschiedenste Menschen zusammen, sagt Guillem Febrer. Ingenieure, die die technischen Raffinessen der Züge begeistern genau wie Menschen wie er selbst, denen es vor allem darum geht, ein altes Lebensgefühl aufrechtzuerhalten. „Und genau so divers sollen auch die Besucher sein“, so der Museumsleiter. Einheimische und Urlauber, Profis und die breite Masse – alle könnten im Museum auf ihre Kosten kommen.

Mit sozialer Komponente

Nicht zu vergessen die soziale Komponente: Viele der Beschäftigten hier sind Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. „Wir wollen zeigen, dass sie nicht nur in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden können, sondern diesem auch dienlich sind“, sagt Guillem Febrer. 2026 soll im alten Bahnhofsgebäude von Son Carrió, direkt neben dem Museum, noch ein Inklusions-Café eröffnen, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten werden.

„Züge verbinden nicht nur Orte, Züge verbinden auch Menschen“, proklamierte der Bürgermeister von Sant Llorenç, Jaume Soler, bei der Museumseröffnung am Montag (10.11.). Es klingt pathetisch. Aber hier, zwischen altem Schmieröl, antikem Eisen, Schwarz-Weiß-Fotografien von jubelnden und winkenden Passagieren und blitzenden Hologrammen, kann man gar nicht anders, als ihm recht zu geben.

Das Museu Ferrocarril Mallorca liegt im Carrer Estació in Son Carrió im Osten der Insel, zwischen Sant Llorenç und Sa Coma. Öffnungszeiten im Winter: mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Infos und Karten unter museuferrocarrilsfm.org

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