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Franco auf Mallorca: Neue Forschung beleuchtet Opposition, Repression und Erinnerung

Der Historiker David Ginard hat sich intensiv mit der Opposition auf der Insel gegen die Diktatur befasst – und betreut junge Forscher, die neue Aspekte der Franco-Zeit beleuchten

Franco besuchte Mallorca insgesamt drei Mal. Hier war er im Jahr 1960 mit seiner Frau in Pollença. | FOTO: DM

Franco besuchte Mallorca insgesamt drei Mal. Hier war er im Jahr 1960 mit seiner Frau in Pollença. | FOTO: DM

Brigitte Rohm

Brigitte Rohm

David Ginard i Féron (59) ist Geschichtsprofessor an der Balearen-Universität (UIB). Sein Fachbereich für Zeitgeschichte hat ein permanentes Seminar zum Bürgerkrieg und zur Franco-Zeit eingerichtet, das dieses Jahr bereits zwei zweitägige Tagungen organisierte. Eine dritte ist für April 2026 geplant. Die Wissenschaftler haben dort ihre Forschungsergebnisse vorgestellt – im Zentrum von Palma, denn Ginard betont im Gespräch mit der MZ, das Ziel sei nicht nur akademischer Austausch, sondern auch die Vermittlung für die Öffentlichkeit. Er selbst beschäftigte sich zuletzt besonders mit dem Widerstand gegen die Diktatur.

Woran forschen junge Historiker aktuell?

Im Moment gibt es eine ganze Reihe vielschichtiger Doktorarbeiten im Zusammenhang mit der Zeit des Bürgerkriegs und der Franco-Zeit auf den Balearen. Sie beschäftigen sich etwa mit Themen wie der Wirtschaft während der Franco-Zeit, der balearischen Identität gen Ende der Diktatur und im Übergang zur Demokratie oder der Rolle der Frauen.

Letzteres war auch das Thema der Tagung im Oktober mit vier Historikerinnen. Welche neuen Erkenntnisse gewannen sie?

Marina Castillo erforscht, welche Rolle die „Sección Femenina“ in der Falange spielte, was die Kirche für einen Einfluss auf die Frauen hatte und wo sie Arbeit fanden. So standen Frauen schon in der Franco-Zeit an der Spitze bestimmter Unternehmen – nicht nur, wie man vielleicht annehmen würde, Friseursalons, sondern etwa auch Hotels. Mercé Ginard beschäftigt sich mit Frauen und Mutterschaft im franquistischen Kino. María Mayayos Forschung beleuchtet, wie das Gesetz über Landstreicher und Kriminelle Anwendung auf Frauen fand. Und schließlich befasst sich Layla Dworkin mit den Industriearbeiterinnen zwischen Krieg und Franquismus. Sie arbeitet intensiv an der Frage der gewerkschaftlichen Organisation von Frauen, insbesondere in der Streichholzfabrik Sa Mistera im Viertel s’Hostalets in Palma.

"Bei einer Massenrazzia wurden 80 Franco-Gegner festgenommen"

Eines Ihrer eigenen Forschungsgebiete ist der „verborgene“ Widerstand gegen Franco auf Mallorca in den 40er-Jahren. Dazu haben Sie auch dieses Jahr ein Buch veröffentlicht.

Im Falle der Balearen war bis vor einigen Jahren die Vorstellung weit verbreitet, dass es hier keinerlei Opposition gegeben habe. Wenn man aber die Dokumente der Militärgerichtsbarkeit analysiert, ergibt sich ein anderes Bild. In den 40er-Jahren gab es etliche Prozesse gegen antifranquistische Gruppen auf den Balearen. Ich entdeckte etwa ein Dutzend Razzien gegen Aktivisten, gefolgt von Prozessen mit Urteilen, die in einigen Fällen bis zu 20 Jahre Haft betrugen. Bei einer Massenrazzia im Jahr 1948 wurden 80 Franco-Gegner festgenommen. In Diktaturen bleibt die Mehrheit der Bevölkerung passiv, aber auch hier auf den Balearen gab es Keimzellen des Widerstands. Das beweist, dass es weiterhin Spannungen innerhalb der Gesellschaft gab, und das wiederum erklärt, warum später ein politischer Wandel möglich war.

Eine sehr subtile Form des Widerstands zeigte sich während eines von Francos insgesamt drei Besuchen auf der Insel, wie Sie einmal in einem Interview erwähnten ...

Ja, das ist kurios: Im Rahmen seines Besuchs im Jahr 1947 wurde Propaganda gegen die Diktatur verbreitet, es gab ein Schmäh-Graffito, das für längere Zeit sichtbar war, bis es entdeckt und entfernt wurde. Und zeitgenössische Berichte deuten darauf hin, dass die Teilnahme der Bürger an den Feierlichkeiten zum Franco-Besuch viel begrenzter war, als die Behörden beabsichtigten. Es gibt da eine Anekdote, die durch eine glaubwürdige mündliche Quelle bekannt ist: Marcos Peralta, Aktivist der Kommunistischen Partei. In den 80er-Jahren erzählte er, dass er damals bei der Firma arbeitete, die den Dique del Oeste baute, den neuen Kai von Palma. Ein pharaonisches Bauprojekt, für das sehr viele politisch links eingestellte Arbeiter in den 40er-Jahren vom Festland auf die Insel kamen. Laut Peralta wurde ein Empfang organisiert, als Franco die Baustelle besuchte, mit Sandwiches und Wein. Praktisch keiner der Arbeiter erschien. Angesichts des Hungers, der damals herrschte, sei das bemerkenswert gewesen.

Der Geschichtsprofessor David Ginard i Féron.

Der Geschichtsprofessor David Ginard i Féron. / DM

"Die Verhöre waren brutal"

Wie sah die Repression der Franco-Gegner aus, welche Schicksale sind Ihnen bekannt?

Die Repression war sehr hart. Zu dieser Zeit gab es eine extrem strenge Gesetzgebung, etwa das Staatssicherheitsgesetz von 1942. Die Polizei handelte ohne jegliche Rücksichtnahme, sie folterte, die Verhöre waren brutal. Das erleichterte natürlich die Zerschlagung der antifranquistischen Organisationen und ermöglichte die Massenrazzien. Der Anführer der Kommunistischen Partei im Untergrund, Joan Albertí Moll aus Capdepera, soll den Berichten zufolge nach dem brutalen Verhör ein gebrochener Mann gewesen sein. Er trug schwere körperliche Folgen davon, die ihn sein Leben lang begleiteten. Ein Gericht verurteilte ihn schließlich zu einer 14-jährigen Haftstrafe. Joan Albertí aber konnte fliehen, und es gelang ihm, nach Frankreich zu entkommen, wo er dann eine Aussage vor der französischen Polizei machte. Er starb 1979 im Exil und geriet auf Mallorca völlig in Vergessenheit.

Von den Widerstandskämpfern einmal abgesehen: Wie würden Sie generell das Verhältnis der Mallorquiner zu Franco beschreiben?

Franco hatte hier glühende Anhänger, ohne jeden Zweifel. Man muss bedenken, dass er zuvor Generalkommandant der Balearen gewesen war und daher eine Reihe von Beziehungen und Freundschaften auf der Insel hatte. Zwar trat in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine deutlich spürbare Ernüchterung ein. Etwa 40 Berichte dokumentieren Austritte aus der Falange, die während der Zeit des Bürgerkriegs auf Mallorca zahlreiche Mitglieder hatte. Viele waren auch unzufrieden ob der spanienweiten, aber hier besonders schwierigen wirtschaftlichen Lage. Trotzdem legen die Quellen, die es über die 40er-Jahre und die Zeit darüber hinaus gibt, den Akzent auf die Passivität eines großen Teils der Bevölkerung. Wahrscheinlich gab es eine Mehrheit der Bevölkerung, die dem sogenannten „soziologischen Franquismus“ zuzurechnen ist. Das sind jene Leute, die weder in der Einheitspartei des Regimes Mitglied waren noch an den Kundgebungen zur Unterstützung Francos teilnahmen, und dennoch mehr oder weniger – ich beziehe mich vor allem auf die 60er- und 70er-Jahre – mit der Situation zufrieden waren. Und die mallorquinische Bourgeoisie hat sich gar am Ende des Franquismus selbst bereichert.

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