Nach einer wahren Geschichte: Dieser Comic lässt die Opfer des Franco-Regimes sprechen
Die in deutscher Übersetzung erschienene Graphic Novel "Der Abgrund des Vergessens" von Paco Roca und Rodrigo Terrasa erzählt von Pepica, die ihren Vater in einem Massengrab suchte. Und von einem dunklen Kapitel der spanischen Geschichte – bewegend, tiefgründig und visuell kraftvoll

Pepicas Vater José Celda Beneyto, genannt Pepe, wird in ihrer Erinnerung lebendig. Unten besucht Pepica das Massengrab. / Paco Roca / Reprodukt
Pepica ist 81 Jahre alt, und sie kann nicht mehr weinen. Am Tag, bevor ihr Vater erschossen wurde – im September 1940, mehr als ein Jahr nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs –, zerbrach etwas in ihr. Ihre Tante Pura nahm sie damals mit in das Gefängnis in Valencia, sie beschwor das Kind: „Du siehst deinen Vater gleich zum letzten Mal, aber vergieß vor ihm keine Träne.“ José Celda Beneyto, genannt Pepe, griff nach dem Gitter und sagte: „Ich wünschte, ich könnte dich umarmen, Töchterchen, aber das wird ein Wunsch bleiben.“ Pepica spürte einen Knoten im Hals, als sie die Tränen runterschluckte. Sie sollten für den Rest ihres Lebens versiegen. Doch Pepica erzählt von alldem ohne jede Sentimentalität.
Im Jahr 2013 interviewte der Journalist Rodrigo Terrasa die Seniorin zum ersten Mal für eine Reportage in der spanischen Tageszeitung „El Mundo“. Pepicas Schicksal ließ ihn seitdem nicht mehr los. Nach längerer Überzeugungsarbeit gelang es Terrasa, den viel beschäftigten – und vielfach preisgekrönten – Comic-Autor Paco Roca dafür zu gewinnen, dem Thema eine Graphic Novel zu widmen. „Der Abgrund des Vergessens“ erschien im Juni 2025 in deutscher Übersetzung.
Denkmal für einen humanistischen Totengräber
Die Geschichte, die Terrasa und Roca zu Tage gefördert haben, ist mehr als eine persönliche Familiengeschichte. Sie ist so vielschichtig wie jenes Massengrab Nummer 126, eines der größten Gräber auf dem Friedhof Paterna in der Provinz Valencia. Pepica vermutet darin die Überreste ihres Vaters. Und wie viele andere Hinterbliebene wünscht sie sich eine würdige Einzelbestattung, eine Ruhe für die Ewigkeit. Zwei Jahre dauert ihr Kampf gegen das Labyrinth der Bürokratie, bis es ihr tatsächlich gelingt, eine Exhumierung zu erwirken.
Dass eine Identifizierung der dort verscharrten Opfer teilweise gelang, ist vor allem dem Totengräber Leoncio Badía zu verdanken. Auch diesem Republikaner und seinem mutigen, humanistischen Einsatz setzt der Comic ein Denkmal. Nach dem Krieg hatte man Badía dazu verurteilt, auf dem Friedhof zu arbeiten und „seine Leute“ zu begraben. Eine grässliche Tätigkeit, die ihn dennoch nicht abstumpfen ließ: Der Totengräber wusste genau, wo er jeden einzelnen Ermordeten begraben hatte. Er kletterte in die Gruben, um die verrenkten Körper der hineingeworfenen Leichen würdevoller auf die Erde zu betten. Und er bewahrte Hunderte Knöpfe, Stoffstücke oder sogar Haarsträhnen von den Toten in Weidenkörben auf – als Andenken für ihre Familien.

José Celda Beneyto wurde im Jahr 1940 erschossen. / Paco Roca / Reprodukt
Große Fragen rund um ein brutales Kapitel der Geschichte
Mindestens 100.000 bis 150.000 Menschen verschwanden während des Spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur. Roca und Terrasa berühren mit ihrer Graphic Novel große Fragen, die mit diesem brutalen Kapitel der Geschichte verbunden sind: Warum sind angemessene Begräbnisse ihrer Lieben für die Menschen so elementar? Was bedeutet es für Angehörige, wenn sie keinen Ort zum Trauern haben, ja nicht einmal trauern dürfen? Vergleiche mit der griechischen Antike oder dem Ersten Weltkrieg veranschaulichen, wie außergewöhnlich und ungeheuerlich es eigentlich war, dass die Bergung der Opfer, die Ehrungen und das Gedenken in Spanien allein der franquistischen Seite vorbehalten blieben.
Geschichtliche Hintergründe sind im Comic differenziert wiedergegeben – etwa die blutige Repression, die von Republikanern wie von Militärputschisten ausging und auf beiden Seiten viele Menschenleben forderte. Nach Kriegsende wurde die Repression von den Franquisten fortgesetzt. Eines dieser Opfer war Pepicas Vater Pepe, der verhaftet und mehrerer Morde beschuldigt wurde, die 100 Kilometer von seinem Wohnort begangen worden waren. In einem wenige Minuten dauernden Prozess verurteilte man ihn zum Tode.

Eine Szene aus "Der Abgrund des Vergessens". / Paco Roca / Reprodukt
Menschlich und berührend
Das Thema der Graphic Novel wird aus verschiedenen Perspektiven eingekreist: Da ist das junge Archäologenteam um die schwangere Elisa und ihren Mann Manuel, die uns an ihrer „Detektivarbeit“ teilhaben lassen – und an ihrem Umgang mit der „emotionalen Komponente“ des Unterfangens. Dass der Comic dieser Komponente gerecht wird, den „harten Tobak“ menschlich und berührend aufarbeitet, ohne jemals ins Rührselige abzudriften, liegt vor allem an den Zeichnungen von Roca.
Er bringt uns nah an die Figuren, lässt Verstorbene als Geister Gestalt annehmen und selbst erzählen oder kontrastiert Erinnerungen mit der Gegenwart: Die Hand des Vaters greift durch die Gitterstäbe; im nächsten Bild eine sorgsam beschriftete Tüte mit Knochen – „Hand Nr. 5.“ Auch den Kontext vermag Roca so zu veranschaulichen, dass es niemanden kaltlässt: Wir sehen ein anonymes Massengrab am Straßenrand, über das buchstäblich Gras wächst und gebaut wird. Dann ein Bild der Gebeine tief unten in der Erde, oben ein McDonald’s: „Die Demokratie wurde auf dem Vergessen errichtet.“
An manchen Stellen findet der Zeichner poetische Bilder wie im magischen Realismus. So erzählte Pepica, dass das schwarze Haar ihres Vaters beim Warten auf die Erschießung schneeweiß wurde. Roca zeichnet ihn als kummervollen Mann, der bis zum Haaransatz in seiner Zelle eingeschneit wird. Und immer wieder nimmt die Graphic Novel Bezug auf die Philosophie – eine Leidenschaft von Leoncio Badía. So auch bei der Kernbotschaft, die den Titel lieferte und an Platon angelehnt ist: „Das Vergessen ist der Abgrund, der Leben und Tod trennt. (…) Unsterblich ist die Seele. Das Gedenken. Nur das Vergessen bedeutet ihr Ende.“

Das Cover der Graphic Novel. / Reprodukt
Paco Roca und Rodrigo Terrasa, „Der Abgrund des Vergessens“, erschienen im Juni 2025 bei Reprodukt, 304 Seiten, 34 Euro, zu bestellen bei reprodukt.com
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